http://www.faz.net/-gsb-8vgwf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 02.03.2017, 04:34 Uhr

TV-Kritik: „Phoenix Runde“ Trumps Augenbraueninnenseiten

Der amerikanische Präsident hält seine erste Rede vor dem amerikanischen Kongress. Die Furcht vor einem abermaligen Frontalangriff ist groß, doch er bleibt aus. Was ist los mit Donald Trump? Darüber informiert bei Phoenix ein Mimikforscher.

von Frank Lübberding
© AP Was sagt Donald Trumps Mimik über seinen Gefühlszustand aus? Darüber klärt bei Phoenix ein Mimikforscher auf.

Die Furcht war groß: Würde Donald Trump seine Rede vor dem amerikanischen Kongress nutzen, für einen seiner berüchtigten Angriffe - auf die Medien, auf die Richter, auf alle? So etwas würde als Anschlag auf das politische System und die guten Sitten verstanden. Trotzdem wollte das im Vorfeld niemand ausschließen. Deshalb machte Phoenix Trumps Rede zum Thema der abendlichen Talkshow.

Man stelle sich das in Deutschland vor: Ob Angela Merkel oder Martin Schulz ihre Reden vom politischen Aschermittwoch auch als erste Regierungserklärung nach einer gewonnenen Bundestagswahl hielten? Diese Frage ist selbstredend absurd. Politische Reden haben schließlich immer ihren Anlass und ihr Publikum. Entsprechend unterschiedlich fallen sie aus. Es reicht vom staatstragenden Ernst bis zur polternden Polemik. Wobei die vergangenen zwölf Jahre unsere Sichtweise auf das Amt des Bundeskanzlers verändert haben. Die Lust an der politischen Rauferei war nie der Stil von Frau Merkel. Selbst am politischen Aschermittwoch erzeugt die Kanzlerin den Eindruck von Sachlichkeit, der allerdings bisweilen eher an Referate als an lustvoller politischer Redekunst erinnert.

Ihr neuer Amtskollege in Washington ist in der Beziehung von einem anderen Kaliber. Für ihn hat Morgenstund Gold im Mund, weswegen der Rest der Welt gespannt auf seine morgendlichen Mitteilungen via Twitter wartet. Die ersten fünf Wochen im Weißen Haus waren von einer bis dahin selten gesehenen Dramatik. Donald Trump polemisierte und polarisierte. Jede Äußerung wurde zur innen- und außenpolitischen Kampfansage. So waren alle Beobachter gespannt, wie er sich in seiner ersten Rede vor beiden Kammern des amerikanischen Kongresses artikulieren würde. Wird er sich dem Anlass und dem Publikum entsprechend verhalten, oder unbeirrt den bisherigen Stil fortsetzen?

Trump gibt sich staatsmännisch

Diese Vorstellung wäre unter normalen Umständen fast schon verrückt zu nennen. Ein Präsident, der bei dieser Gelegenheit die Presse zum Feind oder einzelne Richter als Sicherheitsrisiko deklarierte, verlöre sofort den Boden unter seinen Füßen. Es würde als Anschlag auf das politische System und die guten Sitten verstanden. Trotzdem wollte das im Vorfeld niemand ausschließen.

Doch der Fernsehsender Phoenix hatte Pech. Wir erlebten eine konventionelle, dem Anlass entsprechende Regierungserklärung des amerikanischen Präsidenten. Es passierte nichts Umstürzlerisches, vielmehr das Bemühen den bekannten Raufbold vergessen zu lassen. Die Augsburger Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson nannte als Grund die historisch niedrigen Zustimmungswerte so kurz nach Trumps Amtsübernahme. Frau Waldschmidt-Nelson fand eine folgerichtige Erklärung für die durchaus positive Resonanz auf diese Rede in den ersten Meinungsumfragen: Die meisten Amerikaner wären froh, dass sich ihr Präsident „so staatsmännisch verhalten kann.“

© F.A.Z., White House Rede vor dem Kongress: Was Trump gesagt hat

Die Rede lohnte eigentlich nicht die Debatte, weswegen diese Sendung schließlich zu eine Art politikwissenschaftliches Seminar geriet. So erklärte der politische Analyst Jan Techau die Funktion einer solchen Rede. Es ginge um die Innenpolitik, weshalb die Außenpolitik dort kaum eine Rolle spielte. Vor allem soll sie aber die Bindung der republikanischen Kongressmehrheit an ihren Präsidenten stabilisieren. Techau wählte dafür das schöne Bild der „Verheiratung.“ Trumps Rede wurde in jeder Einzelheit seziert. Der Journalist der „Deutschen Welle“, Brant Goff, sah in einer Bemerkung Trumps über den islamistischen Terrorismus einen Hinweis auf die Stellung des neuen Sicherheitsberaters, der vor einer solchen Formulierung gewarnt haben soll. Zugleich erkannte er in einer andere Passage eine Botschaft an Angela Merkel, die aber nicht auf Anhieb erkennbar gewesen sein muss.

Stresssituationen und Überlegenheitsgefühle

Da war es durchaus konsequent, wenn der Mimikforscher Dirk Eilert von der „Akademie für emotionale Intelligenz“ auf Grundlage von Redeausschnitten über die emotionale Verfassung des Präsidenten Aufschluss geben wollte. Eilert analysierte Mundwinkel, nach oben gezogene Augenbraueninnenseiten und fehlendes Lächeln. Er diagnostizierte Stresssituationen und Überlegenheitsgefühle. Sogar ein Denken Trumps in Schwarz-Weiß-Kategorien hätte sich erkennen lassen. Trump wäre aber immerhin fähig gewesen, Trauer auszudrücken. Allerdings konnte Eilert die Frage nicht beantworten, was daran jetzt Inszenierung war oder tatsächlich authentisch.

Die Annahme, es wäre für Trump eine Stresssituation gewesen, ist dafür gut begründet. Das vermutet auch der in der Mimikforschung wenig bewanderte Rezensent dieser Sendung. Wobei er nicht ausschließen will, ob ihm nicht angesichts solcher Erkenntnisse bisweilen selbst die Gesichtszüge verrutschten.

So wagte der Ökonom Max Otte den leicht spöttischen Einwand, trotz der Berechtigung zum Psychologisieren käme es doch auf die Inhalte an. Er nannte etwa die Folgen jener marktfundamentalistischen Idee des „Washington Consensus“, die die Globalisierung weitgehend prägte. Ottes Beurteilung von Trump hängt vor allem damit zusammen. Er sieht hier den ernstzunehmenden Versuch an diesen Strukturproblemen der Weltwirtschaft etwas zu ändern. Entsprechend positiv beurteilte er diese Rede vor dem Kongress.

© AFP, reuters Einwanderer sehen Trumps Rede skeptisch

Kann man nach dieser Rede von den „zwei Gesichtern des Donald Trump“ sprechen, wie es fragend im Titel der Sendung hieß? Also den „Teleprompter-Trump“ versus den „Twitter-Trump“, so formulierte es der Moderator Alexander Kähler. Nun haben alle Politiker verschiedene Gesichter, wenn sie nicht zu jedem Anlass die gleiche Rede halten wollen. Auch in Deutschland eignet sich eine Aschermittwochsrede nicht als Regierungserklärung. Das gilt selbst in Bayern.

Aber nach den ersten Wochen mit Donald Trump im Weißen Haus haben die bisher gültigen Maßstäbe ihre Gültigkeit verloren, nicht zuletzt wegen Trump selbst. Ihm wird alles zugetraut, sogar ein desaströser Auftritt im Kongress. Dafür ist sein erratischer Politikstil verantwortlich, verbunden mit der weitgehenden Ahnungslosigkeit über die Mechanismen des politischen Systems.

Zeichen für Normalisierung?

Trumps Rede könnte man daher als eine Rückkehr zur Normalität begreifen. Allerdings wies Techau auf einen wichtigen Widerspruch hin. Trump braucht einerseits den Kongress zur Umsetzung seiner Politik. Andererseits muss er „auf seine Wähler Rücksicht nehmen und seinen Stil beibehalten“, so Techau, weil sie sich als Bewegung gegen das Washingtoner Establishment verstehen. Darin sieht Otte wiederum den eigentlichen Pluspunkt dieser Präsidentschaft. Trump setzt jene Missstände auf die Tagesordnung, wo sich die amerikanische Politik bisher als erfolglos erwiesen hat. Otte nannte die faktische Arbeitslosigkeit, die grassierende Ungleichheit oder die Kriminalität in den Großstädten.

Welche Erwartungen sich an diese Präsidentschaft erfüllen, lässt sich somit heute noch nicht prognostizieren. Otte formulierte die Hoffnung auf eine „große Präsidentschaft“, während Techau die Angriffe auf Justiz und Presse als „Anschläge auf das politische System“ wertete, die „systematisch betrieben werden.“ Trumps Rede könnte aber immerhin ein Zeichen für eine gewisse Normalisierung sein.

In Zukunft müsste sich so noch nicht einmal die Phoenix Runde über jede Rede dieses Präsidenten den Kopf zerbrechen. Das könnte man dann dem akademischen Seminar überlassen, notfalls sogar einem Mimikforscher. Über die  Augenbraueninnenseiten der Kanzlerin und ihres Herausforderers haben wir gestern übrigens nichts erfahren. Die deutsche Innenpolitik wird das aber zum Glück trotzdem überleben.   

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 57 82

Zur Homepage