http://www.faz.net/-gsb-8c54b

Phoenix zur Gewalt in Köln : Nichts ist gutgegangen

  • -Aktualisiert am

Im Parlamentskanal Phoenix wird unaufgeregt über das Versagen der Kölner Polizeiführung in der Silvesternacht diskutiert, in der Frauen massenhaft angegriffen wurden. Es geht auch um die Lehren, welche die deutsche Politik ziehen muss, damit die Stimmung nicht vollständig kippt.

          Eines wird sicher nicht mehr passieren: Dass Fernsehredakteure Interviewpartner in einem Vorgespräch vor der Sendung anweisen, sie sollten im Zusammenhang mit den Ereignissen in Köln nicht über Flüchtlinge reden. Ansonsten werde man das Interview abbrechen. So etwas sei an ihn in den letzten Tagen schon herangetragen worden, sagte der Kriminologe Christian Pfeiffer am Donnerstagabend in der „Phoenix-Runde“. Diese ist zwar wie die Kollegen bei ARD und ZDF eigentlich noch in der Weihnachtspause, aber der Parlamentskanal brachte anlässlich der Übergriffe von Köln eine Sonderausgabe mit dem Titel „Der Silvesterskandal – Wer schützt uns noch?“.

          Pfeiffer konnte sich gegen die Sprechzettel-Vorgabe übrigens durchsetzen. Dem früheren Justizminister von Niedersachsen wird niemand so schnell unterstellen, er sei ein Rassist oder sympathisiere mit den Pegida-Demonstranten in Dresden. Was dem viel gefragten Pfeiffer widerfuhr, dementiert jedoch so ziemlich alles, was in den vergangenen Tagen zur Rechtfertigung journalistischen Handelns formuliert worden ist. Hier offenbart sich eine Mentalität, die journalistischen Prinzipien widerspricht: Es wird nicht um Sachverhalte gestritten, sondern um politische Deutungshoheit. Auch wenn man dabei zu elementaren Fakten in Widerspruch gerät.

          Integrationspolitik wird konkret

          Das Denkmuster lautet: „Flüchtlinge“ werden nur erwähnt, wenn sie zur idealistischen Figur im Kampf gegen Rechtsextreme taugen. Das aber ist eine politische Perspektive, keine journalistische. Für diese Haltung in Fernsehredaktionen gibt es nun eine kalte Dusche. In den Blick gerät die große Zahl junger Männer unter den Flüchtlingen. Nicht nur in Köln gibt es Strafanzeigen und Berichte von Frauen, die von Konflikten mit jungen Migranten berichten. Die Herausforderung der Integrationspolitik wird konkret.

          Christian Pfeiffer im März 2015.

          Das wurde nicht nur bei Phoenix deutlich, sondern auch in den Sondersendungen von ARD und ZDF. Er könne die „ewigen Warnungen vor Pauschalisierungen nicht mehr hören“, sagte Oliver Malchow, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, in der „Phoenix Runde“. Es brachte seinen Verdruss über ein politisches Klima zum Ausdruck, das sich nur mit dem „Fehlverhalten der Polizei“ beschäftige, anstatt mit dem Thema „Innere Sicherheit“. Allerdings kann damit nicht das Ansehen der Polizei in der Bevölkerung gemeint sein. Sie genießt hohe Akzeptanz. Was in Köln zu erleben war, ist die massive Verunsicherung der Polizei, die sich von Vorgesetzten und Politik im Stich gelassen sieht.

          Übernahme von Verantwortung

          Offenkundig hätte die Situation in Köln nur durch einen massiven Polizeieinsatz verhindert werden können. Dann hätte es aus Köln andere Bilder gegeben: Polizisten, die mit Schlagstöcken vorgehen, die Einkesselung der Störer, massenweise Festnahmen. Der WDR hätte keine Stunde gebraucht, um darauf in seiner Berichterstattung zu reagieren. Aber hätten sich die Einsatzleiter in Köln auf den Rückhalt der Politik verlassen können? Es hätte die Übernahme von Verantwortung bedeutet, verbunden mit dem Risiko eines späteren Rücktritts. In einem Land, in dem sogar die Bundeskanzlerin nur noch Fragen stellt und ihre persönliche Betroffenheit artikuliert, muss man ein derartiges Rückgrat von Polizeipräsidenten oder Innenministern nicht unbedingt erwarten.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Amerikas Vize-Präsident Mike Pence am Donnerstag auf dem Asean-Gipfel in Singapur. Scharf kritisiert er hier Chinas Politik in Asien.

          Asean-Gipfel : Amerikaner üben scharfe Kritik Chinas Machtpolitik

          Die Amerikaner warnen Asien vor China und bieten sich als der bessere Kooperationspartner an. Aber kann Vizepräsident Pence auf den Gipfeln von Asean und Apec überzeugen, wenn sein Chef lieber zuhause bleibt?

          Weitere Großspende : Grüne werfen AfD Schwarze Kassen vor

          FDP und Grüne erheben schwere Vorwürfe gegen die AfD. Die Rede ist von Rechtsbruch, Schwarzen Kassen und dem Einsatz von Strohmännern. Klar ist: Die AfD hat nicht nur aus der Schweiz großen Summen erhalten.

          Mira Ricardel : Trump zieht Mitarbeiterin von Posten ab

          Melania fordert, Donald macht. So scheint es derzeit im Weißen Haus abzulaufen. Nach diesem Muster hat der Präsident die nächste Mitarbeiterin rausgeworfen. Weitere könnten folgen.
          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.