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„Hart aber fair“ : Nicht alle sind Charlie

Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

In einem Kraftakt hat Frank Plasberg eine Sondersendung zum Massaker in der Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zusammengestellt. Dass die Gravität der Stunde jede Pauschalisierung verbietet, war nicht allen Gästen klar.

          Das muss man Frank Plasberg lassen: Diese Extra-Ausgabe von „Hart, aber fair“ zusammenzubekommen, war eine Leistung. Zwölf Stunden zuvor hatten drei Männer mit Sturmgewehren die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ mitten in Paris gestürmt und dabei zwölf Menschen erschossen. Noch sind sie auf der Flucht, als Plasberg und seine Gäste ihrer intellektuell habhaft werden wollen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aus London ist der dort am King’s College lehrende Terrorismusforscher Peter Neumann eigens zur Sendung eingeflogen worden (und für ein Kurzgespräch im „heute journal“ der Konkurrenz vom ZDF hatte es auf dem Flughafen Köln auch noch gereicht). Michel Friedman dagegen steht immer bereit für Talkshoweinsätze, der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) ist auch kein seltener Gast vor deutschen Kameras.

          Roland Tichy dagegen, konservativer Publizist und Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, ist ein relativ unverbrauchtes Gesicht, und Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, ist zwar seit ihrem gemeinsam mit Michael Rubinstein geschriebenen Buch „So fremd und doch so nah“ über Juden und Muslime in Deutschland als Expertin gefragt, aber noch nicht als solche rhetorisch verdorben.

          Die schnippische islamische Religionspädagogin, 1978 als Kind syrischer Einwanderer in Westfalen geboren, hat indes heute die heikle Aufgabe, den Islam zu repräsentieren. Eine kritische Kommentatorin ihrer Religion muss es wohl sein; zu frisch sind bei deutschen Talkshowproduzenten noch die Erinnerungen an den Auftritt von Imam Abdul Adhim Kamouss bei Günther Jauch vor drei Monaten. So jemanden aber hätte man heute sehen wollen, im Schatten eines Dutzends Toten.

          „Europas Freiheit in Gefahr?“ Auf das talkshowtypischen Fragezeichen im Titel hat Frank Plasberg nicht einmal jetzt verzichtet. Ja, die Freiheit ist in Gefahr, wenn zwölf Menschen für ihre bisweilen anstößigen Meinungen ermordet werden, einige davon offenbar geradezu hingerichtet, wie Zeugenaussagen befürchten lassen. Es war ein Racheprozess, der der Redaktion von „Charlie Hebdo“ gemacht wurde, und Verteidigung war dabei nicht vorgesehen. Der Volksgerichtshof hätte dafür Vorbild sein können.

          Von Peter Neumann ist zum Auftakt noch einmal die seltsame Formulierung zu hören, die er ihm ZDF eine Dreiviertelstunde vorher schon gefunden hatte: „Technisch war das anspruchsvoller als das, was wir in den letzten sechs Monaten an Terror gesehen haben.“ Klingt da Bewunderung an? Nein, es ist das kühle Kalkül eines Experten, der an Terrorismus so empirisch herangeht, wie es einem Wissenschaftler gut ansteht. Aber Kühle muss heute notwendig kalt wirken.

          Ralf Jäger hat entsprechend passend tiefe Traurigkeit im Blick. Und Lamya Kaddor nennt das Ganze, was es ist: eine Katastrophe, „auch für uns Muslime“. Recht hat sie, wobei es dazu gar keiner hysterischen Reaktion bedürfte, die ja auch erst noch abzuwarten wäre. Jeder Massenmord sollte von jeder Bevölkerungsgruppe als Katastrophe empfunden werden, auch wenn sie keine unmittelbaren negativen Folgen daraus erfährt.

          Michel Friedman ist deutlicher: „So etwas wie ‚Charlie Hebdo’, mit den besten Karikaturisten Frankreichs, muss möglich sein.“ Ob er damit aber recht hat, wenn stimmt, was Frau Kaddor sagt, dass sie die von dem Blatt gedruckten Karikaturen des Propheten kalt ließen? Dann kann es sich nicht um die besten Karikaturisten gehandelt haben, die dort ermordet wurden: Stéphane Charbonnier, Georges Wolinski, Jean Cabut und Bernard Verlhac. Doch sie waren sehr gut. Wen ihre Zeichnungen kalt ließen, der kann keine Überzeugungen haben. Auch nicht von der Pressefreiheit. Sonst müsste es ja zumindest beim Betrachten der Karikaturen warm im Herz geworden sein.

          Roland Tichy immerhin gibt zu, sich als Katholik bisweilen über „Charlie Hebdo“ geärgert zu haben, und damit erweist er den Toten größere Ehre. Und sein Satz, dass man noch ganz andere Menschen vor den Islamisten schützen müsse als die Journalisten, nämlich die Muslime, ist bedenkenswert. Nur versteht er unter Schutz mehr Einwanderungskontrolle, Überwachung, vulgo Sicherheit, während Michel Friedman sich auf die Parole festlegt: „Mehr Freiheit, sonst spielt man den Terroristen in die Hände.“

          Geschehen verbietet Pauschalisierung

          Gibt es einen Rechtfertigungsdruck für die Vertreter des Islams? Nicht seitens Roland Tichys, der von Frau Kaddor „nichts erwartet“ – das aber nicht so böse meint, wie es klingen könnte, sondern sie für schuldlos an den Pariser Morden erklärt. Mehr erwartet aber hat Tichy vom nordrhein-westfälischen Innenminister, der den Teilnehmern einer antiislamistischen Demonstration früher einmal hatte verbieten wollen, die dänischen Mohamed-Karikaturen zu zeigen. Aber für eine Debatte über innenpolitische Rivalitäten ist Michel Friedman nicht zu haben, weil die Gravität der Stunde jede Pauschalisierung verbiete. Nur achttausend von vier Millionen Muslimen in Deutschland seien radikal, sagt Peter Neumann. Die Zahl soll beruhigen, aber angesichts von drei Mördern in Paris, ist ihr relativierender Effekt gering.

          Dann kommt aktuell ein Korrespondentenbericht aus Paris auf den Bildschirm, dass die französische Polizei ein Haus in Reims umstellt habe und dessen Stürmung vorbereite. Ein aus Syrien zurückgekehrtes Dschihadisten-Brüderpaar, beide in den Dreißigern, und ein achtzehnjähriger Obdachloser seien tatverdächtig – so konkret hatten wir das im Laufe des Abends noch nicht erfahren. Plötzlich wird „Hart, aber fair“ zur Nachrichtensendung, und das weitere Gespräch danach ist beinahe belanglos. Man ist versucht, zu den wirklichen Nachrichtensendern umzuschalten, zumal bei „Hart, aber fair“ dann eine Sammlung von französischen Facebook- und Twitterstimmen zitiert wird, aber dann kommt über Friedman noch etwas anderes zur Sprache, was heute im Fernsehen noch nie erklärt wurde: die besondere Rolle der Satirepresse in Frankreich. Schön, dass damit wieder die Opfer im Blick sind.

          Aber es sind nur noch zehn Minuten, und die gelten dann der Auseinandersetzung mit der AfD respektive Pegida, vor deren Nutzbarmachung des Attentats bisweilen größere Angst zu herrschen scheint als vor den Mördern. In Roland Tichy finden die Dresdner Proteste einen vorsichtigen Verteidiger, aber seine Konzentration auf unverfängliche Formulierungen ist dabei so groß, dass er seine Gesprächspartner Kaddor und Neumann durcheinander wirft. Der Rest der Runde dagegen ist sich einig: zynisch, aufhetzend, rassistisch – das sei Pegida. Wer da mitlaufe, so Friedman, mache sich mitschuldig.

          Und die Ankündigung der Pegida-Organisatoren am kommenden Montag Trauerflor zu tragen? Wieder zynisch. Und so ist es auch. Allerdings sagt Ralf Jäger nicht, warum. Weil es just Zeitschriften wie „Charlie Hebdo“ sind, die von Pegida als „Lügenpresse“ beschimpft werden. Dazu braucht es wiederum Friedman. Nicht alle sind Charlie.

          „Charlie Hebdo“ hat immer in alle Richtungen ausgeteilt – hart und weiß Gott nicht fair. So wünschte man sich aber auch mal eine Talkshow.

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