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TV-Kritik: „Günther Jauch“ : Putin wirbt um Deutschland

Der russische Präsident Wladimir Putin im Interview mit ARD-Reporter Hubert Seipel Bild: dpa

Russlands Präsident enthüllt in der ARD seinen Plan: Eine russisch-deutsche Entente muss her, um den Frieden in Europa zu erhalten. Was die Ukrainer wollen, spielt keine Rolle. So spannend war der Polit-Abend lange nicht mehr.

          Seit Freitag hatte die ARD die Geschichte angeheizt: Putin kommt! Putin kommt! Putin kommt! Das große Interview! Am Sonntag! Bei Günther Jauch! Dem Reporter Hubert Seipel wurde vom Kreml ein Interview gewährt! In Wahrheit war es genau umgekehrt: Das erste deutsche Fernsehen! Bot dem russischen Präsidenten! Die einmalige Gelegenheit! Beim deutschen Publikum um Verständnis für seine Haltung zu werben und seine Botschaft loszuwerden.

          Putin befürchtet „ethnische Säuberungen“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und das machte er: Eine halbe Stunde lang erklärte er zur besten Sendezeit, warum er die Krim annektiert und das Völkerrecht trotzdem nicht gebrochen habe. Selbstverständlich hätten russische Truppen die ukrainischen Truppen „blockiert“. Warum? „Um ein Blutvergießen zu verhindern.“ Es sei zu befürchten, sagte Wladimir Putin, dass in der Ukraine „der Wunsch nach ethnischen Säuberungen“ aufkomme, die Faschisten seien auf dem Vormarsch. Die Wirtschaftssanktionen des Westens schwächten Russland nicht, sondern seien Anreiz, mehr eigene Produkte zu entwickeln.

          Was wird aus der Ukraine? Sie sei „ein großes europäisches Land mit einer europäischen Kultur“, sagte Putin. Doch müssten „alle Menschen auf diesem Territorium ein Gefühl dafür entwickeln, dass es ihre Heimat ist“. Eine Föderalisierung der Ukraine sei denkbar (also eine Teilung). Und warum es eine besondere deutsch-russische Entente geben könne – zu beiderseitigem Nutzen und um der Erhaltung des Friedens willen, sagte Putin auch: Deutschland und Russland seien an einer Beruhigung der Lage interessiert. Man könne einen „einheitlichen politischen Raum“ schaffen, Russland sei dazu bereit.

          Das war eine ganz schöne Packung. Ganz schön kühn - man könnte auch sagen: dreist -, was Putin da anbot und vorschlug. Aber er brachte seine Ansprache so lässig, ruhig und sachlich rüber (auch mit dem einen oder anderen Halbsatz auf Deutsch) , dass man denken konnte: Warum nicht? Die Ukrainer sind alle selbst schuld. Die Russen sind die wahren Opfer. Und genau so sollte es sein - Deutschland und Russland treten als Friedensmächte in Europa auf, Seit an Seit. Mit der einen oder anderen Grenzkorrektur zu Lasten Dritter müsste man im Zweifel selbstverständlich rechnen. (Historische Analogien ziehen wir an dieser Stelle einfach mal nicht.)

          Der Historiker Heinrich August Winkler kapierte in der anschließenden Gesprächsrunde bei Günther Jauch gleich, was der russische Präsident da gerade unternommen hatte – den  Versuch, Deutschland aus der westlichen Allianz herauszubrechen. Und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen. So spannend kann politisches Fernsehen sein.

          Die Vergangenheit rechtfertigt Putins Handeln nicht

          Dazu leistete auch der Reporter Hubert Seipel seinen Beitrag. Er hat schon Recht, wenn er sagt, man müsse nicht den Helden spielen, wenn man ein Interview mit dem Kreml-Chef führt. Was wohl auch bedeuten soll: Im Gespräch mit Putin bringt es gar nichts, wenn ich ihm gleich sämtliche Vorwürfe des Westens vor den Latz knalle. An der einen oder anderen Stelle hätte Seipel aber schon einmal nachfragen können – bei den vermeintlich zu befürchtenden ethnischen Säuberungen, bei den ukrainischen Neonazis, bei der Annexion der Krim und Putins schiefem Vergleich, das sei genauso gewesen wie sich der Westen, die Nato damals im Kosovo verhalten habe.

          Denn je länger Putin unwidersprochen ins Monologisieren kam, desto rationaler mochte einem erscheinen, was er in den vergangenen Monaten in der Ukraine angestellt hat. Kaum zu glauben, dass dieser Mann einem souveränen Nachbarstaat ein Gebiet per militärischer Besetzung entwunden hat und Separatisten unterstützt, die den Osten der Ukraine ins Chaos stürzen.

          Es war an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, auf ein paar Dinge hinzuweisen: Die Vergangenheit macht Putins Verhalten erklärbar, rechtfertigt es aber nicht. Das Verständnis für die russische (Seelen-)Lage mit Blick auf das seit 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlorene Terrain und die verlorene Bedeutung als Weltmacht, darf nicht vergessen machen, dass der Kollaps des sowjetischen Systems den Nationen in Osteuropa die Freiheit brachte. Diese Länder haben alles Recht, ihre Freiheit zu verteidigen und sie haben allen Grund, das Schlimmste zu befürchten, wenn sie Putin reden hören, er müsse die Russen in aller Welt schützen.

          Wo bleiben die Ukrainer?

          Es ist schon erstaunlich, dass gerade diejenigen, die von Putin nichts Gutes zu erwarten haben, in deren Land er einmarschiert ist oder einmarschieren lässt, bei der Debatte bei uns immer zu kurz kommen. Esten, Letten, Litauer, Polen – sie sind in Talkrunden und bei Befragungen gar nicht da. Ukrainer tauchen höchst selten auf, und wenn, dann wissen die Sender offenbar nicht, wen sie für eine/n legitime/n Vertreter/in der Ukrainer halten sollen. Die russische Regierung hingegen ist stets dabei. Was die Besetzungsliste angeht, hat sich das deutsche Fernsehen auf Putins Zweierbund schon eingestellt.

          Ursula von der Leyen aber macht da, wie schon erwähnt, nicht mit. Was am Ende der Sendung, in der zuerst das Interview lief und dann die Exegese im Studio folgte, aber irgendwie schon wieder in Vergessenheit geriet, als die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, die früher Moskau-Korrespondentin war, an den guten alten Boris Jelzin erinnerte, der dem Westen so wohlgesonnen war. Auch der sage: „Russland muss man mit Sie ansprechen.“ Was bedeutet: Russland muss man mit Respekt behandeln. Selbstverständlich, klar. Doch wie geht das mit dem Respekt, wenn einer das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht anderer nicht respektiert?

          Merkel mal im russischen TV?

          Ob er es für möglich halte, dass Angela Merkel oder Barack Obama im russischen Fernsehen auch einmal eine solche Möglichkeit für einen Auftritt bekämen wie Putin soeben in der ARD, wollte Günther Jauch dann noch von Hubert Seipel wissen. Der reagierte leider so verkniffen, wie er sich von Beginn an in der Runde gab (dem Sinn nach: Müssen Sie bei den Russen fragen). Es brauchte einen zweiten Anlauf, bis Seipel sagte: „Ich denke, Frau Merkel wäre ein gern gesehener Gast im russischen Fernsehen.“ Obama selbstverständlich nicht.

          Doch ob die Bundeskanzlerin dann auch so dezidiert neutrale Fragen gestellt bekäme wie Putin von dem NDR-Reporter? Und sich eine Debatte anschlösse, die in der Sache eindeutig, aber ohne jede Polemik war? Wer einmal einen Blick auf den seit einigen Tagen auch in deutscher Sprache im Internet sendenden Staats-Kanal „Russia Today“ geworfen hat, wird sich das schwerlich vorstellen können.

          Dort sieht man nämlich, wie Propaganda geht, die zu jedem (aus Sicht der russischen Regierung) unangenehmen Faktum eine Verschwörungstheorie packt, damit am Ende nichts als pure Verwirrung und die Wahrheit als Lüge und die Lüge als Wahrheit dasteht.

          Die ARD hingegen hat an diesem Abend gezeigt, wie man Propaganda, die auch und vor allem darauf abzielt, unabhängigen und vorurteilsfreien Journalismus zu diskreditieren, am besten begegnet: Man hört die Beteiligten (die Ukrainer, wie gesagt, fehlten), Standpunkte Pro und Kontra. Gleicht Worte mit Taten ab. Dann kann sich jeder sein Urteil bilden. An diesem Abend angefangen beim „Weltspiegel“ mit einem Bericht von der Front in der Ostukraine bis hin zu Jauchs Putin-Spezialausgabe. Wer sich einem Reim auf die Pläne und die Lage des russischen Präsidenten machen wollte, der konnte nach diesem Abend tatsächlich ein wenig schlauer sein.

          Quelle: FAZ.NET

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