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Fernseh-Frühkritik „Anne Will“ Konsens der Ratlosigkeit

Sollen auch deutsche Soldaten in Mali kämpfen? Die Gäste von Anne Will wollen dazu nicht allzu viel sagen - nur der in Mali lebende Schauspieler Christof Wackernagel fleht die „liebe Bundeswehr“ an, zu intervenieren.

© dpa Diskussion bei Anne Will: AUch die Gäste der Talshow haben keine Lösung für Mali

Christof Wackernagel ist gerade aus Mali gekommen, so wird er von Anne Will vorgestellt - wäre es angesichts des Ernstes der dortigen Situation nicht geschmacklos, so könnte man denken, sein gelbes Hemd mit Elefantenmuster solle die Nähe zu seinem malischen Wahl-Volk ins Studio tragen, solle für die Echtheit seiner Verzweiflung bürgen. Aber wahrscheinlich kleidet er sich einfach immer so, und natürlich muss nichts seine Betroffenheit legitimieren, die in ihrer Berufsmäßigkeit mitunter schwer zu ertragen ist.

Der Schauspieler und ehemalige RAF-Terrorist lebt seit 2003 in dem westafrikanischen Land, hat Frau und Kind dort und ist nun hier, bei Anne Will, weil er „um Hilfe bitten“ will für „ein schwaches und hilfsbedürftiges Land“. Hilfe, das bedeutet sehr konkret den sofortigen Einsatz deutscher Kampftruppen an der Seite der Franzosen in Mali, um die Islamisten endgültig zurückzuschlagen.

Während man redet, hacken die Terroristen Hände ab

„Krieg in Mali - deutsche Soldaten an die Front?“ lautete die Leitfrage des Gesprächsabends und dass sie so nicht beantwortet werden würde, dürfte von vornherein jedem der Beteiligten klar gewesen sein. Denn außer Wackernagel, der aus einer sehr verständlichen emotionalen Grundhaltung immer wieder forderte, doch das Reden zu lassen, weil währenddessen Hände abgehackt würden - in Einblendungen sah man die Bilder zu seinen Worten - und der linken Europapolitikerin Sabine Lösing, die es sich mit antimilitaristischen Gemeinplätzen leicht machte, vertrat keiner der Diskutanten eine klare Position.

Nach der Diagnose von Bundestagspräsident Norbert Lammert, dass zwei deutsche Transall-Flugzeuge „sicher nicht“ reichen werden, will wohl niemand mit vorschnellen Forderungen nach einem „mehr“ zitiert werden, dass dann zügig konkretisiert werden müsste.

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Zu Gast war auch Entwicklungsminister Dirk Niebel, der im ihm eigenen Automatenschnurrton in erstaunlicher Geschwindigkeit Sinngebilde ausstieß wie dass er sich nicht „prädestiniert“ fühle, Vermutungen zu „tätigen“, dass Mali der „Bestperformer in der Entwicklungszusammenarbeit“, Afrika ein „Chancenkontinent“ sei. Niebel wurde nicht müde, zu betonen, dass die Angreifenden „Drogenkuriere“ seien, „Waffenhändler“, „Desperados“, ein von außen über das Land gekommenes Übel. Seine Entwicklungspolitik sei kooperativ und vermeide die Entstehung von Abhängigkeiten.

Seine von Anne Will zitierte frühere Forderung nach militärischer Intervention in Mali münzte Niebel auf afrikanische Ecovas-Truppen um. Den Franzosen dankte er, dass man durch ihre Intervention „sicherheitspolitischen Raum“ gewonnen habe.

Mali als „Bestperformer“, Afrika als „Chancenkontinent“

Niebel diagnostizierte also in schneidender Gleichförmigkeit vor sich hin, während ein aufgewühlter Wackernagel immer wieder versuchte, ihn zu übertönen, was episodenweise zu einer interessanten stimmlichen Überlagerung führte, bei der Wackernagels Sätze über der niebelschen Stimmfläche kreisten und man keinen der beiden mehr verstand. Harald Kujat hingegen, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, war die abgeklärte Ruhe selbst. Soldaten seien, was Auslandskampfeinsätze betrifft, allgemein sehr zurückhaltend.

Es sei nicht der Zeitpunkt, feste Zusagen zu machen, man solle aber auch die verbündeten Franzosen nicht irritieren. Beklagenswert sei es, dass Deutschland in der Sicherheitspolitik keine führende Rolle einnehmen will.
Wackernagel hielt es sichtlich kaum in seinem Stuhl; musste er Kujat oder Niebel zuhören, rieb er sich um Fassung bemüht die Fingerkuppen. Zwar habe er in einem langen und schwierigen Prozess gelernt, dass Gewalt keine Lösung sei, doch bitte er die „liebe Bundeswehr“ um diese Intervention, an Mali werde sich die Moralität „dieses Staates“ (gemeint ist Deutschland) messen.

Die einzige nachhaltige Lösung sei das sofortige Verbot jeglichen Rüstungsexporte, denn es sei unerträglich, dass mit deutschen Waffen in Afrika gemordet würde. So stand Wackernagel an diesem Abend bei Anne Will ganz allein, ohne Deutungshoheit, nur mit seiner persönlichen Lebensgeschichte da und forderte eine deutsche Intervention.

Terror nicht militärisch zu bekämpfen

Sabine Lösing schließlich trug vernünftige Analysen vor, die nur leider derart weitgefasst waren, dass sie politische Relevanz kaum entfalten konnten. Sie sei bereits seit zwei Jahren besorgt wegen der zunehmenden Militarisierung der Sahel-Zone, die nicht zuletzt das Ergebnis der europäischen Waffenlieferungen an Libyen sei.

Terror lasse sich nicht militärisch bekämpfen, dass die Franzosen keinerlei ökonomische Interessen in Mali vertreten würden, sei gelogen. Als Anne Will insistierend fragt, welche Art von Hilfe denn nun die angemessene sei, um der islamistischen Gefahr in Mali zu begegnen, erwiderte Lösing, sie wolle sich die Situation erst einmal genau anschauen. Von einer solchen Haltung hätten die Malier im Zweifel nichts.

Die militärische Lösung braucht ein afrikanisches Gesicht

Unter den weniger lautstarken Teilnehmern der Diskussionsrunde machte sich eine Art Konsens der Ratlosigkeit breit. Letztlich wurden die meisten Widersprüche aufgehoben in den differenzierten Betrachtungen der „taz“-Journalistin und Afrika-Expertin Bettina Gaus. Nun konnte auch sie keine Antwort geben auf die Frage, ob denn nun Truppen geschickt werden sollten oder nicht. Sie wehrte sich dagegen, Intervention und politische Lösung als einander gegenüberstehende Diskussionskategorien zu sehen. Der Einsatz der französischen Armee sei unvermeidlich gewesen und völkerrechtlich legitim - nur solle man nicht so tun, als könne er die Lösung eines weit über Mali hinausgehenden Problems sein.

Man kam zusammen bei griffigen Formulierungen wie der anfangs von Niebel geprägten, dass eine militärische Lösung ein afrikanisches Gesicht brauche und stritt sich schließlich um die Deutung: Am Ende stehe ein politisches Ergebnis, kein militärisches, meinte Harald Kujat. „Und viele Tote“, fügte Anne Will leise hinzu.

Quelle: FAZ.NET

 
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