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ARD zeigt „Das Golddorf“ : Heimat – das ist nicht bloß ein Ort

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Bild: NDR/Pier53

Wenn die Fremden fern der Heimat zu Identifikationsfiguren werden: Eine liebevoll neugierige Langzeitdokumentation verfolgt den stillen Kulturwandel zwischen Flüchtlingen und Bewohnern in einem bayerischen Dorf.

          Gewöhnungsbedürftig ist es schon, das kulturell ganz und gar Fremdartige. Atavistisch scheinen die Gebräuche, jenes Getöse etwa, das man in diesen zivilisationsfernen Gefilden für Musik hält, oder die kreiselnden und stampfenden Stammestänze, die neben der Vertilgung von Flüssigweizen den Hauptlebensinhalt der hier lebenden Ethnie darstellen. Stutzig machen auch die gebäckförmigen Frisuren der Frauen, in deren Herstellung viele Stunden investiert werden und ohne die ihre Trägerinnen – so erzählt eine der Porträtierten in dieser warmherzigen, unaufdringlichen Dokumentation von Carolin Genreith – niemals im Dorf aufzukreuzen wagten: „Das gibt Ärger.“

          Und dann ist da noch diese seltsame Sprache, die sich, auch das wird hier großartig eingefangen, ganz offenbar aus der Tatsache entwickelt hat, dass sich die Eingeborenen am liebsten mit ihren Kühen unterhalten. Es geht um Bayern, wie man inzwischen erraten haben dürfte, und zwar um den tiefsten Chiemgau, genauer um das Dorf Bergen, das sich oberhalb des Chiemsees idyllisch wie auf einem Milchtetrapak in die Alm hineinschmiegt, stolzer Träger der „Unser Dorf soll schöner werden“-Goldmedaille. All das wird hier keineswegs denunziert, nur leicht belustigt beobachtet, und bei den Äußerungen in der Lautsprache kann man sich schließlich mit Untertitelung behelfen.

          Ein Ufo ist gelandet und hat die Moderne gebracht

          Die Dorfältesten beklagen im Gespräch mit der jungen und (das ist hier wichtig, obwohl im Film gar nicht zu sehen) äußerst hübschen Filmemacherin ein Problem ihres Dorfes: Die Damenwelt hat es weitgehend vergessen. Früher, so erzählen der Vachenauer Sepp und seine Freunde verträumt, da seien die jungen Madel („achtzehn und aufwärts“) heuwagenladungsweise in Bergen eingefallen, um mit den damals jungen Sepps eine wilde Zeit zu verbringen: „Mia ham im Summa oa bisserl a Gästebetreuung g’macht.“ „Wunderschön“ sei das gewesen. Heute aber hätten die einheimischen Buben alle viel zu früh eine Freundin, ergo kämen keine jungen Dinger mehr: „Hoit foahrn’se nach Tunesien, um do an Froind kennazulernan.“ Tunesien zieht Bayern den Stecker.

          Der Vachenauer Sepp (li.) und seine Freunde erzählen am Stammtisch von früher.

          Nun ist aber vor anderthalb Jahren doch etwas geschehen in Bergen: Ein Ufo ist gelandet und hat die Moderne gebracht. Das ist auch der eigentliche Grund, warum zur Freude der Sepps plötzlich junge, hübsche Filmemacherinnen über die Kuhweiden stapfen. Rund fünfzig Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea und Syrien sind mitten im Dorf in einem ehemaligen Gasthof untergebracht worden. Carolin Genreith beobachtete zehn Monate lang, was das sehr heimatverbundene Bayern mit den Heimatlosen macht und wie die Existenz der Flüchtlinge auf Bergen wirkt. Das Fazit ist ernüchternd: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, bleiben die beiden Welten strikt getrennt.

          Ein Film wie dieser ist nötiger denn je

          Der Clou des Films ist so schlicht wie wirkungsvoll: Was die beiden zu Hauptprotagonisten erkorenen jungen Männer aus Afghanistan und Eritrea sagen, wie sie denken, welche Pläne sie haben und wie sie durchaus ein wenig bewundernd (die Sauberkeit, das Verhältnis zur Tradition), aber auch amüsiert staunend auf das Almdorf blicken, das ist dem nichtbayerischen Zuschauer so nah und vertraut, dass er die beiden Männer als Identifikationsfiguren innerhalb dieser kuriosen Bilderbuchwelt wahrnimmt. In Hamburg, Berlin oder Köln würden die Schuhplattlergesellen weit fremder wirken als die beiden polyglotten Migranten. Heimat, man spürt es geradezu, ist kein Ort.

          Da ist also erstens Ghafar Faizyar, ein aufstrebender Regisseur aus Kabul, der schon als Videojournalist für die Isaf gearbeitet hat und so ins Visier der Taliban geriet. Eine Einladung zur Berlinale nutzte er, um in Deutschland zu bleiben, schwersten Herzens, denn seine Frau und seine beiden Kinder blieben in Afghanistan zurück. Ghafar hatte fälschlich gehofft, dass das Anerkennungsverfahren in Deutschland besonders schnell ablaufe, so dass er die sich versteckende Familie bald aus der Todesgefahr herausholen könne. Lange muss er mit der quälenden Sorge um ihr Wohl leben. Der zweite Protagonist ist Fishatsyon Hailu, der in Eritrea „ohne irgendein Urteil“ im Gefängnis saß, einer jener Flüchtlinge, die auf überfüllten Booten das Mittelmeer überqueren. Welche Gefahren und Ängste mit einer solchen Horrorflucht einhergehen, schildert er eindrücklich, aber klaglos: „Wenn das mein Leben ist, ist es mein Leben.“

          Es gab schon einige Langzeitdokumentationen über Flüchtlinge in Deutschland, doch selten war der Blick ein so offener, empathischer, liebevoll neugieriger, wobei es die Filmemacherin ganz dem Zuschauer überlässt, sich eine Meinung zu bilden. Es ist kein Wunder, dass „Das Golddorf“ den Dokumentarfilmwettbewerb der ARD im Jahre 2014 gewonnen hat. Und ein Film wie dieser ist nötiger denn je, seit in unserem Land im Tagesabstand Flüchtlingsunterkünfte angezündet werden. So naiv es klingen mag, was Carolin Genreith in Bayern gelernt zu haben angibt, so richtig ist es: Heimat zu teilen nimmt dieser Heimat nichts. Im Gegenteil.

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