http://www.faz.net/-gsb-778g5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.02.2013, 06:44 Uhr

Fernsehkritik „Hart aber fair“ Hihi, Hitler? Hi-hi-Hilfe!

Erstaunlich, wie wenig komisch eine Fernsehdebatte über die Frage sein kann, ob man als Deutscher über Hitler lachen darf. Aber einer wenigstens hat etwas davon: Frank Plasberg lernt in seiner Sendung „Hart aber fair“ ein neues Wort kennen.

von
© dapd Frank Plasberg

„Er ist wieder da“, so heißt das im vergangenen Herbst erschienene Erfolgsbuch von Timur Vermes, das mittlerweile eine halbe Million Mal unter die Leute gebracht wurde. Es lässt als Satire Hitler wiederauferstehen. Grund genug für Frank Plasberg, das Thema „Hitler als Witzfigur – worüber darf Deutschland lachen?“ auf die Dienstagsordnung von „Hart aber fair“ zu setzen.

Andreas Platthaus Folgen:

Ein Problem der Sendung: Vermes war nicht da. Und auch nicht der zweite Satiriker, der in Deutschland über Hitler Lachsalven hervorgerufen hat: Walter Moers, der nicht nur ein höchst erfolgreicher Schriftsteller ist, sondern auch drei sehr komische „Adolf“-Comics gezeichnet hat, das millionenfach im Netz verbreitete Video „Der Bonker“ gemacht hat (mit einem singenden Hitler im belagerten Berlin) und nun mittels Crowdfunding einen abendfüllenden Zeichentrickfilm mit seiner „Führer“-Persiflage finanzieren will. Dass dieser Moers nicht einmal erwähnt wurde, obwohl die ganze Vermes-Idee in seinen Comics schon zu finden ist, sagt alles über die Qualität der Talkrunde.

Mehr zum Thema

Nun kommt Moers nie irgendwohin, nicht nur nicht zu Plasberg, auch nicht zu Jauch, Lanz, Kerner, Will e tutti quanti, und das hat nichts mit einer Talkshow-Aversion zu tun (die man gut verstehen könnte), sondern Moers ist seit Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Sein Fehlen kann man „Hart aber fair“ also nicht vorwerfen. Aber Timur Vermes nicht zu bekommen (oder wenigstens Christoph Maria Herbst, der das Hörbuch von „Ich bin wieder da“ eingelesen hat und gestern Abend viel häufiger namentlich erwähnt wurde als der Autor), das war eine Bankrotterklärung der Redaktion.

Die fünf von der Ersatzbank

Wer saß stattdessen auf der Ersatzbank im Studio? Einer gegen alle: nämlich Rudolf Dreßler, zweiundsiebzigjähriger SPD-Politiker und ehemaliger deutscher Botschafter in Israel, gegen die CDU-Bundestagsabgeordnete und Vertriebenenpolitikerin Erika Steinbach, den Publizisten Hellmuth Karasek, den Satiriker und „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer und Oliver Pocher, Comedian und Miterfinder des in der verflossenen ARD-Satiresendung „Schmidt und Pocher“ vor Jahren präsentierten „Nazometers“, das nazistisch verseuchte Begriffe verpiepte. Die vier Letzteren wollten durchaus über Hitler lachen dürfen, Dreßler keinesfalls.

Wobei Frau Steinbach zwar Witze über Hitler zulässig findet, aber keine Lust mehr hat, seine Visage überall zu sehen. „Hitler wird eingesetzt, um Kasse zu machen. Der müsste sich ja darüber krummlachen, wie bekannt er heute ist. Wie wir ihn heute vermarkten, das hätte er sich nicht besser wünschen können“, sagte sie in Richtung Leo Fischers, dessen Magazin in den vergangenen Jahren acht Mal Hitler als Coverstar veralbert hatte (unter anderem als Fahndungsplakat des Verfassungsschutzes nach der Aufdeckung der NSU-Mordserie: „Wer kennt diesen Mann?“). Pech nur, dass Fischer schon bei seinem ersten Wortbeitrag keinen  Hehl aus den rein kommerziellen Interessen dieser Praxis gemacht hatte: Hitler-Titelbilder lassen den Absatz eines „Titanic“-Hefts um zwanzig Prozent steigen. Plasberg witterte in dieser ernsthaften ökonomischen Kalkulation sofort wieder Satire, um später seinerseits genau mit diesem bekannten Verkaufszuwachs eine Attacke gegen das Satireblatt zu reiten. Aber was geht einen Moderator am Ende seiner Sendung sein Geschwätz vom Anfang an?

Sprechen Sie nach: Am-bi-gui-tät

Den halb so alten Oliver Pocher belehrte Rudolf Dreßler, dass er als Deutscher „kein Recht habe, seine Verantwortung als junger Mensch abzulegen“. Das war eine ziemlich geschraubte Formulierung, die aber dem Moderator keine Schwierigkeiten bereitete. Ganz im Gegensatz zu einem einzelnen Wort in einem sagenhaften Dialog, die mehr über die Allgemeinbildung von Fernsehgrößen sagt (oder über ihre Anbiederungsversuche), als man wissen mochte. Auf die Frage an Leo Fischer, ob es ihm peinlich gewesen wäre, dass bei einer Razzia in einer Neonaziwohnung ein „Titanic“-Plakat mit einer Goebbels-Veralberung gefunden worden sei, antwortete der Satiriker: „Das ist ein Risiko. Satire arbeitet mit Ambiguität.“ Plasberg fasste nach: „Mit was arbeitet die?“ „Mit Ambiguität, mit Zweideutigkeit.“ Plasberg fasste es nicht: „Herr Pocher, da kann man was lernen.“ Und Pocher tastete das Wort feinschmeckerisch nach: „Am-bi-gui-tät“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aktion Gitter Als das NS-Regime zurückschlug

Die Verschwörer des 20. Juli 1944 hatten Verbündete in Frankfurt. Sie sollten nach dem Putsch die zivile Verwaltung der Stadt übernehmen. Erst jetzt werden die Details bekannt. Mehr Von Hans Riebsamen

22.07.2016, 12:27 Uhr | Rhein-Main
Nach dem Amoklauf Bluttat von München löst Debatte über Waffenrecht aus

Nach dem Amoklauf in München, bei dem neun Menschen erschossen wurden, schließt Bundesinnenminister Thomas de Maizière Verschärfungen des Waffenrechts nicht aus. Der Koalitionspartner SPD verlangt mehr Anstrengungen gegen den illegalen Handel mit Waffen im Netz. Mehr

25.07.2016, 08:52 Uhr | Politik
Künstlergruppe YRD.Works Ein Opernhaus für Offenbach

Fehlt etwas? Das Künstlerkollektiv YRD.Works schafft mit seinen Projekten wie der Kressmann-Halle auf dem Hafengelände Abhilfe. Zumindest für eine gewisse Zeit. Mehr Von Christoph Schütte, Offenbach

24.07.2016, 15:39 Uhr | Rhein-Main
Staatliches Doping IOC schließt Russland nicht von Olympia aus

Die Leitung des Internationalen Olympischen Komitees um den deutschen Präsidenten Thomas Bach hat die russischen Athleten nicht grundsätzlich von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Stattdessen sollen die Welt-Sportverbände entscheiden. Mehr

25.07.2016, 15:01 Uhr | Sport
Historische Fischereitechniken In Ostsee und Adria fischt es sich ähnlich

Eine Ausstellung in Stralsund zeigt: Die Fangmethoden venezianischer und pommerscher Fischer waren sich verblüffend ähnlich. Woher kommen diese Gemeinsamkeiten? Mehr Von Frank Pergande

26.07.2016, 10:55 Uhr | Technik-Motor
Glosse

Luther in Chrom

Von Andreas Kilb

Die evangelische Kirche will in Berlin ein Luther-Denkmal errichten. Doch die Ansprüche, die sie daran stellt, sind nicht einmal für den Reformator zu erfüllen. Mehr 4