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Veröffentlicht: 28.02.2013, 07:08 Uhr

Fernseh-Frühkritik „Anne Will“ Es ist fast ein Wunder zu nennen

Gestern ging es bei Anne Will um das Thema Leiharbeit. Es wurde ein Lehrstück über unsere Lebensverhältnisse – und guten Journalismus.

von Frank Lübberding
© dpa Aus dem Spiel: Nuri Sahin durfte als Leiharbeiter in München nicht mitspielen, er dürfte aber dennoch besser zurechtkommen als die Angehörigen der industriellen Reservearmee

Der Quotenhit des gestrigen Abends war die Pokal-Partie zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Auf dem Rasen der Arena in München fehlte aber wohl ein Akteur, der in dem arbeitsvertraglichen Verhältnissen von Fußball-Profis keine Seltenheit ist: Der Leiharbeiter. Nuri Sahin saß nur auf der Bank, er spielt derzeit als Leihgabe von Real Madrid für Borussia Dortmund – und die Lohnkosten teilten sich letztlich der spanische mit dem deutschen Fußballverein.

Sahin braucht freilich weder eine Zeitarbeitsfirma, noch eine Gewerkschaft, um seine Interessen zu vertreten. Er ist schon längst ein reicher Mann – und das beste Beispiel dafür, wann Leiharbeit völlig in Ordnung ist. Anne Wills Thema war die Leiharbeit nach dem Fall Amazon - und wurde gestern Abend wieder einmal ein Opfer von König Fußball. Die Sendung begann erst um 23:30 Uhr. Leider.

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Ein seltenes Kunststück

Denn ein solcher Hinweis auf die Leiharbeit in einer der für die Beschäftigten profitabelsten Branchen der Welt, wird das Einzige gewesen sein, was Frau Will vergessen haben könnte. Sie nahm die Diskussion über die berührende ARD-Dokumentation „Ausgeliefert“ zum Anlass, um ein seltenes Kunststück fertig zu bringen. Nämlich zum einen zu zeigen, wie sehr sich unsere Arbeits- und Lebenswelt durch die Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitsmärkte in den vergangenen 15 Jahren verändert hat. Und zum anderen ihre Gäste mit jenen Widersprüchen zu konfrontieren, denen sie selbst in dieser Lebenswelt ausgesetzt sind.

Pressekonferenz von ver.di zum Jahrestag der Schlecker-Insolvenz © dapd Vergrößern Der ehemalige Betriebsseelsorger Paul Schobel fragt: „Warum verursacht die Politik durch Leiharbeit zusätzliches Leid?“ :

Das geschah ohne jene moralisierende Attitüde, die heute anstelle der Moral die öffentliche Debatte bestimmt – und sie durch Instrumentalisierung völlig ruiniert. Wo jede Äußerung, von wem auch immer, zu einer Sache bloßer Interpretation geworden ist, die allein den strategischen Kalkülen der Interpreten gehorcht. Wo das Missverstehen nicht mehr das Missverständnis meint, sondern eine Waffe im Meinungskampf geworden ist, und das Misstrauen zur Basis der Kommunikation hat werden lassen. Wer sich daran nicht hält, wirkt heute bisweilen wie der Idiot bei Dostojewski, wo allerdings die spätere russische Tragödie schon zu spüren ist. Aber das nur nebenbei.

Ein fundamentaler Perspektivenwechsel

Das alles geschah gestern Abend nicht. Es ist fast ein Wunder zu nennen. Natürlich vertraten Frau Wills Gäste auch Interessen, etwa die der Zeitarbeitsbranche, und höchst konträre Sichtweisen. Aber die Sendung blieb von einer einfachen Frage geprägt, die der ehemalige katholische Betriebsselsorger Paul Schobel so formulierte: „Warum verursacht die Politik durch Leiharbeit zusätzliches Leid?“ Er diagnostizierte eine Zweiklassen-Gesellschaft bei Arbeitnehmern aus Stammbelegschaft und Leiharbeitnehmern, deren Psychologie der Angst und Unsicherheit bis in einzelne Abteilungen hineinwirke. Die Stammbelegschaft bekomme jeden Tag vermittelt, was sie verlieren könne – und werde dadurch von den Unternehmen zu Wohlverhalten gezwungen. Diesem Druck könnten sich, so Schobel, nur starke Betriebsräte widersetzen, etwa durch die Durchsetzung von gleicher Bezahlung der Leiharbeiter oder der Kontingentierung ihres Einsatzes im betroffenen Unternehmen.

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