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Veröffentlicht: 11.04.2017, 06:24 Uhr

TV-Kritik: „Hart aber fair“ Kriegspropaganda – einmal nicht aus Moskau


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„Propagandist“ mit „Pseudo-Fachwissen“

So agierte Reichelt nicht als Journalist, sondern als Propagandist einer Kriegspartei. Diese ist aber leider weitgehend virtuell, selbst wenn sie sogar „das Gute“ gegen „das Böse“ verkörpern soll. Ansonsten müsste Reichelt zusammen mit Erdogans Türkei, den wahabitischen Saudis und den fundamentalistischen Kataris einen Feldzug zum Sturz Assads beginnen. Oder will er etwa gemeinsam mit den sunnitischen Dschihadisten Damaskus erobern? Aber mit solchen Schwierigkeiten westlicher Diplomatie, keinen überzeugenden Verbündeten in Syrien zu haben, muss sich Reichelt nicht beschäftigen. In seinem Feldzug sind Zweifel nicht erlaubt.

Dafür wusste er gestern Abend in beispielhafter Weise Arroganz mit Ignoranz zu verbinden. So wies der frühere Luftwaffenoffizier Ulrich Scholz lediglich auf einen schlichten Sachverhalt hin: Im modernen Luftkrieg kalkulieren auch westliche Einsatzplaner mit Kollateralschäden, wie die unbeabsichtigte Tötung von Zivilisten von Militärs gerne genannt wird. Letztlich müssten Juristen in den Stäben darüber urteilen, ob diese Kollateralschäden mit den völkerrechtlichen und politischen Einsatzbedingungen noch zu vereinbaren seien. Für Reichelt war das alles Unsinn. Dabei hatte die Bundeswehr im Jahr 2009 in Afghanistan erlebt, was das bedeutet. Der Einsatzbefehl des Oberst Klein in Kunduz führte zum Tod von hundert Zivilisten, darunter Kinder. Die Bundesregierung hielt diesen Befehl ihres kommandierenden Offiziers für rechtlich korrekt, trotz der toten Zivilisten. Ansonsten wäre es als ein Kriegsverbrechen zu beurteilen gewesen. Wer erzählt also eigentlich Unsinn?

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Ansonsten nannte Reichelt den pensionierten Oberstleutnant und früheren Tornado-Piloten noch einen „Propagandisten“ mit „Pseudo-Fachwissen“, der „im freundlichesten Fall Verschwörungstheorien“ verbreitet. Scholz wäre „uninformiert und dumm“, zudem wäre sein Argumentation „absolut infam“, wofür sich dieser „schämen müsste.“ Das alles kam vom Chefredakteur der Chefredakteure der Zeitung namens „Bild“, dem deutschen Fachblatt für Sex, Verbrechen und Fußball. Eine solche Beschimpfung von Andersdenkenden erlebt man sonst wohl nur im russischen Staatsfernsehen, wo aber bekanntlich die Propagandisten unter sich bleiben. Das war gestern Abend nicht der Fall. Die anderen Gäste mussten allerdings mit ansehen, wie Reichelt dieser Sendung seinen Stempel aufdrückte.

Selbstgefälligkeit und Kaltschnäuzigkeit

Ob es Reichelt um die Sache geht, wie sie gestern Abend Katharina Ebel als Nothilfe-Koordinatorin für SOS-Kinderdörfer in Syrien beschrieb, ist zu bezweifeln. Reichelt leidet wohl weniger am Schicksal syrischer Kinder, sondern an dem seiner Zeitung. Die „Bild“ musste unter ihrem langjährigen Chefredakteur Kai Diekmann zuletzt einen rapiden politischen Bedeutungsverlust verkraften. Reichelt soll das offensichtlich wieder ändern. Mit dem Mittel der Zuspitzung und dem Ziel der politischen Provokation. Er bringt dafür alles mit, was die „Bild“ jetzt scheinbar braucht: Die Selbstgefälligkeit des Ignoranten und die Kaltschnäuzigkeit des Demagogen. Syrien wird damit so wenig geholfen, wie einer substantiellen außenpolitischen Debatte in Deutschland. Ob es der „Bild“ hilft, müssen die Leser entscheiden. Diese haben angeblich „die Schnauze voll“, wie gestern Morgen in den gewohnt großen Lettern auf der Titelseite zu lesen war. Der Grund waren die Nöte von Pendlern. Man könnte aber natürlich auch von dieser Form des Journalismus „die Schnauze voll haben.“

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