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Veröffentlicht: 06.04.2017, 07:08 Uhr

TV-Kritik: Sandra Maischberger Gefangen in der Authentizitätsfalle

Sandra Maischberger widmet sich mit einer Publikumsdebatte dem Thema Gerechtigkeit. Schnell sind die anwesenden Politiker angesichts der Einzelschicksale überfordert.

von Frank Lübberding
© WDR/Thomas Kost Sandra Maischberger wählt das Format der Publikumsdebatte, um sich dem Thema Gerechtigkeit zu widmen.

Im kommenden Bundestagswahlkampf wird es viel um Gerechtigkeit gehen. Mit dieser Annahme steht Sandra Maischberger nicht alleine da. Die Moderatorin nahm ihre Vermutung zum Anlass für eine Neuauflage ihrer Publikumsdebatte. Es sollten Bürger zu Wort kommen, die ihre Meinungen und Sichtweisen erläutern. Denn im Gegensatz zu Interessengruppen und der Politik wird ihnen ein hohes Maß an Authentizität zugebilligt. Das konnte man auch gestern Abend in Maischbergers Sendung wieder erleben.

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Denn eine Interessengruppe, die vor Wahlen feststellt, ihr ginge es zu gut, muss erst noch erfunden werden. Es ist schließlich das Wesen von Lobbys, ihre Erwartungen und Ansprüche zu formulieren. Sie müssen allerdings verallgemeinerungsfähige Argumente finden, um sich durchzusetzen. Dafür gibt es zwei Klassiker: Entweder den gesamtgesellschaftlichen Nutzen herauszustellen oder an die moralischen Gefühle der Gesellschaft zu appellieren. Ohne das wären Lobbys nichts anderes als quengelnde Kinder vor den berühmten Supermarktkassen. Es ist die Aufgabe der Politik aus diesen widerstreitenden Interessen das Gemeinwohl herauszufinden. Dieses ist nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit zu bestimmen, sondern selbst wieder Gegenstand des politischen Streits. Es ist der Kern der Politik.

Drei Jobs sind nicht genug

Wie authentisch hingegen „normale“ Bürger sind, zeigte sich in Maischbergers Sendung erleben. So erfuhren wir von einer Mutter, die mit drei Jobs lediglich auf tausend Euro Nettoeinkommen kommt, und von einem früheren Hauptschullehrer, dessen Erwerbsunfähigkeitsrente nicht für das Existenzminimum reicht. Oder vom Schicksal eines Mannes, der nach einem Schlaganfall und der Trennung von seiner Lebensgefährtin unversehens in München zum berufstätigen Obdachlosen wurde. Diese Beispiele sollten Armutsrisiken deutlich machen. Es widerspricht wahrscheinlich dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen, wenn Mütter mit drei Jobs auf keinen grünen Zweig kommen. Oder jemand unter einer Brücke schlafen muss, weil es in München für Menschen mit niedrigen Einkommen fast unmöglich geworden ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

45717512 © WDR/Thomas Kost Vergrößern SPD-Generalsekretärin Katarina Barley zeigt bei Maischberger Verständnis, will den Fall des früheren Hauptschullehrers aber nicht beurteilen, da sie die Umstände dieses Einzelfalls nicht kenne.

Die anwesenden Politiker, die SPD-Generalsekretärin Katarina Barley und der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus, reagierten auf diese Aussagen zurückhaltend. Frau Barley wollte den Fall des früheren Hauptschullehrers nicht beurteilen. Sie würde die Umstände dieses Einzelfalls nicht kennen. Brinkhaus drückte seine Wertschätzung für die Mutter mit den drei Jobs aus, sich trotz solcher widriger Umstände den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Diese Zurückhaltung der Politiker ist durchaus nachvollziehbar. Sie sollen sich zu Lebensschicksalen äußern, die sich aber einer politischen Beurteilung entziehen. Als Menschen haben sie Mitgefühl, aber als Politiker werden sie die Konsequenzen ihres Handelns bedenken. Etwa wenn ihnen jemand aus dem gleichen Publikum erläutert, warum er die Steuer- und Abgabenbelastung der gut verdienenden Mittelschicht für zu hoch hält. So argumentierte ein „Jurist und Unternehmer“ aus Lünen, der schon als Student hart arbeitete anstatt etwa auf Studentenpartys zu gehen. So unterschiedlich sind die Lebenslagen von Menschen, sicherlich nicht nur im Publikum von Frau Maischberger.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“

Ein Berliner Rentner brachte das gut auf den Punkt. Er formulierte eine zeitgenössische Variante von „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Der frühere Hauptschullehrer erschien ihm noch als arbeitsfähig, sein eigener Lebensweg als exemplarisch für ein selbstbestimmtes Leben. Letztlich wäre dieser Sozialstaat überreguliert und jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich. Vergleichbare Formulierungen prägten noch vor fünfzehn Jahren jede zweite Talkshow von Sabine Christiansen, allerdings brauchte man dafür keine Berliner Rentner aus dem Publikum. Deren Vertreter saßen auf dem Podium.

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