http://www.faz.net/-gsb-8l357

Landtagswahl im TV : Alle gegen eine!

Im Ersten haben der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz und der WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn währenddessen dann doch die Nase davon voll, dass Sigmar Gabriel den Sendern anlastet, sie hätten seine Partei mit Umfrageergebnissen von neunzehn Prozent vor der Wahl schon totgesagt. Es waren zu den für die Landes-SPD schlechtesten Zeiten immerhin 22 oder 23 Prozent – als Umfrageergebnis, nicht als Prognose, schon gar nicht als Hochrechnung.

Koalitionskrach live

Als um halb acht die „Berliner Runde“ beginnt, hat sich der CDU-Generalsekretär Tauber immerhin soweit gefangen, dass seine Partei halbwegs satisfaktionsfähig erscheint: Die SPD und die Grünen in den Ländern bremsten in der Flüchtlingspolitik, nicht die Union, sagt er. Taubers Kollege Andreas Scheuer von der CSU bekräftigt diese Einschätzung, die SPD-Generalsekretärin Katarina Barley hält im Sinne ihres Parteivorsitzenden dagegen. „Wir erlebten hier gerade live einen Koalitionskrach “, ruft die Moderatorin Tina Hassel scheinbar beglückt dazwischen.

Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios hat die halbe Stunde der „Berliner Runde“ erkennbar als Seminar angelegt und hätte es wohl gerne, dass sich die Generalsekretäre – auch Matthias Höhn von der Linkspartei und Michael Kellner von den Grünen – dementsprechend wie gelehrige Schüler schön kurz fassen und nur in Stichworten reden. Jedenfalls lässt Tina Hassel niemanden einen Gedanken zu Ende formulieren und exerziert die Fernseh-Unsitte, jemanden, dessen Argumente man gerade nicht hören will, mitten im Wort zu unterbrechen, in extenso.

Bitte nur ein „Ja“ oder ein „Nein“ oder „Ich weiß nicht“?

Auf die Frage, wie sie es denn mit AfD hielten, ob es besser sei, diese auszugrenzen oder sie konstruktiv in der Parlamentsarbeit herauszufordern, will Tina Hassel allen Ernstes von jedem der fünf Diskutanten der Runde nur einen „Blurb“, also einen verkaufsfähigen, eingängigen Einzeiler hören. Katarina Barley geht darauf ein und bekommt dafür ein Fleißkärtchen von der Moderatorin. Andreas Scheuer hingegen einen Abzug in der Haltungsnote.

Ein Kunststück bringen alle Beteiligten an diesem Wahlabend gemeinsam fertig: Sie reden ununterbrochen über die Flüchtlingspolitik, obwohl es doch gar keinen Grund gebe, darüber zu sprechen, weil diese in Mecklenburg-Vorpommern, wo kaum Flüchtlinge untergebracht seien, keine Rolle spiele. Aber dummerweise hätten die Wähler ja unbedingt ihren Protest gegen die Politik in Berlin loswerden wollen.

Dass man wohl auch den Stil dieser Politik zum Thema machen müsse, sagt an diesem Abend der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir in einem Interview im Wahlstudio als erster. Sein Stichwort macht die Runde, wird durch alles andere an diesem Abend aber gleich wieder konterkariert. Die Anti-Establishment-Attitude des weitgehend abwesenden Wahlsiegers AfD erhält neues Anschauungsmaterial. Und die große Koalition den letzten Knacks. Angela Merkel hat jedenfalls allen Grund, sich vom fernen G-20-Gipfel in China am Morgen danach zur Nach-Wahlbesprechung ihrer Leute zuzuschalten.

Weitere Themen

„Nur ein kleiner Gefallen“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Nur ein kleiner Gefallen“

Paul Feig hat den amerikanischen Bestseller von Autorin Darcey Bell „Nur ein kleiner Gefallen“ verfilmt. Ab dem 8. November läuft der Thriller in den deutschen Kinos.

Topmeldungen

Mensch trifft Maschine: Kanzlerin Merkel schüttelte auf der Hannover Messe einem Roboter die Hand.

Zukunft der Bundesrepublik : Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

Milliarden vom Staat und ein hoher Anspruch: Deutschland hat jetzt einen Plan für Künstliche Intelligenz. Experten fragen, ob es wirklich gelingt, mehr als 100 hochkarätige neue Professuren zu besetzen. Und nicht nur das.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.