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Frühkritik: Günther Jauch Grundlose Gewalt

Günther Jauch beschäftigte sich in seiner Sendung mit dem Thema des Tatort: Jugendgewalt. Die Debatte verlor sich allerdings in der Suche nach „Sozialromantikern“.

© dpa Vergrößern Ein Bild, das ganz Deutschland schockierte: Im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße attackierte im April 2011 ein junger Mann einen Passanten

„Vielleicht bin ich auch nur einer der 99 Prozent Jugendlichen gewesen, die nicht gewalttätig werden.“ Dieser Satz des Brandenburger Jugendrichters Andreas Müller war der wichtigste in der Talkshow von Günther Jauch – und er fiel erst am Schluss. Es ging um die Jugendgewalt, und der Gastgeber nahm damit das Thema des sonntäglichen Tatort „Gegen den Kopf“ als Ausgangspunkt für seine Sendung. In dem Film ging es um den tragischen Fall eines Mannes, der in der Berliner U-Bahn zuerst von zwei Jugendlichen angegriffen wird und anschließend an den Folgen eines Herzinfarktes stirbt.

Der frühere Polizist und heutige Trainer für Konfliktmanagement, Ralf Bongartz, nannte die in dem Krimi gezeigte Konstellation ein „seltenes Ereignis“. Und trotzdem kennt jeder das Gefühl der Unsicherheit, wenn er nachts einer Gruppe männlicher Jugendlicher in Kapuzenpullis begegnet. Wie sie unter Umständen lautstark Territorialansprüche deutlich machen, um damit ihre Dominanz auszudrücken. Erwachsenen Männern, wie sie etwa bei Jauch zu Gast waren, steht übrigens für das gleiche Anliegen ein ungleich differenzierteres Handlungsvermögen zur Verfügung als solchen Jugendlichen. Das ändert aber nichts an der einen Frage: Handelt es sich nun um die vielleicht nur übermütigen 99 Prozent, oder hat man das Pech, an die 1 Prozent zu geraten?

Warum habe ich diesen Menschen getötet?

Das wäre ein interessantes Thema gewesen: die Diskrepanz zwischen dem subjektiven Bedrohungsempfinden und der tatsächlichen Bedrohung. Dann hätte Jauch nämlich bemerkt, wie wirkungslos Kriminalitätsprävention in diesem „Tatort“ gewesen wäre. Niemand kann verhindern, dass einem Jugendlichen die Freundin wegläuft, er aus Frust zu viel trinkt, seine Brieftasche verliert und ihm anschließend morgens um 4:28 Uhr in der U-Bahn die berühmten Sicherungen durchbrennen. Es sind genau diese Sicherungen, die verhindern sollen, dass man sich anschließend die unbeantwortbare Frage stellt: Warum habe ich diesen Menschen getötet?

Nun wissen wir nicht, ob der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) den Tatort ebenfalls gesehen hat. Ansonsten hätte ihm nämlich auffallen müssen, wie sehr die Polizei heute schon die Möglichkeiten des Überwachungsstaates zur Verbrechensaufklärung zu nutzen weiß. Ob Handyortung, Videoüberwachung oder die Nutzung der Daten aus der Online-Cloud: Der „Tatort“ war die Widerrede zu Friedrichs Äußerungen bei Jauch. Daran ändert selbst der Fall des ebenfalls eingeladenen Andreas Responde nichts. Er war 2010 in einer Berliner S-Bahnstation das Opfer jugendlicher Gewalttäter geworden. Es gab bei ihm keine Videoaufzeichnungen, die das Gericht zur Sachverhaltsaufklärung hätte nutzen können. Nur wird es immer Orte ohne Videoüberwachung geben, an denen trotzdem Verbrechen stattfinden. Daran könnte man nur etwas mit jener „flächendeckenden Überwachung“ aller Bürger (das wären 100 Prozent) ändern, die Friedrich aber nach eigenem Bekunden nicht will. Der Bundesinnenminister könnte übrigens die NSA fragen, wie man so etwas effizient und zweckmäßig organisiert.

Jauch verschenkte sein Thema

Warum hat Günther Jauch nicht diskutieren lassen, was die sinkenden Zahlen in der Kriminalitätsstatistik beim Thema „Jugendgewalt“ eigentlich zum Ausdruck bringen? Über die Gründe ist nichts zu erfahren gewesen. Etwa den demographischen Wandel: Ungeborene Kinder können immerhin als junge Männer keine Straftaten begehen. Stattdessen bemühte sich der Moderator, jenen überholten Konflikt aus den neunziger Jahren zwischen „liberaler“ und „konservativer“ Rechtspolitik wiederzubeleben, als sich die Sozialarbeiter und die Polizei in einer Art „natürlicher Gegnerschaft“ gegenüberstanden.

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