http://www.faz.net/-gsb-754gh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.12.2012, 06:50 Uhr

Fernseh-Frühkritik Das Gesetz hat versagt

Seit zehn Jahren ist Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Diese „Deregulierung“ habe Deutschland zum „Bordell Europas“ werden lassen, sagen Kritiker.

von Stefan Schulz
© dpa Diskussion über Prostitution: Günther Jauch

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerin der Justiz, war gestern nicht bei Günther Jauch. Sie war eingeladen, kam aber nicht. Vielleicht, weil sie die Zahlen, die während der einstündigen Diskussion genannt wurden, schon kannte: Das Prostitutionsgewerbe setzt in Deutschland pro Jahr zwischen zwölf und 14 Milliarden Euro um. Nur ein Prozent der Prostituierten sind krankenversichert. Rund 90 Prozent der Frauen arbeiten nicht freiwillig in der Prostitution. Mehr als eine Million Männer nutzen pro Tag in Deutschland ihre Dienste.

Laut repräsentativer Studie lehnen 78 Prozent der befragten Deutschen (76 Prozent der befragten Frauen) ein erneutes vollständiges Verbot der Prostitution ab. Zwischen Vernunft und Volkes Wille gibt es offenbar eine weite Kluft. Zu weit für die Justizministerin.

Mehr zum Thema

Dass nicht nur diese Zahlen der Realität entsprechen, sondern auch Inhalt und Dramaturgie des vorangegangenen Tatorts zum selben Thema erschreckende Parallelen aufwiesen, bestätigte zu Beginn der Sendung Cathrin Schauer. Im Verein „Karo“ engagiert sich die gelernte Krankenschwester nahe der deutsch-tschechischen Grenze in der Prostitutions- und Drogenszene.

Der geschilderte Fall im Tatort sei, im Rahmen ihrer Erfahrungen vom „größten Straßenstrich Europas“, „sehr realistisch“ gewesen. Seit 18 Jahren kümmert sie sich um Frauen aus Ländern Osteuropas, Afrikas, den Philippinen und Thailand.

Am schlimmsten waren die „Partys der Reichen“

Eine von ihnen, „Eva“, schilderte anonymisiert vor der Kamera, wie sie im Alter von zwölf Jahren entführt und anschließend 14 Jahre gefangen gehalten wurde. Sollte ihr Entführer und Zuhälter sie erneut aufspüren, würde er sie „in Teile schneiden und im Wald verstecken“, befürchtet sie. Sie erzählte von ihrem Schicksal „als Maschine“ und den „Partys der Reichen.“ Die dort erlittenen Verletzungen waren Risse im Genitalbereich und Bisswunden über den gesamten Körper. Sieben Minuten der Sendung galten Frau Schauer und Eva, dann wandte sich Günther Jauch seinen Diskussiongästen zu.

Jürgen Rudloff, der Betreiber des „größten Bordells Europas“, dem „Paradise“ in Stuttgart, sagte, er habe mit vergleichbaren Machenschaften nichts zu tun. Männer und Frauen, die bei ihm zu Gast sind, zahlen jeweils 79 Euro Eintritt und vergnügen sich dann nach eigenem Belieben. „Es ist ganz klar, dass ich da keine Überprüfungsmöglichkeit habe“, sagte er auf die Frage, ob er wisse, was in seinen Räumlichkeiten genau passiere. Es gebe aber die Polizei, die einen klaren Aufgabenbereich habe und dem auch nachkomme. „Zwei-, dreimal im Jahr“ gebe es bei ihm Großkontrollen, „seit zehn Jahren ohne Beanstandungen“.

Jeder Bordellbesucher finanziert die Organisierte Kriminalität

Hat Rudloff Probleme mit organisierten Kriminellen, mit Schutzgelderpressung und Menschenhandel? Nein, habe er nicht, antwortete er. „Ich spiele in einer ganz anderen Liga“, sagte er. Christian Zahel, Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im LKA Niedersachsen, wollte das nicht glauben. Gerade in Stuttgart, wo Rockerbanden besonders aktiv seien, soll ein Bordellbesitzer keinen Kontakt zu Kriminellen haben, fragte er Rudloff direkt. „Wir haben ein ganz anderes System“, antwortete dieser. Zahel brachte dennoch auf den Punkt, was er schon zuvor sagte: „Wer in ein Bordell geht, finanziert die organisierte Kriminalität.“

Diese Ansicht vertrat auch Alice Schwarzer. Rudloff sei „das letzte Glied einer langen Kette von Verbrechern“. Vor dem Gesetz sei er aber keiner, dafür habe die rot-grüne Regierung vor elf Jahren gesorgt, als sie die Prostitution legalisiert habe.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Olympia-Bilanz Blick in einen neuen Spiegel

Noch nie geriet Olympia so sehr in Verlegenheit: Aus kommerzieller Sicht waren die ersten Spiele in Südamerika ein Erfolg – aber Brasilien dürfte nach der Schlussfeier mit einem Kater erwachen. Mehr Von Evi Simeoni, Rio de Janeiro

22.08.2016, 07:03 Uhr | Sport
Wahlkampf der Demokraten Der neueste Wahlspot von Hillary Clinton

For those who depend on us. Unter dem Motto versucht die amerikanische Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, vor allem Familien und berufstätige Frauen anzusprechen. Mehr

20.08.2016, 14:35 Uhr | Politik
Streit um Vollverschleierung Es wird Zeit für den Burko

Die Burka hat nichts mit Religion und Freiheit zu tun. Sie ist Ausdruck von Frauenverachtung und Unterdrückung. Warum sollen wir sie in Deutschland nicht verbieten können? Mehr Von Michael Hanfeld

20.08.2016, 09:45 Uhr | Feuilleton
Frauenfußball Steffi Jones will als Bundestrainerin den EM-Titel

Die ehemalige Innenverteidigerin Steffi Jones tritt die Nachfolge von Silvia Neid als Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft an. Und sie hat auch schon ein klares Ziel formuliert. Mehr

24.08.2016, 19:45 Uhr | Sport
Burka-Debatte Das Leben ist keine Zumutung

Die Flucht in die Anonymität der Burka dürfen wir nicht tolerieren. Denn die Vollverschleierung bedroht das Fundament unserer europäischen Kultur. Mehr Von Kerstin Holm

24.08.2016, 14:40 Uhr | Feuilleton
Glosse

Gute Laune dank Kimflix

Von Dietmar Dath

Kim Jong-un ist immer für eine Überraschung gut: Jetzt will er einen Streaming-Dienst à la Netflix einrichten: „Manbang“ richtet sich an Nordkoreaner mit Vorliebe fürs Dokumentarische. Das kommt uns bekannt vor. Mehr 1 5