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Frühkritik: Maybrit Illner Visionsfreie Zone

Mehr Geld oder nicht? Schuldenschnitt ja oder nein? Eine wenig kreative Runde stritt am Donnerstagabend bei Maybrit Illner über die zukünftigen Kosten der Euro-Rettungspolitik.

© dpa Vergrößern Ruine oder Baustelle? Der Parthenon auf der Akropolis in Athen

Er wolle sich nach der Wahl nicht vorwerfen lassen, zuvor nicht die Wahrheit gesagt zu haben. So begründete Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jüngst, warum er auf einer Wahlkampfveranstaltung gesagt hatte, Griechenland werde in Zukunft wohl noch mehr Geld benötigen. Danach war die Rede von einem dritten Hilfspaket, elf Milliarden Euro in den kommenden zwei Jahren oder, wie die SPD prompt vorrechnete, 70 Milliarden bis zum Jahr 2020. Die Opposition warf dem Finanzminister Lügen vor, der schlug zurück mit dem Vorwurf mathematischer Inkompetenz. Schließlich nahm die Kanzlerin ihren Amtsvorgänger in die Verantwortung: Schröder habe die Griechen erst in die EU gelassen und den Stabilitätspakt aufgeweicht, ließ Angela Merkel wissen. Das müssten die Deutschen heute ausbaden. Dass Deutschland nicht allein zu entscheiden hat, wer der EU beitreten darf, erwähnte sie wohlweislich nicht.

Hat Schäuble mit seinen Andeutungen über neue Hilfspakete also die Wahrheit gesagt? Abgesehen davon, dass das bezogen auf Griechenland vermutlich nicht die wichtigste Frage ist, erweckte die Sendung von Maybrit Illner, die sich am Donnerstag Abend zum Ziel gesetzt hatte, es herauszufinden, eher den Eindruck, dass es darum schon lange nicht mehr geht. Stattdessen schien es den Beteiligten hauptsächlich darum zu gehen, die eigene Position möglichst wenig blamabel aussehen zu lassen. Dabei mühten sich alle redlich, die Milliarden auf irgendeine Art und Weise mit Bedeutung zu füllen. Jeder der Diskutanten (und eine Diskutantin, die EU-Kommissarin Viviane Reding) nahm gerne für sich in Anspruch, mit den eigenen Vorschlägen den „europäischen Gedanken“ besonders hochzuhalten. Den jeweiligen Gegnern warfen sie mit Vorliebe Verantwortungslosigkeit vor, wahlweise ökonomischer, politischer oder persönlicher Natur.

EU-Kommissarin Reding zeichnete hierfür im Lauf der Sendung ein höchst optimistisches Bild des griechischen Haushalts: Die Lohnstückkosten seien dabei zu sinken, die Reformen wirkten, Griechenland sei auf einem guten Weg. Und sogar die portugiesische Wirtschaft wachse inzwischen wieder – wer könne da noch auf den Gedanken kommen, die europäische Krisenpolitik infrage zu stellen? Solidarität gegen Solidität, lautete Redings Patentrezept. Auch der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) fand, Griechenland stehe besser da als erwartet. Offenbar hätten die Griechen mittlerweile begriffen, dass sie „liefern“ müssten. Glücklicherweise habe man keine Vergemeinschaftung der Schulden beschlossen, das setze völlig falsche Anreize.

Ein Problem, das es aus der Welt zu schaffen gilt

Beide griffen in ihrer Argumentation gerne und viel auf unglückliche Analogien zwischen Staat und Individuum zurück – während Reding die Griechen am Ideal der schwäbischen Häuslebauer messen wollte, zitierte Söder eine Einlassung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, man schenke seinem Bruder ja auch nicht einfach so eine Kreditkarte. Überhaupt zog sich durch die Sendung eine erschreckende Sicht des griechischen Staats als externes Problem, das es aus der Welt zu schaffen gilt, und der Griechen als unverantwortliche Kinder, die zur Räson gebracht werden müssen. Zum vielbeschworenen „europäischen Gedanken“, den die Beteiligten verantwortungsvoll hochhalten wollten, stand das in eklatantem Widerspruch. Auch dass „die Griechen“ von einem Mannheimer Cafébetreiber mit eher diffusen Ansichten zur Krise repräsentiert wurden, half nicht.

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