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Fernseh-Frühkritik „Maybrit Illner“ Medizin und Machtlosigkeit

Für Ärzte-Pfusch muss doch jemand verantwortlich sein, oder? Sicher, meinten die Gäste von Maybrit Illner, und blieben mutlos. Die Wortführer ergingen sich ungeniert in Selbstherrlichkeit und Selbstverständlichkeiten.

© dapd Vergrößern Politischer Beharrungskünstler bei Illner: Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery

Wie viele bitteren Pillen soll der Fernsehzuschauer eigentlich noch schlucken, bis die Berliner Talkprofis endlich erkennen, dass sie diesem politisch organisierten Selbstbetrug im Gesundheitssystem ganz offensichtlich nicht gewachsen sind? Da fehlen einem die Worte, wenn sich die Moderatorin mit den Worten verabschiedet: Wir lernen also, „auch das neue Patientenrechtegesetz wird nichts ändern“. Strich drunter. Sendung aus. Ist halt so. Hauptsache, wir haben einmal alle gemeinsam versucht, darüber zu reden.

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

Angetreten war Maybrit Illner mit dem Vorsatz, den Ursachen von Behandlungsfehlern in Kliniken und Praxen auf den Grund zu gehen und Hoffnungen auf das demnächst im Bundesrat verhandelte  Patientenrechtegesetz zu wecken. Nach Verantwortlichen wollte man suchen, womöglich in ganz konkreten Fällen auch Schuldige benennen. Beispielsweise für das Leid, das Anja Printz beinahe die Stimme gekostet hat und für Behindertensportlerin Birgit Kober nach einem fatalen Schreibfehler schwere Hirnschäden durch Arzneivergiftung bedeutet. Die Fallanalysen sind in Ergriffenheitsgesten der Moderatorin und aufrüttelnden Appellen der Betroffenen („die Klinik hätte wenigstens angemessen Rückgrat zeigen können“) stecken geblieben.

Montgomery: „Jedenfalls ist nicht alles Pfusch“

Natürlich kommt man in solchen Fällen wie immer beim Thema Kunstfehler auf die Ärzte zurück, die dafür zur Rechenschaft gezogen werden. 15.000 sind es jedes Jahr im Land – weniger als ein Drittel der Fälle, die nach Schätzungen der Bundesärztekammer zur Anzeige kommen, werden am Ende den „Göttern in Weiß“ angelastet. Wie viele Fehler tatsächlich durch Nachlässigkeiten in der Therapie, Diagnose oder Pflege passieren, weiß allerdings keiner. Von 17.000 fehlerbedingten Todesfällen geht das Aktionsbündnis für Patientensicherheit aus. „Jedenfalls ist nicht alles Pfusch“ wollte der Dauersystempfleger Frank Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, klarstellen. Hat er das nicht schon vor einem Jahr gesagt? Klar, nach dem französischen Brustimplantateskandal und einer neuen Todesursachenstatistik war der Funktionär in die Offensive gegangen, um sich heldenhaft vor seinen Berufsstand zu stellen: Mangelnde Desinfektion zum Beispiel oder Hygienemängel seien oft Strukturfehler, keine Arztfehler.

Nicht nur er, auch sein junger, und wie es abgrenzend im Untertitel zu seinem Namen lautete, „kritischer“ Kollege, Paul Brandenburg warb in der Sendung um Verständnis für die jungen Ärzte, „die dauernd gegen unsichtbare Wände laufen“ und dem Wohlwollen ihrer Chefs ausgeliefert sind. Ja, die Chefärzte, diese absolutistischen Herrscher“ (Montgomery), die grausam festgefahrenen Hierarchien, die dem jungen Kollegen kaum Freiheit lassen, eigene Schwächen transparent zu machen. Alles, was man dem Arzt zu Recht anlasten kann, kam auf den Tisch, sogar die Selbstgeißelung des Berufsstandes („eine Lebenslüge, wir hätten keine festen Interessen“) durch den Chirurgenaussteiger Brandenburg war glaubwürdig und plausibel.

Der schwarze Teufel diskutiert nicht mit

Aber sind deshalb wirklich vor allem die Ärzte an den Pranger zu stellen, wie es ja schon im Titel zur Sendung ausgewiesen wurde: „Hilfe, der Arzt kommt – wer stoppt den Medizin-Pfusch?“ In der Talkrunde selbst jedenfalls war zumindest sehr schnell klar geworden, und Illners Redaktion hätte das auch leicht in der Vorrecherche und den eigenen Einspielvideos erkannt haben können, dass der Hund eigentlich woanders begraben ist. Hätte sie mal nicht nur einen Gesundheitspolitiker wie Jens Spahn eingeladen, sondern einen, den selbst die Chefärzte als den „schwarzen Teufel“ fürchten. Es ist der Teufel mit der Hand auf dem Klinikkasse - die kaufmännischen Klinikdirektoren also, die ungeniert die völlig verfehlten Wettbewerbsanreize auf ihre angestellten Ärzte und die Patienten abwälzen, um selbst noch so unrentable  Krankenhäuser ökonomisch über Wasser zu halten. Sie sind die Urheber von Boni-Verträgen für Ärzte , denen „Zielvereinbarungen“ diktiert werden und mehr Geld versprochen wird, wenn sie auch an sich unnötige Operationen vornehmen.

Gestern noch versuchte Montomery den Transplantationsskandal mit der Behauptung herunterzuspielen, es gebe keine systemischen Fehlanreize, die die Verteilung von viel zu knappen  Ersatzorganen beförderten. Jetzt plötzlich sieht er selbst die Wettbewerbsverzerrung durch den Ökonomiezwang. 

Selbstherrliche Beharrungskünstler

Wenn wir wissen wollen, warum Deutschland mit 240.000 Hüftoperationen jährlich einsame Weltspitze ist und weshalb wir mit 160.000 Bandscheiben-Eingriffen fünfmal so viel am Rücken operieren wie die Franzosen (und trotzdem im Schnitt kein gesünderes Rückgrat besitzen), dann war das in der Sendung durchaus zu erkennen: „Die Fallpauschalen verursachen die Massen an Operationen“, stellte Britta Konradt fest, die Medizinrechtsanwältin.

Aber was sagte das dem arglosen Patienten, der das ewige Lamentieren über die selbst gezimmerten gesundheitspolitischen Missgeburten leid ist? Nichts, denn in solchen Runden, in denen der Stallgeruch zählt, dürfen die Wortführer wie Montgomery und Spahn vor allem ungeniert ihre selbstherrlichen Selbstverwaltungssprüche und Selbstverständlichkeiten (Montgomery: „Qualität muss das Ziel sein“) loswerden: Haben Sie eine bessere Lösung, fragen sie beispielsweise. Oder sie legen fest: Wir können das System nicht einfach radikal ändern! Wie, sie denken an einen Entschädigungsfonds für die Opfer von Kunstfehlern? Montgomery: „In Deutschland nicht  machbar.“

Glauben denn die Berliner Talkgastgeber wie Illner tatsächlich, dass man mit solchen politischen Beharrungskünstler, die das Mängelsystem schon aus purem Selbsterhaltungstrieb und Machtwillen verteidigen müssen, auch nur ein Stückchen mehr Aufklärungsarbeit leisten und neue Ideen entwickeln kann?  Reicht es nicht, dass das System von Lobbyisten mitregiert wird? Wenn man schon mal nach Schuldigen sucht, sollte man die Teufel jedenfalls nicht unnötig schonen.

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Quelle: FAZ.NET

 
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