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Veröffentlicht: 13.09.2013, 07:28 Uhr

Frühkritik: Enzensberger bei „Beckmann“ Der Mann mit dem Füller

Volksheld Snowden, Menschen, die sich selbst vermessen, und ein weiser, wütender Mann, der eine eigene Fernsehshow haben müsste: Bei „Beckmann“ war Hans Magnus Enzensberger zu Gast.

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© dpa Es war seine Show: Hans Magnus Enzensberger bei „Beckmann“

Als Hans Magnus Enzensberger am Ende der Sendung noch dieser Mann präsentiert wurde, Stefan Schumacher, der zur Vereinigung der Selbstvermesser gehört und der hier im Studio seinen Gürtel vorführte, der seine Körperhaltung kontrolliert, seine Zahnbürste, die sein Zahnbürsten kontrolliert, seine Schrittzählerkette, die die gelaufenen Schritte des Tages misst, da dachte man als Zuschauer schon: Jetzt läuft er weg. Oder er lacht sich tot. Oder er verhaut vielleicht einen. Aber Hans Magnus Enzensberger, 83, sagte nur sanft: „Ach, das ist ja noch eine milde Form.“ ... des Wahnsinns, musste man als Zuschauer selbst ergänzen. Der Selbstvermesser blickte leicht verunsichert in die Runde.

Bei „Beckmann“ wurde am Donnerstag Abend über Edward Snowden, Big Data und die Folgen gesprochen. Sie waren Vier, der große Liberale Gerhart Baum, die Datenanalytikerin Yvonne Hofstetter, Stefan Wrobel vom Fraunhofer Institut. Und er. Im blauen Sakko, die weissen Haare wie ein Helm auf dem Kopf. Es wurde seine Show.

Der neugierige Junge, der fassungslose Revolutionär

Er sei ja der falsche Mann hier für diese Runde, erklärte er gleich. Er sei durch und durch analog, schlafe, träume, lebe analog, sei nicht bei Facebook und besitze zum Beispiel noch ein Telefon mit Schnur. Kühlschränke, die für ihn entscheiden, was er essen solle, halte er für Quatsch.

Aber er wisse, was Freiheitsrechte seien, er sehe, welche ungeheuren Gefahren unsere Demokratie, unsere Freiheit bedrohten, und er sehe, was für ein großer, ziviler Held jener Edward Snowden sei, dem in keiner westlichen Demokratie Asyl gewährt werde. Der uns allen aber die Augen dafür geöffnet habe, dass unsere Verfassung offenbar keine Gültigkeit mehr habe. Und dass die deutsche Politik dem machtlos, ängstlich, ahnungslos gegenüberstehe.

Enzensberger bei "Beckmann" © dpa Vergrößern Enzensberger und Gerhart Baum

Enzensberger gibt an diesem Abend mal den kleinen, neugierigen Jungen, der sich vom industriegläubigen Stefan Wrobel die großen Skrupel der Wirtschaftsführer vor zu ausuferndem Datengebrauch erläutern lässt, von Yvonne Hofstetter ihre Ablehnung moralisch zweifelhafter Datensammlungen für Erdölfirmen in der Dritten Welt.
Mal gibt er den sentimentalen Achtundsechziger, der mit Gerhart Baum überlegt, wie man das politische Bewusstsein für die Gefahren von Big Data vergrößern und zu einer breiten politischen Bewegung formen kann. Und mal den wütenden, den fassungslosen Revolutionär, der es nicht fassen kann, dass die Menschen glauben, die Dienste, die Facebook, Google und andere anbieten, seien tatsächlich umsonst, nur weil man nicht gleich mit Geld bezahlt. Sondern eben langfristig. Mit seinen Daten.

Eine bübisch-spöttische Altersironie

Beckmann macht es Freude, den weisen Mann mit weißem Haar, der wie zum Beweis seines analogen Lebens immer mit seinem Füller fuchtelt, Stichworte zu liefern. Aber Enzensberger überrascht sich ja immer am liebsten selbst. Will Beckmann von ihm Apokalyptisches hören, nennt sich Enzensberger einen großen Optimisten. Das sei doch alles Größenwahn, was er hier sehe, von den Unternehmen, den Geheimdiensten und von der organisierten Kriminalität. Und Größenwahn, das wisse jeder, der sich für Geschichte interessiere, führe irgendwann zum Untergang. Des Größenwahnsinnigen. Nicht von uns. Er sei da ganz beruhigt.
Und ist es in Wahrheit natürlich ganz und gar nicht.

Enzensberger bei "Beckmann" © dpa Vergrößern Der Moderator und sein seltener Gast vor Beginn der Aufzeichnung

Hans Magnus Enzensberger flüchtet sich an diesem Abend immer wieder gern in eine bübisch-spöttische Altersironie. Aber in Wahrheit haben wir einen Mann gesehen, der die Geistesgeschichte der Bundesrepublik geprägt hat und der jetzt zu ahnen scheint, dass, bevor der Größenwahn die Datensammler stürzen lassen wird, etwas anderes stürzen wird: unsere Freiheitsrechte, unsere Verfassung und die Demokratie, so wie wir sie bisher kannten. Aber bevor das alles so weit kommt, sollte Hans Magnus Enzensberger eine eigene Fernsehsendung bekommen.

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