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TV-Kritik: Günther Jauch : Die Ballade vom Appeasement

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums: Lasst uns Realisten sein! Sanktionen haben keinen Sinn! Bild: dpa

Was „Härte“ gegenüber einem Diktator sein könnte, ist eine Frage, die deutsche Politiker und Intellektuelle offenbar überfordert. Sie können sich eine deutsche Außenpolitik, die unbeugsam bedrohliche Konflikte austrägt, nicht mehr vorstellen. Ein Albtraum.

          Vieles sei anders gelaufen in dieser Talk-Runde über „Antwort an Putin – Nachgeben oder Härte zeigen?“ als geplant, sagte Günther Jauch zum Schluss der Sendung, deshalb habe die Regie auf die Einspielung dieses oder jenes Films verzichtet. Was hätte das sein können? Sollte noch einmal, weil Wolf Biermann hier saß, der Auftritt des Liedermachers im Bundestag gezeigt werden? Aber es ging ja gar nicht um die Linkspartei und den Mauerfall (aber immerhin um Nachgeben und Härte zeigen). Sollte Gabriele Krone-Schmalz als Archetypus der öffentlich-rechtlichen Korrespondentin noch einmal dabei besichtigt werden, wie sie vor der Kreml-Ikone ihres Moskauer Studios das Kreml-Rätsel löst, obwohl das auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch immer ein ungelöstes Rätsel ist? Oder sollte das deutsch-russische Forum vorgestellt werden, von dem Matthias Platzeck offenbar noch immer glaubt, es könne etwas bewirken?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Nur eine geplante Einspielung kam ganz am Ende dann doch noch, und zwar das Bild von Wladimir Nikolajewitsch Lambsdorff, dem ehemaligen russischen Außenminister in der Spätzeit des Zarenreichs, einem Vorfahren des EU-Abgeordneten Alexander Graf Lambsdorff, der in der Runde offenbar seinen Teil dazu beigetragen hatte, dass es ganz anders kam als geplant. Nur was? Hätte Lambsdorff etwas undiplomatischer sein sollen als sein Vorfahr? Hätte Platzeck den Unsinn, den er neulich über die Krim-Annexion gesagt hat (aber natürlich sooo nie und nimmer gesagt hatte!), wiederholen sollen? Hätte Krone-Schmalz mit Biermann die Ballade vom Appeasement singen sollen?

          Mär von den rücksichtslosen Europäern

          Krone-Schmalz wird man nicht vorwerfen können, dass sie an diesem Abend nicht lieferte, was man von ihr erwartet hätte. Es war noch viel schlimmer. Nicht nur, dass sie die Mär von den Europäern auftischte, die es jahrzehntelang versäumt hätten, mit Russland in einen Dialog zu kommen, und nun die Quittung dafür bekämen. Nur einmal gelang es Lambsdorff, die Dinge ein wenig zurechtzurücken: Es seien nicht die Europäer gewesen, die das versäumt hätten, sondern Russland, das solche Versuche beharrlich zurückgewiesen habe, weil es zu einem Dialog nur mit seinesgleichen, also mit einer Großmacht, also mit Washington bereit gewesen sei. Das hätte Krone-Schmalz in jedem Außenministerium, das Ahnung von der Sache hat, von Helsinki bis Berlin, seit Jahren hören können. Aber man hört, wenn es um Russland geht, wohl nur gerne, was man hören will.

          Aber wie gesagt: Es kam noch viel schlimmer. Krone-Schmalz verstieg sich – weil sie doch als Journalistin gelernt habe, präzise zu sein – zu der Ansicht, dass es eine Annexion der Krim gar nicht gegeben habe, sondern eine Abspaltung der Krim. Von einer Annexion werde nur immer wieder geredet, weil die Staatengemeinschaft daraus das Recht ableiten könne, mit Mitteln gegen Russland einzugreifen, über die in dieser Sendung niemand zu reden wagte. Man fragte sich unwillkürlich: Weil also die Mittel, die der Staatengemeinschaft für diese Fälle zur Verfügung stehen, so unangemessen sind, dass man nicht darüber zu reden wagt, darf es also nicht eine Annexion gewesen sein, sondern eine Abspaltung? Hat Krone-Schmalz uns etwa mit dieser hanebüchenen Logik all die Jahre den Kreml erklärt?

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