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FAZ.NET Frühkritik Was wollte uns Günther Jauch sagen?

„Wozu noch wählen?“ war das Thema nach der Sommerpause. Die Sendung entsprach dem Niveau des bisherigen Wahlkampfs. Man kann Zweifel daran haben, ob Jauchs Sendung eine Antwort gegeben hat.

© dpa Vergrößern Warum ist eigentlich am 22. September mit einer eher geringen Wahlbeteiligung zu rechnen?

Wann beginnt eigentlich die Gegen-Aufklärung? In dem Moment, wenn Fakten nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Denn trotz des unübersehbaren Trends einer sinkenden Wahlbeteiligung in allen Bevölkerungsgruppen werden wir bei den kommenden Bundestagswahlen wieder ein Ergebnis haben. Am 22. September werden ältere Jahrgänge, sowie Menschen mit höherer Bildung und Einkommen ihr Wahlrecht eher nutzen als Jüngere und Bürger aus den sogenannten „unterprivilegierten“ Gesellschaftsschichten.

Das wird man auch leicht in jeder deutschen Großstadt an der Wahlbeteiligung in den einzelnen Stadtteilen nachvollziehen können. Und der hoch politische Dauer-Nichtwähler ist eine demoskopische Randerscheinung, die übrigens auch eine spezifische Form des Fernsehkonsums ihr eigen nennt: Er sieht keine politischen Talk-Shows. Und daher muss man sich jetzt eine Frage stellen: Was wollte uns Günther Jauch mit seiner ersten Sendung nach der Sommerpause sagen?

Heimatlosigkeit in der Politik

Vielleicht die Bücher des Handelsblatt-Herausgebers Gabor Steingart zu lesen? Die sind sogar ganz interessant, wenn es sich nicht gerade um solche handelt, die wie in „Deutschland - Der Abstieg eines Superstars“ aus dem Jahr 2004 den Untergang der deutschen Volkswirtschaft prognostizierten. Und als Gegenmittel wird jenes neoliberale „Einheitsdenken“ (Pierre Bourdieu) beschworen, das merkwürdigerweise bis heute als „sozialdemokratisch“ bezeichnet wird. Nun kommt man aber mit dem Umweg über das Steingartsche Frühwerk auf jene Pfade, die erklären könnten, warum Menschen nicht zur Wahl gehen. Das Einheitsdenken führte zu jenem Phänomen, dass sich weite Teile der unterprivilegierten Gesellschaftsschichten seit der in der größtmöglichen Koalition (von FDP bis Grüne) durchgesetzten Agenda 2010 als politisch heimatlos betrachtet.

Sie fanden in den etablierten Parteien keine Ansprechpartner mehr für ihre Interessen. Sie galten seit der Debatte, in der Steingart nur eine Marginalie gewesen ist, als sozialpolitischer Ballast, der für den Abstieg Deutschlands verantwortlich sei. In Jauchs Sendung kam diese Gruppe sogar in kurzen Eingangsstatements vor: Mit einem Rentner und einer Mini-Jobberin, die ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken muss. Für diese Gruppe hat die Politik tatsächlich jede Glaubwürdigkeit verloren, weil sie von der damaligen Politik bewusst ausgegrenzt worden ist. Sie verloren damit zugleich ihr Vertrauen in ein politische System, das ihre Interessen letztlich als illegitim definierte.

Die Sendung hätte spannend werden können, wenn sich Jauch diesem Problem gewidmet hätte. So hätte er etwa den ARD-Meinungsforscher Richard Hilmer dazu befragen können. Jauch verzichtete darauf. Stattdessen ließ er sich von Walter Kohl die wahlsoziologisch völlig haltlose „Sozialdemokratisierungsthese der CDU“  bestätigen. Kohl ähnelt dabei seinem Vater, dem „Kanzler der Einheit“:  Er muss das Schwadronieren als Form der politischen Rhetorik von ihm gelernt haben.

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