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Veröffentlicht: 11.10.2014, 05:38 Uhr

TV-Kritik: „Goldene Henne“ Superhenne auf Abwegen

Deutschlands größter Publikumspreis pendelt zwischen Desastern und würdigen Momenten. Westdeutsche dürfte die Sendung in jedem Fall irritieren: Statt Botox-Promis werden Straßenbahnfahrerinnen geehrt.

von
© dpa Gabi Edler, die Initiatorin vom Verein „Haus Tante E.“ für Straßenkinder, wird für ihr Engagement mit der „Goldenen Henne“ geeehrt

Wenn Sie diese Show verpasst haben, ist Ihnen etwas entgangen. Der Satz dürfte auf den größeren Teil Deutschlands zutreffen, denn die Verleihung der „Goldenen Henne“ blieb auch bei ihrem 20. Jubiläum eine ziemlich ostdeutsche Angelegenheit, live übertragen von MDR und RBB und ignoriert von Restdeutschland.

Mit Sonnenbrille vor dem Bildschirm

Stefan Locke Folgen:

Das ist schon mal die erste Peinlichkeit in einem Jahr und in einer Woche, in der anlässlich des 25. Jahrestags der Friedlichen Revolution ständig an den Mut und die Entschlossenheit der Ostdeutschen erinnert wird, man aber ansonsten medial möglichst nicht von ihnen behelligt werden möchte. Die „Goldene Henne“ wie „Bambi“ zur Primetime in der ARD? Bloß nicht! Da könnte man am Ende sogar noch etwas über den Osten lernen. Zugegeben: Die Show vom Freitagabend hat es einem nicht leicht gemacht, und das lag vor allem an technischen Pannen, die am Montag bei MDR und RBB zu ein paar Abmahnungen führen dürften: Der Ton setzte bisweilen völlig aus, die Playback-CDs hakten, und der Bühnenhintergrund strahlte bei Nahaufnahmen so grell, dass man am Bildschirm eine Sonnenbrille brauchte.

Vielleicht lag es daran, dass die Show aus Anlass des Doppeljubiläums „25 Jahre Herbst 1989“ und „20 Jahre Goldene Henne“ einmalig von Berlin nach Leipzig gezogen war. Aber Proben hätte man trotzdem mal können. Kai Pflaume, als gebürtiger Leipziger mit Heimvorteil, moderierte die Schose souverän weg und überzog bis Mitternacht. Aber es gab ja auch viel zu behandeln und zu feiern.

Demonstranten als Disney-Statisten

Mit den Bildern der Montags-Demos, vom MDR-Sinfonieorchester live dramatisch untermalt, ging es schon mal los. Was emotional sein sollte, wirkte kitschig: Die Demonstranten als Disney-Statisten für die große Show. Wer weiß noch, dass sie damals Leib und Leben riskierten? Dass emotionales und würdiges Erinnern funktioniert, zeigte später die Verleihung der „Goldenen Henne“ in der Kategorie „Stille Helden“. Ausgezeichnet wurde eine Frau namens Katrin Behr, die 2008 den Verein „Opfer von Zwangsadoptionen“ gründete und seither fast 600 Fälle klären konnte. Hier brach die einst brutale Realität, in der die DDR politisch Missliebigen die Kinder wegnahm, in die heile Show-Welt. Und es war ein starker, berührender Moment ohne jede (N)ostalgie.

Die „Henne“ gibt es seit 1995. Aus der Taufe gehoben von „SuperIllu“ und dem MDR, deren Leser und Zuschauer über die Vergabe abstimmen, ist das güldene Federvieh längst vom ostdeutschen Befindlichkeits- zum größten Publikumspreis der Republik herangewachsen. Geblieben sind der Name, der an die DDR-Entertainerin Helga „Henne“ Hahnemann erinnert und der Preis selbst, ein dreieinhalb Kilo schweres vergoldetes Bronze-Huhn, dessen Haltbarkeit sein Schöpfer, der Berliner Künstler Christian Bonnet, einst mit dem Satz „Könnse auch in’ Jarten stellen“ unterstrich.

Helene Fischer hält Hennen-Rekord

Zehn Hennen standen diesmal zur Verleihung, gleich zwei davon gingen an Helene Fischer, die in den Kategorien Musik und „Superhenne“ (heißt wirklich so), die anlässlich des Jubiläums erstmalig vergeben wurde, abräumte, sie aber aufgrund ihrer Konzerttournee nicht persönlich entgegennahm und aus dem Off grüßte. Die Sängerin („Atemlos“) hält mit sechs Hennen den Rekord vor Wolfgang Stumph, der als beliebtester Schauspieler sein fünftes Huhn überreicht bekam. Würde einen nicht wundern, wenn beide 2015 als jeweils eigene Kategorie an den Start gingen.

Den Goldene Henne Sport gewann die Fußball-Nationalmannschaft, für die stellvertretend Sami Khedira und Per Mertesacker sowie als Gratulanten die Alt-Weltmeister Horst Eckel (1954), Bernd Hölzenbein (1974) und Bodo Illgner (1990) angereist waren. Bei der Gelegenheit war zu erfahren, dass Mertesacker mit einer Leipziger Handballerin verheiratet ist und Khediras Bruder beim Zweitliga-Klub „Rasenballsport Leipzig“ kickt. Zu dieser jungen Generation, für die Ost und West kaum noch eine Rolle spielt, zählt auch der Radrennfahrer Marcel Kittel, der völlig zu Recht die Henne als „Aufsteiger des Jahres“ überreicht bekam und sich darüber sichtlich freute.

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