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„Ku’damm 56“ im ZDF : In der Tanzschule fürs Leben lernen

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Schlechte Nachrichten? Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) und ihre Töchter (Sonja Gerhardt, Maria Ehrich, Emilia Schüle, von rechts) Bild: ZDF und Stefan Erhard

Das ZDF zeigt einen formidablen Dreiteiler, dessen Stoff auch für eine Serie taugte: In „Ku’damm 56“ führt Annette Hess mit großartigen Schauspielerinnen Emanzipationsgeschichte auf.

          Eine Frau lehnt sich an der Stuhllehne nicht an und hält sich kerzengerade, selbst bei Todesnachrichten. Ganz leicht im Hohlkreuz, präsentiert sie ihre Silhouette sitzend am Vorteilhaftesten. Beim Stehen schiebt sie das Becken schräg vor, beim Gehen wiegt sie sich leicht in den Hüften. Beim Tanzen gilt es, den richtigen Abstand zu wahren. Eleganz und Contenance machen die Dame und locken Heiratskandidaten an. Ein noch unverheiratetes Fräulein isst, wenn es beispielsweise ins „Kempinski“ ausgeführt wird, wenig, auf zierliche Weise. Kauende Frauen wirken obszön, da kann man gleich seinen Schlüpfer zeigen wie beim Buschtanz Rock’n’Roll. Nagellack ist etwas für Volljährige. Abmagerungskuren nur empfohlen, solange dem Mann obenherum genug geboten wird. Jeder Anschein von Aufdonnern aber ist zu vermeiden. Ein Mann hat Bedürfnisse, wenn er von des Tages Mühsal nach Hause kommt. Die Frau bereitet ihm Heim und Bett. Eigene Bedürfnisse, so lehrt Caterina Schöllack, Inhaberin der Tanzschule „Galant“ auf dem Kurfürstendamm ihre Töchter, hat eine Frau nicht.

          Annette Hess, die Drehbuchautorin, hatte einen Geistesblitz, als sie den Mehrteiler „Ku’damm 56“ über eine Mutter und drei Töchter Mitte der fünfziger Jahre in West-Berlin, der ursprünglich als Serie mit mehr Folgen gedacht war, in einer Tanzschule ansiedelte. Ein Gegenstück zu der amerikanischen Serie „Mad Men“, sagt Annette Hess in der „Zeit“, das sei die Grundidee gewesen. In dem Werbebüro, in dem Don Draper in „Mad Men“ raucht, trinkt und männlich ist – im Sinne eines Männerbilds der Sechziger – arbeiten auch Frauen. Und sind damit beschäftigt, weiblich zu sein. Nun die Fünfziger in Berlin, mit Frauen und ihren beschränkten Möglichkeiten einer freien Lebensgestaltung im Mittelpunkt: Geschichtliches und Politisches spielt in das Geschehen im Jahr 1956 hinein; Sozialgeschichte und Kulturhistorie aber stehen im Mittelpunkt. Wir sehen keinen Eventzweiteiler, sondern einen Zeitbilderbogen, mit vielen Facetten, einer Fülle von Figuren und grandiosen Darstellerinnen.

          Trailer : Ku'damm 56

          Keine Ereignisgeschichte, sondern eine Mentalitätsgeschichte

          In den fünfziger Jahren und noch lange danach vermittelte eine Tanzschule nicht nur Fähigkeiten der Bewegung, sondern auch Fertigkeiten des Anstands: eine Benimmschule, in der die „Backfische“ Rollenunterricht und Ideologieschulung bekamen, ein Verstärkungsraum des gesellschaftlich Gebotenen. Da geht es eher um Slowfox und Walzer statt Rumba und Mambo. Einen Mann gilt es zu angeln, zu heiraten, ein Heim zu schaffen. Claudia Michelsen spielt die Tanzschulinhaberin Caterina Schöllack, die paradoxerweise Chefin gewordene Maxime weiblicher Unterordnung, mit großartiger Strenge nach außen. Im Geheimen pflegt sie ihre Doppelmoral. Claudia Michelsen geht, steht und schaut, als sei sie einem Modejournal dieser Zeit entsprungen. Ihr Körperausdruck und ihre Bewegungen beglaubigen das Korsett der Weiblichkeit, das hier aufgeschnürt wird, bildhaft-anschaulich auf das schönste.

          Andere Zeiten, andere Sitten: Auf dem Tanzboden der Schöllacks spielt sich alles ab.
          Andere Zeiten, andere Sitten: Auf dem Tanzboden der Schöllacks spielt sich alles ab. : Bild: ZDF und Stefan Erhard

          Die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt) rebelliert, zunächst durch als Tolpatschigkeit getarnte Verweigerung. Wegen Unfähigkeit von der Haushaltsschule geworfen, entdeckt sie den Rock’n’Roll und ihre Sexualität. In ihrem Freund Freddy (Trystan Pütter) erkennt sie das Freigeistige. Dass Freddy, mit tätowierter Nummer auf dem Arm, aus bestimmten Gründen keine geschlossenen Räume und Beziehungen erträgt, wird hier mit erzählt, genau wie die politische Restauration, die die älteste Tochter Helga (Maria Ehrich) in ihrem Hausfrauenalltag individuell spiegelt. Ihr Mann, der angehende Staatsanwalt Wolfgang von Boost (August Wittgenstein) verleugnet seine Homosexualität um der Karriere willen und ist nur nach langem Zögern bereit, seine Frau als Idealbild der deutschen Hausfrau in einem Werbefilm für Schnellkochtöpfe auftreten zu lassen.

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