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TV-Kritik: Olympia : Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten

  • -Aktualisiert am

ARD und ZDF sind im Olympia-Wahn. Bild: dpa

ARD und ZDF übertragen fast rund um die Uhr von den Olympischen Spielen. So wird die Berichterstattung zum teuersten Nischenprogramm des deutschen Fernsehens – und zur Unterstützung eines kranken Gigantismus.

          Reizüberflutung ist der programmatische Kern der Olympischen Spiele. Der Zuschauer kommt kaum noch mit. Gestern Abend war wieder so eine Gelegenheit, um das live zu erleben. So stürzte beim Straßenradrennen der Damen die führende Niederländerin Annemiek van Vleuten auf der Abfahrt zum Ziel schwer. Die Bilder waren schockierend. Das Rennen endete auch sportlich dramatisch, weil die nach dem Sturz der Konkurrentin führende US-Amerikanerin wenige Meter vor dem Ziel von ihren drei Verfolgerinnen eingeholt worden war. Man hatte allerdings kaum Zeit zum Verschnaufen. Mittlerweile hatte schon das zweite Vorrundenspiel der deutschen Fußballer begonnen.

          Mitten in der ersten Halbzeit unterbrach das ZDF kurz die Übertragung. Studiomoderator Rudi Cerne teilte mit, Annemiek van Vleuten wäre nach Aussage niederländischer Quellen ansprechbar und auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Spiel der deutschen Olympia-Fußballer gegen Südkorea endete schließlich unentschieden, weil Serge Gnabry vom FC Arsenal in der Nachspielzeit noch den Ausgleich erzielte.

          Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung

          Natürlich macht diese schnelle Programmfolge zugleich den Reiz von Olympischen Spielen aus. Schließlich hat König Fußball in der medialen Präsenz alle anderen Sportarten längst zur Randsportart degradiert. Ohne die Spiele fänden diese kaum noch in den Medien statt. So wäre es in normalen Zeiten undenkbar, dass etwa ein Straßenradrennen der Damen zu einer verspäteten Liveübertragung eines Fußballspiels führen könnte. Selbst ein schwerer Sturz wie gestern Abend kommt dann lediglich noch in den Nachrichtenblocks der Sportsendungen vor.

          In diesen knapp zwei Wochen von Rio ist das alles anders. Am Ende ist jede Medaille gleichviel wert, gleichgültig in welcher Sportart sie errungen worden ist. Und sie sind das vor allem deshalb, weil der bisweilen  geschmähte Medaillenspiegel immer noch als Ausdruck nationalen Leistungsvermögens gilt. Die Siegeschancen der eigenen Athleten sind der wesentliche Bezugspunkt für Berichterstattung, keineswegs nur in Deutschland.

          So bemühen sich ARD und ZDF in diesen Tagen um eine Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung, die keine Wünsche offen, und vor allem kaum eine Pause zulässt. Es gibt täglich eine Sechzehnstunden-Liveübertragung, die lediglich in den Vormittagsstunden mitteleuropäischer Zeit unterbrochen wird, wenn Rio sprichwörtlich schläft. Der Zuschauer kann alles mitbekommen, sogar das, was nicht im Fernsehen gezeigt wird. In solchen Fällen kann er die umfangreichen Onlineangebote der Sender nutzen. Trotzdem fragt man sich, für wen eigentlich die Nachtprogramme von den Olympischen Spielen ausgestrahlt werden.

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          So soll die nächtliche Übertragung der Eröffnungsfeier zwei Millionen Zuschauer gehabt haben. Allerdings werden nicht die Zuschauer gemessen, sondern die eingeschalteten Fernsehgeräte. Wie viele von diesen zwei Millionen waren wohl vor dem Fernseher eingeschlafen und haben in Wirklichkeit gar nichts mitbekommen? So erging es wenigstens dem Autor dieser Zeilen. Er wachte erst wieder auf, als die ARD am frühen Samstagmorgen eine Dokumentation über die Geschichte der Olympischen Spiele bis München 1972 ausstrahlte. Darin enthalten noch ein Rückblick auf die Spiele von London im Jahr 2012. Der Autor Michael Dittrich musste sich auf die relevanten Ereignisse beschränken, was diesen Rückblick trotz seiner für gegenwärtige Verhältnisse grandiosen Länge von drei Stunden kurzweilig machte.

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