http://www.faz.net/-gsb-7gqah
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.08.2013, 10:06 Uhr

In der ARD: Enzensberger zu Snowden Ein Held des 21. Jahrhunderts

Die Datensammler, Edward Snowden und unser Leben in postdemokratischen Zuständen: Hans Magnus Enzensberger hat einen großartigen Auftritt in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“.

von
© Fricke, Helmut „In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft“: So Hans Magnus Enzensberger in „Titel, Thesen, Temperamente“.

„Seid doch mal leise, Leute!“ Mit diesen oder ähnlichen Worten hatte der Bundesinnenminister Friedrich am vergangenen Freitag die Diskussion um Edward Snowden und die Zusammenarbeit der großen Internet-Konzerne mit dem amerikanischen Geheimdienst unterbinden wollen. Es werde viel zu viel „Lärm um falsche Behauptungen gemacht.“

Gut, hat sich Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 83, da wohl gedacht. Ich kann es ihm auch leise erklären. Es war ein sehr ruhiger, ein bedächtiger Auftritt, den der große deutsche Intellektuelle da am Sonntagabend in der ARD-Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ hatte. Aber seine Botschaft war dramatisch: „Wir leben in postdemokratischen Zuständen“, so Enzensberger.

Er saß vor der Bücherwand mit den Bänden der einst von ihm herausgegebenen „Anderen Bibliothek“, blickte in die Kamera und sagte in seinem sanften Münchnerisch: „In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft.“

Halb belustigt, halb beunruhigt

Enzensberger tritt nur äußerst selten im Fernsehen auf. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen sind ihm offensichtlich zu wichtig, als dass er länger schweigen könnte. Sein Auftritt gestern war von großer Würde und großer Wucht. „Das sagen die ja selbst, dass die das altmodisch finden: Privatsphäre! Verfassung! Das passt doch alles nicht mehr in unsere Zeit.“

Passt er selbst noch in diese Zeit? Enzensberger scheint sich auf halb belustigte, halb beunruhigte Art nicht ganz sicher zu sein. Er staunt darüber, dass offenbar eine Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht zu verstehen scheint, was das bedeutet, wenn datensammelnde Weltkonzerne und Geheimdienste so eng kooperieren. Dass die Menschen überhaupt nicht ahnen, was für eine Macht das bedeutet. Für die Konzerne. Und für die Regierungen.

„Es ist eine Minderheit, die das nicht akzeptieren will“, sagt er. Und er hat sich für diesen Auftritt entschieden, um diese Minderheit wenigstens ein wenig zu vergrößern.

Hans Magnus Enzensberger ist jedes hohe Pathos eigentlich fremd. Aber die Tat des Edward Snowden und seiner Helfer verdient seine uneingeschränkte Bewunderung: „Diese Menschen sind die Helden des 21. Jahrhunderts, würd' ich mal sagen“, erklärt er lächelnd.

Vielleicht hat der Bundesinnenminister ihm in diesem Moment zugesehen. Vielleicht ist ihm die von Hans Magnus Enzensbereger gewählte Lautstärke angenehm. Die Botschaft, dass er Minister in einer postdemokratischen Gesellschaft sein soll, ist es vermutlich nicht.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Grüne und Linke Neuer Anlauf für Snowden-Vernehmung in Deutschland

Grüne und Linke versuchen, mit Hilfe des Bundesgerichtshofs den NSA-Whistleblower Edward Snowden nach Deutschland zu bringen. Der Bundesregierung werfen sie Trickserei vor. Mehr

25.08.2016, 06:53 Uhr | Politik
Buch in Geheimschrift Voynich-Manuskript gibt Rätsel auf

Das Voynich-Manuskript ist eines des geheimnisvollsten Werke der Welt: Es ist in einer unbekannten Schrift verfasst, und es enthält zahlreiche mysteriöse Zeichnungen. Das Werk, das aus dem 15. Jahrhundert stammen soll, befindet sich in einer Bibliothek der amerikanischen Universität Yale. Ein Verlag in Spanien hat nun den Zuschlag bekommen, mehrere hundert originalgetreue Kopien zu erstellen. Mehr

23.08.2016, 10:48 Uhr | Feuilleton
Streit beim Netzprojekt Tor Solidarität für Jacob Appelbaum

Das Netzprojekt Tor soll bestreikt werden. So heißt es in einem Aufruf, der als Unterstützung für den in Verruf gebrachten Aktivisten Jacob Appelbaum gedacht ist. Doch was passiert, wenn sich Tor einen Tag lang abschaltet? Mehr Von Jan Russezki

25.08.2016, 11:19 Uhr | Feuilleton
Premier League Dramatischer Sieg für Manchester United

Der Millionentruppe von Trainer Mourinho droht in Hull der erste Punktverlust in dieser Saison. Doch in der Nachspielzeit hat ein Youngster seinen großen Auftritt. Die Höhepunkte des Spiels im Video. Mehr

28.08.2016, 12:36 Uhr | Sport
Nachruf auf Walter Scheel Der Unterschätzte

Spielerisch stieg Walter Scheel in höchste Regierungsämter auf und prägte die Bundesrepublik. Den meisten Deutschen ist ein Auftritt als Sänger in Erinnerung geblieben – das passt zu seinem Erfolgsrezept: unterschätzt zu werden. Ein Nachruf. Mehr Von Stefan Dietrich

24.08.2016, 18:32 Uhr | Aktuell
Glosse

Tüchtig egoistisch

Von Johann Wolfgang von Goethe

Wenn man selbst dauernd was will und alle anderen auch, hilft nur eine gesunde Portion Egoismus. Aber, und da wird es kompliziert: Ein Egoismus mit Gefühl muß es sein! Mehr 2