Home
http://www.faz.net/-hon-7h8xo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Frühkritik: Maybrit Illner Visionsfreie Zone

Mehr Geld oder nicht? Schuldenschnitt ja oder nein? Eine wenig kreative Runde stritt am Donnerstagabend bei Maybrit Illner über die zukünftigen Kosten der Euro-Rettungspolitik.

© dpa Vergrößern Ruine oder Baustelle? Der Parthenon auf der Akropolis in Athen

Er wolle sich nach der Wahl nicht vorwerfen lassen, zuvor nicht die Wahrheit gesagt zu haben. So begründete Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jüngst, warum er auf einer Wahlkampfveranstaltung gesagt hatte, Griechenland werde in Zukunft wohl noch mehr Geld benötigen. Danach war die Rede von einem dritten Hilfspaket, elf Milliarden Euro in den kommenden zwei Jahren oder, wie die SPD prompt vorrechnete, 70 Milliarden bis zum Jahr 2020. Die Opposition warf dem Finanzminister Lügen vor, der schlug zurück mit dem Vorwurf mathematischer Inkompetenz. Schließlich nahm die Kanzlerin ihren Amtsvorgänger in die Verantwortung: Schröder habe die Griechen erst in die EU gelassen und den Stabilitätspakt aufgeweicht, ließ Angela Merkel wissen. Das müssten die Deutschen heute ausbaden. Dass Deutschland nicht allein zu entscheiden hat, wer der EU beitreten darf, erwähnte sie wohlweislich nicht.

Lena Schipper Folgen:  

Hat Schäuble mit seinen Andeutungen über neue Hilfspakete also die Wahrheit gesagt? Abgesehen davon, dass das bezogen auf Griechenland vermutlich nicht die wichtigste Frage ist, erweckte die Sendung von Maybrit Illner, die sich am Donnerstag Abend zum Ziel gesetzt hatte, es herauszufinden, eher den Eindruck, dass es darum schon lange nicht mehr geht. Stattdessen schien es den Beteiligten hauptsächlich darum zu gehen, die eigene Position möglichst wenig blamabel aussehen zu lassen. Dabei mühten sich alle redlich, die Milliarden auf irgendeine Art und Weise mit Bedeutung zu füllen. Jeder der Diskutanten (und eine Diskutantin, die EU-Kommissarin Viviane Reding) nahm gerne für sich in Anspruch, mit den eigenen Vorschlägen den „europäischen Gedanken“ besonders hochzuhalten. Den jeweiligen Gegnern warfen sie mit Vorliebe Verantwortungslosigkeit vor, wahlweise ökonomischer, politischer oder persönlicher Natur.

EU-Kommissarin Reding zeichnete hierfür im Lauf der Sendung ein höchst optimistisches Bild des griechischen Haushalts: Die Lohnstückkosten seien dabei zu sinken, die Reformen wirkten, Griechenland sei auf einem guten Weg. Und sogar die portugiesische Wirtschaft wachse inzwischen wieder – wer könne da noch auf den Gedanken kommen, die europäische Krisenpolitik infrage zu stellen? Solidarität gegen Solidität, lautete Redings Patentrezept. Auch der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) fand, Griechenland stehe besser da als erwartet. Offenbar hätten die Griechen mittlerweile begriffen, dass sie „liefern“ müssten. Glücklicherweise habe man keine Vergemeinschaftung der Schulden beschlossen, das setze völlig falsche Anreize.

Ein Problem, das es aus der Welt zu schaffen gilt

Beide griffen in ihrer Argumentation gerne und viel auf unglückliche Analogien zwischen Staat und Individuum zurück – während Reding die Griechen am Ideal der schwäbischen Häuslebauer messen wollte, zitierte Söder eine Einlassung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, man schenke seinem Bruder ja auch nicht einfach so eine Kreditkarte. Überhaupt zog sich durch die Sendung eine erschreckende Sicht des griechischen Staats als externes Problem, das es aus der Welt zu schaffen gilt, und der Griechen als unverantwortliche Kinder, die zur Räson gebracht werden müssen. Zum vielbeschworenen „europäischen Gedanken“, den die Beteiligten verantwortungsvoll hochhalten wollten, stand das in eklatantem Widerspruch. Auch dass „die Griechen“ von einem Mannheimer Cafébetreiber mit eher diffusen Ansichten zur Krise repräsentiert wurden, half nicht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Protest-Märsche De Maizière zeigt Verständnis für Pegida-Demonstranten

Angesichts der jüngsten Demonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlands mahnt Bundesinnenminister De Maizière, die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen. Das Thema beschäftigt an diesem Freitag auch die Innenministerkonferenz in Köln. Mehr

12.12.2014, 08:54 Uhr | Politik
Selbst schuld? Griechen drohen Privat-Pleiten

In Griechenland ächzt nicht nur der Staat unter einer kolossalen Schuldenlast: Verbraucher und Firmen können 77 Milliarden Euro an Bankkrediten nicht zurückzahlen. Vielen Haushalten droht die Insolvenz, und das könnte auch das erhoffte leichte Wirtschaftswachstum gleich wieder abwürgen. Mehr

03.11.2014, 16:40 Uhr | Wirtschaft
TV-Kritik: Maybrit Illner Ihr hört uns sowieso nicht mehr zu

Was passiert in Dresden unter dem Stichwort Pegida? Ist es der Tiefpunkt unseres politischen Systems? Klar ist, es betrifft unser Verständnis von Politik. Das wurde in der Sendung von Maybrit Illner deutlich. Mehr Von Frank Lübberding

12.12.2014, 04:19 Uhr | Feuilleton
Bundesfinanzminister Schäuble Weniger Steuern, mehr Investitionen

Die Finanzexperten tagten schon seit Dienstag in Wismar. Die neusten Zahlen zur Steuerschätzung präsentierte dann am Donnerstag Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Berlin. Im kommenden Jahr dürfte der Fiskus demnach 6,4 Milliarden Euro weniger in der Kasse haben als gedacht. Mehr

07.11.2014, 09:19 Uhr | Politik
TV-Kritik: Maybrit Illner In Thüringen könnte die Zukunft beginnen

Sollte Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt werden, wird man über Koalitionen mit der Linken nicht mehr im Modus historischer Aufarbeitung diskutieren. Das wird höchste Zeit, zeigte die Sendung von Maybrit Illner. Mehr Von Frank Lübberding

05.12.2014, 05:50 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.09.2013, 06:34 Uhr

Die Bundesländer behalten im ZDF das Sagen

Von Michael Hanfeld

Im März hatte das Bundesverfassungsgericht verfügt, die Zahl der „staatsnahen“ Vertreter im Fernsehrat und im Verwaltungsrat des ZDF zu begrenzen. Doch wie es aussieht, denken die Bundesländer nicht daran. Mehr 6