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Frühkritik: Hart aber fair : Sie haben „entartet“ gesagt

Bernd Lucke Bild: dpa

Frank Plasberg hat in seiner Runde zuerst über Steuern, Eurorettung und gebrochene Wahlversprechen diskutiert. Dann machte er den AfD-Gründer Bernd Lucke wütend, als er ihm vorhielt, Nazi-Jargon zu verwenden.

          Steuern, Schulden, Eurorettung - werden wir jetzt abkassiert? So hatte Frank Plasberg seine Sendung betitelt und seine Gäste waren sich schnell einig. Sie antworteten mit einem klaren: Ja.  Der SPD- Parteivorstand Ralf Stegner erklärte, warum Steuererhöhungen auch gut seien für den Bürger, und dass der Staat einfach mehr Geld für seine Aufgaben brauche. Die Linke Sahra Wagenknecht fand das sowieso, außerdem müsse man das Geld dort holen, „wo es sich stapelt“. Nur der ehemalige Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) war sich sicher, dass es keine Steuererhöhung geben werde – oder er tat zumindest so.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weil das inzwischen ein bisschen unglaubwürdig wirkt und Frank Plasberg die Situation offensichtlich schon kommen gesehen hatte, hatte er einen Einspieler vorbereitet, der Norbert Röttgen in Schutz nahm. Das Filmchen präsentierte Röttgen als jemanden, der Wort hält. Es zeigte ihn im Wahlkampf 2005, als er höhere Mehrwertsteuern ankündigte. Weil das der CDU damals fast den sicher geglaubten Wahlsieg kostete, wollte Plasberg von Röttgen wissen, ob er damals gelernt habe, dass sich das Aussprechen der Wahrheit im Wahlkampf nicht lohne, was diesem sichtlich gefiel:  Der Wahrheit zuliebe müsse man Stimmenverluste in Kauf nehmen, antwortete der Gelobte heroisch. Als ihm Plasberg später die Kosten der CDU-Wahlversprechen (Mütterrente, Kinderfreibetrag, Kindergeld, Lebensleistungsrente, Straßenbau etc.) vorrechnete, wurde er deutlich leiser. „Wenn Sie sagen, wir brauchen nicht mehr Geld, werden Sie keinen Koalitionspartner finden“, watschte SPD-Mann Stegner den früheren Umweltminister kurzerhand ab.

          Eingeladen war auch AfD-Gründer Bernd Lucke. Er durfte kommen, obwohl seine Partei den Einzug in den Bundestag verpasst hat. Dass der Politik-Neuling mittlerweile schon einige Talk-Runden hinter sich hat, merkte man ihm zunächst an. Routiniert erläuterte er, dass seine AfD nicht „das Erbe der FDP“ antreten wolle, weil die FDP am Ende nur noch ein Schrumpfprogramm gehabt habe. Und dass man Europa politisch nicht auf einer wackeligen ökonomischen Grundlage aufbauen könne.

          Kann man jemanden so einfach als verkappten Nazi darstellen?

          Dann versuchte sich die Plasberg-Redaktion an einer Sprachanalyse. Das Ganze dauerte nicht lange, aber es prägte doch den Eindruck der ganzen Sendung. Der Moderator zeigte in einem Einspieler, wie Bernd Lucke am Wahlabend in einer Rede das Wort „entartet“ verwendet hat. Sprache verrate etwas darüber, wo man herkomme, sagte Plasberg und machte Lucke damit ganz unverhohlen den Vorwurf, ein verkappter Nazi zu sein, der den Nazi-Jargon quasi mit der Muttermilch aufgesogen habe. Lucke hatte sich schon in einer anderen Talkshow gegen diesen Vorwurf wehren müssen. Dort hatte er gesagt, das Wort „entartet“ sei in einer spontanen Rede gefallen, was er nun bei Plasberg wiederholte. Auf diesen Moment hatte der Moderator offensichtlich gewartet, um in einem weiteren Einspieler zu zeigen, dass Lucke das Wort auch schon zuvor mehrmals verwendet hatte.

          Bernd Lucke machte das sichtbar wütend. Man sah ihm an, dass er sich ungerecht behandelt fühlte. Ja, er habe das Wort offenbar schon öfter verwendet, aber andere Politiker täten das auch, zum Beispiel Altkanzler Helmut Schmidt oder Finanzminister Wolfgang Schäuble. Zudem würden auch Mediziner und Informatiker den Begriff verwenden, ohne dass ihnen jemand Nähe zum Nationalsozialismus unterstellen würde.

          Auch auf diese Antwort hatte Plasberg offenbar gewartet. Seine Redaktion habe einen Mediziner gefragt, der zwar bestätigte, dass Krebsforscher das Wort auch verwenden, aber nur bei „entarteten Zellen“, und eigentlich verbiete auch das der historische Kontext. Lucke wehrte sich weiter und sagte, er habe das Wort nicht in einem autoritären Sinne verwendet. Er habe – als er von „entarteter Politik“ sprach - lediglich darauf aufmerksam machen wollen, dass die Bundesregierung in der Eurokrise den Bundestag oft genötigt habe, über komplizierte Fragen viel zu schnell zu entscheiden. Dabei hätten die Parlamentarier länger darüber nachdenken sollen. Aber so genau wollte das plötzlich gar niemand mehr wissen.

          Das war keine Glanzleistung der Plasberg-Redaktion. Kann man jemanden so einfach als verkappten Nazi darstellen? Oder ist das nicht billige Denunziation? Tatsächlich ist die Frage statthaft, ob oder wie rechts die AfD eigentlich ist. Noch in der Wahlnacht hatte Michel Friedman auf N24 die berechtigte – und bislang nicht gut beantwortete – Frage gestellt, ob bei der AfD ein bisschen „hellbraun“ dabei sei. Doch so einfach wie Plasberg kann man es sich nicht machen.

          Lucke selbst – wie auch immer man über seine Thesen denken mag - macht jedenfalls keinen solchen Eindruck.Er hat in Interviews gesagt, wer vorher Mitglied der NPD gewesen sei, könne kein Mitglied der AfD werden, denn das sei Zeichen eines „eklatanten Mangels an Urteilsvermögen“. Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus werde in der AfD nicht toleriert.

          Andererseits: Wer weiß schon ganz genau, was all die anderen, unbekannten Parteimitglieder sagen. Die Zukunft der AfD wird auch davon abhängen, ob der Vorwurf, sie sei „rechtspopulistisch“, eine Verunglimpfung ihrer politischen Gegner war oder ob da etwas Wahrheit dahinter steckt. Allein der Vorwurf ist keine Antwort. Inhaltlich konnte die Plasberg-Sendung nicht viel Erhellendes dazu sagen – und auch sonst niemand in der Runde. Und so blieben die Zuschauer vor ihren Geräten am Ende allein zurück.

          Quelle: FAZ.NET

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