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FAZ.NET-Frühkritik: „Wetten dass..?“ : Damit war so ungefähr zu rechnen

  • -Aktualisiert am

Muskelmann und Strahlemann: Sylvester Stallone und Moderator Markus Lanz Bild: dpa

Damit die Quoten nicht weiter sinken, will das ZDF wieder ein „Wetten dass..?“ fast wie früher. Dafür saßen jede Menge Hollywood-Größen auf der Couch. Nur der Moderator heißt immer noch Markus Lanz und sieht vor Selbstbegeisterung nicht, wie sehr der Show an den entscheidenden Stellen Tempo und Ideen fehlen.

          „Akku leer“, meldete @wettendass am späten Samstagabend um 22.51 Uhr auf Twitter, und das hätte leicht als zeitige Selbstkritik der davor gelaufenen zweieinhalb Stunden missverstanden werden können, wäre nicht augenblicklich der Verweis aufs Versagen des beweglichen Studiositzmöbels gefolgt: „Das Sofa will nicht mehr. Dank vieler starker Hände dreht es sich nun manuell.“ Besagter Tweet war eine der spannenderen Nachrichten dieses Fernsehabends, an dem Ruth-Maria Kubitschek gestand, im Bett gerne viel Wasser zu trinken, Matthias Schweighöfer davon erzählte, wie er im Spreewald mit Freunden paddeln geht, Cher enthüllte, dass Jimi Hendrix „lieb“ gewesen ist, und Harrison Ford einräumen musste, gerne „unterschiedliche Figuren“ zu spielen.

          Vor allem aber war es für ein paar Minuten ungefähr die zweitschwerste Sendung, die Markus Lanz in seiner bisherigen Karriere zu bewältigen hatte, denn sie begann mit einem Läuterungsversuch. „Erlauben Sie mir noch eine persönliche Bemerkung“, flötete Lanz im Eröffnungsmonolog seiner siebten „Wetten dass..?“-Ausgabe, die diesmal aus Bremen kam. Es gehe ihm um „die Liebesbeziehung zwischen Ihnen und dieser Sendung“, denn: „Wie das so ist in einer 30-jährigen Ehe: Da kracht es auch schon mal.“ Gekracht hatte es vor allem wegen der entsetzten Reaktionen auf die Mallorca-Show vom vergangenen Juni, in der sich ein Gast zur Wetteinlösung Eiswürfel in den Schritt kippen musste und die inzwischen abgeschaffte „Lanz-Challenge“ Buh-Rufe aus dem Publikum provozierte.

          Haben sie wirklich alles verstanden?

          „Wir haben das alles verstanden und raufen uns deshalb wieder zusammen“, versprach Lanz diesmal mit simulierter Reue, die er schon wenige Sekunden später unter zügelloser Selbstüberzeugung zu begraben wusste: „Wir haben eine Sendung auf die Beine gestellt, von der man wirklich sagen kann, dass sie spektakulär ist!“

          Es gehört zu den größten Talenten des derzeitigen „Wetten dass..?“-Moderators, von Sendungen, die er noch gar nicht zu Ende moderiert hat, schon zu wissen, dass sie großartig waren. Dieses Urteil dem Publikum zu überlassen, wäre vermutlich unnötig altmodisch. Das wäre eventuell zu dem Schluss gekommen, dass es vor allem eine Show geworden ist, die unglaublich lange Anlauf nehmen musste, um unter Beweis zu stellen, wie sehr ihr die Puste ausgegangen ist.

          Ein Trupp schwimmender Triathlethen zog ein blaskapellenbesetztes Schiff mit purer Muskelkraft über den Kalterer See, ein Kandidat fing Eier mit der Pfanne und ein junges Mädchen balancierte über wackelige Lippenpflegestifte. Wettkönig wurde ein Vater, der angeleitet von seiner Tochter Bierflaschen mit einer Straßenwalze öffnete. Dazwischen quälte sich Lanz durch simultanübersetzte Endlosbelanglosigkeiten mit den Gästeimporten Harrison Ford, Cher und Sylvester Stallone.

          Lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet

          Aber genau das war ja der Plan des Senders: nach dem Gerede über die Anbiederung ans junge Publikum wieder ein möglichst klassisches „Wetten dass..?“ hinzukriegen, bei dem möglichst viel an früher erinnert. Das ZDF hat die lebenserhaltenden Maßnahmen für Europas einstmals größte Unterhaltungsshow eingeleitet.

          Richtig durchdacht wirkte das zum Auftakt der neuen Staffel noch nicht: Geschlagene 105 Minuten brauchte es, bis die dritte Wette des Abends in Gang kam. Zum Ende der Show arbeitete Lanz dafür die noch ausstehenden Programmpunkte nur noch ab. Es ist, als hätte er keinerlei Gefühl dafür, wann der Sendung Tempo gut täte – und wann es Zeit braucht, um die Besonderheiten eines solchen Abends auszukosten.

          Markus Lanz spielt bei „Wetten dass..?“ bloß „Markus Lanz“ mit Wettunterbrechung. Das ist eine der größten Schwierigkeiten, in denen die Show derzeit steckt. Und nicht, ob zwischendrin mal ein bisschen RTL-Personal auf der Couch rumsitzt.

          Wie „super“ alles ist

          In seinem Zustand der Autosuggestion, in den er sich hineinhypnotisieren lassen, stört das den Moderator am wenigsten. Den Abend über bescheinigte sich Lanz kontinuierlich, wie „super“ alles ist, „eine Wahnsinnswette“, „eine „fantastische Idee“, Gäste mit „unglaublichem Erfolg“, die ein „unfassbares Jahr“ hinter sich haben, „grandios“ aussehen, „Hammer!“, „ein Erlebnis“, „ein Traum“, ein „Riesentalent“, „amazing“, „what a great performance“, „ein richtiges Multitalent“, „großer Respekt“!

          Dazu kommt die Lieblosigkeit der Wetteinsätze, die die Redaktion ihren prominenten Stargästen für zumutbar hält. Helene Fischer musste noch verhältnismäßig großen Einsatz zeigen, um sich für dreieinhalb Umdrehungen grundlos in einem Rhönrad festspannen zu lassen. Harrison Ford durfte seinem großen Fan Dagmar aus Freigericht die Mailbox besprechen und wird danach mit dem Gedanken abgereist sein, dass die Deutschen noch mit jedem Unfug zu unterhalten sind, selbst wenn der größer ist als die Handlung des letzten „Indiana Jones“-Films.

          Nur als Matthias Schweighöfer die Klappe aufriss, sein Wetteinsatz sei, gegen Stallone boxen zu wollen, sah das für ein paar Sekunden nach einer interessanten Aktion aus – bis sich herausstellte, dass die beiden bloß nacheinander einen Kirmesautomaten zu hauen hatten, der die Wucht ihres Schlages angab.

          Es stellte sich heraus, dass Stallone kräftiger zuhauen kann als sein Herausforderer, und Lanz meinte, bevor er zum nächsten Programmpunkt weitereilte: „Damit war so ungefähr zu rechnen.“ Näher ist er dem Problem, dass „Wetten dass..?“ derzeit hat, nie gekommen.

          Quelle: FAZ.NET

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