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Frühkritik: Anne Will Vier Jahre nach der tödlichen Entscheidung

Über den deutschen Befehl zum Luftangriff auf zwei Tanklaster in Kundus im September 2009 ist schon viel gesprochen worden. Aber noch nicht genug, wie Anne Wills Sendung zeigte. Vor allem nicht mit den richtigen Leuten. Denn die wollen davon nichts mehr hören.

© AP Vergrößern Nach dem Bombenabwurf: Afghanische und deutsche Soldaten stehen am 5. September 2009 neben einem der beiden zerstörten Tanklaster am Kundus-Fluss

Ist nicht längst alles gesagt über den Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster in Kundus vor fast genau vier Jahren? Muss man nach all den Medienberichten, all den Talkshows und dem Kundus-Untersuchungsausschuss immer noch über jene Nacht des 4. September 2009 diskutieren, in der auf Anweisung des deutschen damaligen Oberst Georg Klein bis zu 142 Menschen am Ufer des Kundus-Flusses getötet wurden? Ja, man muss. Das wurde schon daran deutlich, dass kein Vertreter des Verteidigungsministeriums oder der Bundeswehr bereit war, am Mittwochabend zu Anne Will in die Sendung zu kommen, um über das Doku-Drama „Eine mörderische Entscheidung“ und die darin nachgestellten Ereignisse von Kundus zu diskutieren.

Wer sich auf einen langweiligen Austausch der altbekannten Positionen eingestellt hatte, wurde gleich in den ersten Minuten davon überrascht, mit welcher Wucht auch vier Jahre danach ebendiese Positionen aufeinanderprallen. „Ja, er (Oberst Klein) hat richtig gehandelt“, sagte der ehemalige Bundeswehr-Nachrichtenoffizier Marc Lindemann ohne jeden Anflug von Zweifeln. Seine Begründung: Wenn die Zahl der „Unbeteiligten“ unter den Opfern in einem „angemessenen Verhältnis zum militärischen Ziel“ stehe, sei das vertretbar. Bei dieser Antwort musste der neben Lindemann sitzende Buchautor Jürgen Todenhöfer so tief durchatmen, dass man fast fürchten musste, er könnte handgreiflich werden. Beide Männer kennen die brutale Realität in Kundus aus eigener Anschauung. Der eine hat erlebt, wie er selbst beschossen wurde und wie Kameraden verletzt und getötet wurden. Der andere kennt die Familien der Opfer, hat sie zu Hause besucht und sie über Jahre begleitet. Beide Perspektiven sind wichtig, um den Luftangriffe von Kundus und seine Konsequenzen zu verstehen. 

Gelernte Lektionen - Fehlanzeige

Das meiste, was in der Sendung gesagt wurde, war nicht neu. Dass Oberst Klein und seine Soldaten zum Zeitpunkt der Luftschläge unter einem immensen psychischen Druck standen, nachdem der Hauptgefreiter Sergej Motz Ende April 2009 im Gefecht gefallen war und die Soldaten fortan unter ständigem Beschuss durch die Taliban standen, ohne sich wehrhaft verteidigen zu können. Dass der Gouverneur von Kundus und ein Teil der  Bevölkerung die Soldaten zu einem härteren Vorgehen gegen die Aufständischen gedrängt und sie als Feiglinge verhöhnt hatten. Dass die Soldaten unter dem Widerspruch litten zwischen der Kriegsrealität vor Ort und der Verlogenheit der Politik in Berlin, die noch immer von einer Wiederaufbaumission sprechen wollte - und bis heute in geschönten Worten über die Lage in Afghanistan spricht. Gehört hat man das alles schon oft.

Umso erstaunlicher war es, dass die Antworten auf die naheliegende Frage von Anne Will - Welche Lehren lassen sich aus den Ereignissen von Kundus ziehen? - äußerst dünn ausfielen. Dass bislang von Politik und Bundeswehr kaum welche gezogen wurden, war wohl die wichtigste Erkenntnis der Sendung. „Für die Kultur der Bundeswehr wäre es doch von Vorteil gewesen, Transparenz herzustellen und Lehren zu ziehen“, sagte die Focus-Journalistin Ulrike Demmer. Genau darüber hätte man gern mehr gehört, am liebsten vom Verteidigungsminister oder einem der Generäle. Doch offenbar ist Deutschland noch nicht so weit.

Kiesewetter: „Ich teile die ganzen Dinge mit den Opfern“

Politik und Bundeswehr, sagte Demmer auch, seien am 4. September 2009 mit der Situation überfordert gewesen, weil sie sich Jahrzehnte lang nicht mit der Zumutung des Tötens hatten auseinandersetzen müssen. Anne Wills Sendung machte deutlich, dass die deutsche Politik bis heute für das Töten keine Sprache gefunden hat. Lindemann etwa schien aus lauter Frust darüber, dass über das Töten nicht gesprochen werden darf, jedes Maß für die erträglichen Kosten eines Krieges verloren zu haben. Ausgerechnet das Beispiel des Kundus-Luftangriffs, dem zahlreiche offensichtliche Verstöße gegen die militärischen Einsatzregeln vorausgingen, wollte er nutzen, um der Politik ein Bekenntnis dafür abzutrotzen, dass jeder Einsatz auch „Konsequenzen“ - also zivile Opfer - hat.

Die Schwierigkeit, sich den Opfern sprachlich zu nähern, konnte man auch bei dem CDU-Politiker Roderich Kiesewetter heraushören, der zu Todenhöfer sagte: „Ich teile die ganzen Dinge mit den Opfern.“ Trotz der hohen Zahl an zivilen afghanischen Opfern scheute er sich nicht, von „Lenk- und Ruhezeiten“ des deutschen Drohnen-Teams der Bundeswehr zu sprechen, die aufgrund ihrer verdienten Nachtruhe nicht hinzugerufen werden konnten, um Bilder von den festgefahrenen Tanklastern zu liefern. Und von den Menschen, die das Benzin zapften, und die Todenhöfer konsequent mit vollem Namen ansprach und ihnen damit als einziger eine Präsenz im Studio verschaffte.

Gerade jetzt, da die Bundeswehr ihren Abzug aus Afghanistan vorbereitet und in Syrien schon der nächste internationale Militäreinsatz geplant wird, scheint ein guter Zeitpunkt, sich die alten Dokumente noch einmal vorzunehmen und die Ereignisse von Kundus zu vergegenwärtigen. Und jene Verantwortlichen in ein Gespräch darüber zu verwickeln, die davon nichts mehr hören wollen.

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Quelle: FAZ.NET

 
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