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FAZ.NET-Frühkritik zur Wahl in Amerika : Die Sendezeit totschlagen

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Ein Entertainer braucht andere Qualitäten als ein politischer Journalist: Markus Lanz moderierte mit Bettina Schausten die Wahlsondersendung des ZDF Bild: dpa

Sandra Maischberger perfektioniert die hohe Kunst des Senioren-Interviews, Markus Lanz zeigt sich hoffnungslos überfordert, Claus Kleber twittert über seine Krawatte: Die Wahlnacht bei ARD und ZDF.

          Am 3. November 1948 erschien die „Chicago Tribune“ mit einer berühmt gewordenen Schlagzeile: „Dewey besiegt Truman.“ Zudem habe er die Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses gewonnen. Es gab tatsächlich gute Erklärungen für den vorher erwarteten Erdrutschsieg des Republikaners bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Kurze Zeit später zog die Zeitung ihre Ausgabe zurück. Truman hatte nämlich wider Erwarten die Wahlen gewonnen, und Thomas Dewey ist statt Präsident zum Begriff für versagenden Journalismus geworden.

          Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben?

          Heute muss niemand mehr auf die Zeitung warten. Auf sprichwörtlich allen Kanälen erfährt man noch in diesem Augenblick alles, was man über die Wahl in den Vereinigten Staaten wissen muss. Das Problem ist ein anderes geworden: Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben? Diese Frage stellte man sich, wenn man am Dienstag Abend auf allen Kanälen die Wahlberichterstattung erlebt hat. Dabei betrifft sie keineswegs nur die großen Fernsehanstalten wie ARD und ZDF, sondern auch die Online-Angebote von großen Medienhäusern oder soziale Netzwerke wie Twitter. Man braucht als Zuschauer zwar nur relativ wenige Fakten und Hintergrundinformationen, aber alle Medienakteure haben schlicht zu viel Zeit. Sie versuchen aus dem Wenigen viel zu machen.

          In der Wettbewerbslogik des Medienbetriebes hat sich der wahnwitzige Konsens gebildet, stundenlang über ein Ereignis zu berichten, wo es tatsächlich nur auf das Ergebnis ankommt: Wer hat gewonnen? Diese Wahl wurde dagegen in einer langen Nacht in ihren mikroskopischen Details auseinandergenommen, mit durchaus kuriosen Folgen. So konnte der ARD-Wahlanalytiker Jörg Schönenborn erste Wahlergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten vermelden. Die hatten nur ein Problem, das er selbst formulierte: Sie waren ohne jeden analytischen Wert, weil es ihnen an Repräsentativität fehlte. Solche Informationen führen zu entsprechenden Erkenntnissen. Nämlich gar keinen.

          Zeit Totschlagen als Journalismus

          Dabei haben sowohl ARD als auch ZDF ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie der informationelle Overkill zu vermeiden ist: mit den beiden alten Formaten „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“. Die Moderatoren Tom Burow und Claus Kleber sendeten live von einem Balkon aus Washington. Der Sinn dieser Übung erschließt sich allerdings nicht. Unter den heutigen Bedingungen, wo jeder online immer überall sein kann, wirkt das eher wie das archaische Beharren auf die Authentizität, dabeigewesen zu sein. Ansonsten waren beide Sendungen mit dem zu vergleichen, was man früher als Aufgabe von Volkshochschulen betrachtete: dem Laien das zu vermitteln, was ihn zu einem eigenen Urteil befähigt. So erfuhren die Zuschauer, dass wegen der Besonderheiten des amerikanischen Wahlrechts ein Sieg des Herausforderers Romney Voraussetzungen hat, die durchaus ambitioniert zu nennen sind. Mit anderen Worten: Sein Wahlsieg wäre nach den Erkenntnissen der Wahlforschung eine Überraschung gewesen. Das tat der allseits deklarierten Spannung aber keinen Abbruch. Ansonsten hätte man wirklich ins Bett gehen können.

          Wer das mit dem Ende der „Tagesthemen“ um 22.45 Uhr getan haben sollte, hat aber genug Informationen bekommen, um am Morgen den Ausgang der Wahl kompetent beurteilen zu können. Es wäre die richtige Entscheidung gewesen. Nur mussten leider ARD und ZDF (sowie alle anderen Medienanbieter) die Zeit totschlagen, bis die potentiellen Zuschauer wieder aufgestanden sind. Was man dann macht? Neuerdings ist bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Twitter groß in Mode gekommen. So informierte uns Claus Kleber über seinen aktuellen Beziehungsstatus, etwa bei den Themen Ernährung und Kleidung. Er genoss auf seiner Irrfahrt durch Washington eine Pizza und legte im Taxi die Krawatte ab. Darüber wurde anschließend in der Live-Sendung berichtet.

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