http://www.faz.net/-gsb-765j8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.01.2013, 06:16 Uhr

Frühkritik: Sandra Maischberger Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt

Nach einer Anmoderation auf RTL-II-Niveau diskutiert Sandra Maischberger über die „Mietpreis-Explosion“ in Deutschland. Die Runde spricht viel über die Folgen, viel zu wenig aber über die Ursachen der Wohnungsnot.

von
© dpa Flucht vom Land in die Städte: Satellitensiedlungen für die Armen?

Sandra Maischberger lebt in einem aufgewühlten Deutschland. In einem Staat, in dem der Wind der Revolution die Couchpotatos aus ihren Sesseln treibt und Fernbedienungen durch Waffen ersetzt werden. „Es riecht nach Klassenkampf in den Straßen“, leitet die Moderatorin ihre Sendung zum Thema „Wohnen wird Luxus“ ein. Statt von Mietpreis-Steigerungen spricht sie von einer „regelrechten Mietpreis-Explosion“.

Christoph Schäfer Folgen:

Zum Leidwesen der Zuschauer hält die triste Realität mit dieser Anmoderation nicht mit. Der Spannungsbogen fällt rapide ab, als eine ältere Dame zehn Minuten lang in monotonem Tonfall darüber klagen darf, dass der Vermieter ihr Bad- und das Küchenfenster luftdicht zugemauert hat, um sie zum Auszug zu bewegen. Offensichtlich wird, dass ihr Vermieter drastische Mittel anwendet. Unklar bleibt, ob er das Baurecht vielleicht sogar auf seiner Seite hatte, weil er eventuell ausreichende Fristen gesetzt und genug Alternativen vorgeschlagen hat. Die Mieterin jedenfalls fühlt sich im Recht. Weil sie sich die Wohnung nach einer Sanierung nicht mehr leisten könne, ist sie „völlig empört“. Der abschließende, geradezu groteske Rat der Moderatorin an die Verzweifelte: „Bleiben Sie heiter!“

Mehr zum Thema

Sei’s drum, nach dieser knappen Viertelstunde wird die Sendung erheblich besser. Ein Einspieler klärt darüber auf, dass die Mieten in den vergangenen fünf Jahren in einigen deutschen Ballungsräumen enorm stiegen – in München um fast ein Fünftel, in Hamburg um fast ein Viertel und in Berlin um fast ein Drittel. Zumindest der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Martin Lindner, will das jedoch nicht dem von Maischberger ausgemachten „Raubtierkapitalismus auf dem Wohnungsmarkt“ anlasten. Er verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach die Kaltmieten in Deutschland seit der Jahrtausendwende lediglich um 14 Prozent gestiegen seien und somit „unterhalb der Inflationsrate“. Teuer sei Wohnen vor allem dadurch geworden, dass sich die Energiekosten in der gleichen Zeit verdoppelt und die sonstigen Nebenkosten immerhin um 19 Prozent erhöht hätten. Auf die Schnelle kann niemand die Zahlen prüfen, deshalb nimmt leider kein Teilnehmer der Runde den Faden auf.

Ausblick der Immobilien- und Wohnungswirtschaft fuer 2013 © dapd Vergrößern Streitthema Wohnungsmarkt: Mietpreis-Explosionen in den Städten

Wie zu erwarten war, füllt ein jeder die Rolle aus, die ihm in der Sendung zugedacht war. FDP-Politiker Lindner und ein Makler formulieren die Grundsätze der Marktwirtschaft: „Steigt die Nachfrage nach Wohnungen, steigt der Preis.“ Statt von „Luxussanierungen“ sprechen sie von gestiegenen Ansprüchen der Mieter.

Minutenlanges Durcheinanderreden

Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) sieht das gegenteilig. Im Berliner Bezirk Pankow hat er dafür gesorgt, dass es so gut wie keine „Luxussanierungen“ mehr geben darf. Fußbodenheizungen, ein zweites Bad oder ein Kamin dürfen nachträglich nicht mehr eingebaut werden. So soll der Anstieg der Mieten begrenzt und das bisherige Milieu in Pankow erhalten bleiben. Unterstützung erhält er dabei vom Direktor des Deutschen Mieterbundes, der nicht zulassen will, „dass Arme an den Stadtrand gedrängt werden“.

Trotz minutenlangen Durcheinanderredens wird sich die Runde immerhin einig, dass es in Deutschland zu wenig Wohnungen gibt. Glaubt man dem Deutschen Mieterbund, fehlen rund 250.000 Einheiten. An diesem Punkt aber bleibt die Runde weitgehend stehen: Die Teilnehmer sprechen viel über die Folgen (gestiegene Mieten) und scharfe Gegenmaßnahmen (Preisdeckel). Viel zu wenig aber rücken die zentralen Ursachen der Wohnungsmisere ins Blickfeld.

Menschen bei Maischberger © dpa Vergrößern Sandra Maischberger: Klassenkampf auf den Straßen?

Ein wesentlicher Grund für die Verknappung (und damit Verteuerung) vieler Wohnungen ist schlicht, dass die Zahl der Haushalte in Deutschland steigt, vor allem weil immer mehr Menschen alleine leben. Die Zahl der Einpersonenhaushalte an allen Privathaushalten erhöhte sich zwischen 1991 und 2010 von knapp 34 auf mehr als 40 Prozent. Das liegt daran, dass sich immer mehr Paare trennen und es aus demographischen Gründen mehr Witwen und Witwer gibt. Beide Trends dürften sich auch in Zukunft nicht umdrehen. Gleiches gilt für die Energiewende, die die Mietnebenkosten seit Jahren unerbittlich in die Höhe treibt.

Ein dritter Grund ist, dass es immer mehr Menschen vom Land in die Städte zieht, vielerorts ist die Belebung der Innenstädte politisch sogar ausdrücklich erwünscht. Nicht zuletzt werden in den kommenden fünf Jahren bis zu zwei Millionen Migranten erwartet, die vornehmlich in die Städte strömen werden. Zum einen stehen in den Ballungsräumen ihre Chancen wesentlich besser, einen Arbeitsplatz zu ergattern. Zum anderen haben Ausländer anders als viele Einheimische keine Familie oder Freunde, die sie sie zum Verbleib auf dem Land veranlassen.

Kaum noch freie Flächen in den Städten

Da der Wohnungsmarkt, wie es der Name bereits verrät, nun mal ein „Markt“ ist, werden Angebot und Nachfrage über den Preis zum Ausgleich gebracht. Im Gegensatz zu Maischbergers Runde sollte die Politik daher besser nicht auf rigide Preisdeckel fokussieren, sondern dafür sorgen, dass die Kommunen mehr Baugenehmigungen erteilen und das Angebot erhöht wird. Zumindest in den vergangenen Jahren war aber genau das Gegenteil der Fall: Die Zahl der Baugenehmigungen sank von 639.000 im Jahr 1995 auf 228.000 im Jahr 2011. Einige Großstädte sprechen davon, dass es kaum noch freie Flächen gebe. Andere Marktteilnehmer werfen den kommunalen Baubehörden schlicht Versagen vor.

Eine breite Diskussion hierüber hätte der Runde gut getan und das aufgewühlte Deutschland Maischbergers beruhigt. Baugenehmigungen riechen nämlich so gar nicht nach „Klassenkampf in den Straßen“.

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Sandra Maischberger Was heißt Turboradikalisierung?

Wie kann es sein, dass ein bis dahin unauffälliger Jugendlicher plötzlich zum Attentäter wird? Bei Maischberger wurde deutlich, warum eine Radikalisierung wohl doch länger dauert. Mehr Von Frank Lübberding

21.07.2016, 06:22 Uhr | Feuilleton
Saugen, Wischen, Mähen Was taugen Haushaltsroboter?

Ob Fensterputzen, Staubsaugen oder Rasenmähen – viele lästige Aufgaben im Haushalt können heute von Robotern erledigt werden. Der Test Mensch gegen Maschine gibt Aufschluss darüber, was die Haushaltshelfer wirklich taugen. Der Beitrag des Bayerischen Rundfunks ist auch in der Sendung mehr/wert am 21.07. um 19 Uhr im BR-Fernsehen zu sehen. Mehr

21.07.2016, 17:00 Uhr | Wirtschaft
Venedig stirbt am Tourismus Die Sache mit der Zwangsheirat

Arztpraxen werden zu Ferienwohnungen, Läden zu Luxushotels – der Tourismus hat in Venedig Vorrang. Aber was, wenn man da leben will? Und wie überlebt das die Stadt? Mehr Von Petra Reski

22.07.2016, 17:12 Uhr | Reise
Pünktlich zu den Sommerferien Rekordhitze lockt Deutschland ins kühle Nass

Bei Temperaturen von über 30 Grad verbringen viele Menschen ihre Zeit in Freibädern. Die Rekordhitze hält allerdings nicht mehr lange an, zum Wochenende hin kühlt es wieder ab. Mehr

20.07.2016, 16:03 Uhr | Gesellschaft
Bestellerprinzip hat Bestand Makler dürfen Provision nicht auf Wohnungssuchende abwälzen

Wer bestellt, der zahlt: Für Mieter ist das seit 2015 geltende Bestellerprinzip bei Maklerprovisionen eine große Entlastung. Makler hingegen fürchten um ihr Geschäft. Das Bundesverfassungsgericht hat nun geurteilt. Mehr

21.07.2016, 13:12 Uhr | Finanzen
Glosse

Derricks dunkle Vergangenheit

Von Ursula Scheer

Hauptsache Altnazi-Geschichte: Eigentlich gibt es nichts zu berichten, die „Bild“ tut es aber trotzdem. Das wirkt sich ungünstig auf den Nachrichtengehalt aus. Mehr 3 7