Home
http://www.faz.net/-hon-7aair
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

FAZ.NET-Frühkritik Was soll man mit der Datenflut?

Obwohl die Diskutanten aneinander vorbeiredeten und zumeist nur spekulierten, bot „login“ eine interessante Debatte über die Geheimdienste. Viele Fragen blieben offen, wurden aber wenigstens einmal gestellt.

© dpa Vergrößern „Yes we scan“: Was wissen die Geheimdienste über die Menschen - und was interessiert sie?

Trotz akuter Aktualität an Themen, für die das öffentlich-rechtliche Fernsehen üblicherweise Sondersendungen einrichtet – Obama, Flut, Hitze – wandte sich die Talkshow „login“ auf ZDFinfo gestern Abend einem ebenso aktuellen und wichtigen aber auch unattraktiven und unterbeleuchteten Sachverhalt zu - den Geheimdiensten. Es ging um den „Datenklau für mehr Sicherheit“, über den jahrelang nur gemunkelt wurde, bis der Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden vor zwei Wochen Einzelheiten über ein gigantisches Überwachungsprogramm preisgab und die NSA dazu zwang, den Namen des Programms, “Prism”, zu bestätigen.

Gekommen waren zwei interessante Gäste. Auf der einen Seite Padeluun, der nicht nur im Internet ohne Klarnamen auftritt, sondern vor Jahrzehnten seinen wahren Namen ablegte und sich ebenso lange als Aktivist für die Freiheit in der digitalisierten Gesellschaft einsetzt – aber gestern eingestehen musste, dass er seine E-Mails nicht verschlüsselt, weil ihm das zu kompliziert sei. Ihm gegenüber stand Alan Posener, Journalist und Blogger, der eine Stunde lang die Zuschauer im unklaren darüber ließ, ob er seine Argumente gerade selbst ernst nahm, als Provokation meinte oder inhaltlich überfordert war - die totale Überwachung sei ein fairer Preis für Sicherheit.

Menschen haben ein Recht auf „Gaga-sein“

Ihr Menschenbild offenbarten beide Gäste sofort. Für Padeluun sei es eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen merkwürdige Dinge tun - beispielsweise Facebook nutzen. Es solle aber ebenso selbstverständlich sein, dieses „Gaga-sein“ weder für profitable noch politische Zwecke auszunutzen. Konträr dazu befand Alan Posener: Menschen sollten sich nicht so wichtig nehmen. Die Geheimdienste interessierten sich nämlich gar nicht für sie. Schlimmer noch als die Überwachung sei die Paranoia, die der Terroristenjagd im Weg stehe.

Für eine unterhaltsame Diskussionssendung war das Feld damit eigentlich bestellt, insbesondere, weil im Publikum noch Anne Roth saß, deren Familie über Monate von polizeilicher Überwachung betroffen war, deren Verdacht sich spät als gegenstandslos herausstellte. Wiederum konträr dazu war Bernd Carstensen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter zu Gast, der zwar Roths Einzelfall nicht kannte, aber von vielen erfolgreichen Ermittlungstätigkeiten berichtete. Und trotzdem blieb das eigentliche Sendungsthema der Diskussion weitgehend versagt. Alan Posener unterlag einem Missverständnis, das in der Sendung nicht aufgeklärt wurde – was umso mehr davon zeugte, dass über Geheimdienste mehr öffentlich gesprochen werden sollte.

Die Überwachungsprogramme sind unüberschaubar

Rückblick auf die vergangenen zwei Wochen: Die amerikanische Bundespolizei FBI gestand ein, Amerikaner per Drohnen zu überwachen. Der Geheimdienst NSA gab zu Protokoll, ohne richterliche Beschlüsse beliebig Telefonate abzuhören. Der “Guardian” berichtete davon, wie ein britischer Geheimdienst die Teilnehmer eines G20-Treffens ausspionierte. In der „Washington Post“ war von Abhörprogrammen namens „Mainway“, „Nucleon“ und „Marina“ zu lesen, mit denen amerikanische Geheimdienste seit einem Jahrzehnt Inhalte und Verbindungsdaten aus dem Telefonnetz und dem Internet abgreifen und speichern.

Mehr zum Thema

Das größte Abhörprogramm, das zu den drei genannten gehört, „Prism“, sorgt zusätzlich wegen der Dramatik seiner Offenbarung durch den Whistleblower Edward Snowden für Aufruhr. Und neben all dem setzen sich große Internetunternehmen derzeit dafür ein, die Öffentlichkeit darüber informieren zu dürfen, wenn sie „National Security Letter“ erhalten, durch die sie aufgefordert werden, personenbezogene Daten an staatliche Behörden zu übergeben und über alles, was diesen Vorgang betrifft, strikt zu schweigen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wechsel beim Guardian Redaktionschef der Enthüller

Er hat als Chefredakteur die Berichte zum NSA-Skandal betreut. Nun tritt Alan Rusbridger ab. Doch er bleibt seiner Zeitung erhalten. Mehr

10.12.2014, 18:56 Uhr | Feuilleton
Geheimdienst NSA soll auch Telekom-Netz kontrollieren

Der amerikanische Geheimdienst NSA und der britische Nachrichtendienst GCHQ verfügen über verdeckte Zugänge in die Netze der Deutschen Telekom und des Kölner Anbieters Netcologne. Das berichtet Der Spiegel unter Berufung auf geheime Dokumente aus dem Archiv des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Mehr

15.09.2014, 12:58 Uhr | Politik
Bundesverfassungsgericht Karlsruhe weist Klage wegen Snowden-Vernehmung ab

Grüne und Linke hatten Klage eingereicht, um den früheren amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin zu vernehmen. Das Bundesverfassungsgericht sieht sich in der Sache jedoch als nicht zuständig an. Mehr

12.12.2014, 10:16 Uhr | Politik
Video-Filmkritik Citizenfour

Laura Poitras’ Dokumentarfilm Citizenfour über Edward Snowden ist das Gegenteil eines Thrillers - und eben deshalb wahr. Mehr

05.11.2014, 09:28 Uhr | Feuilleton
Anonymous Barrett Brown Märtyrer der Pressefreiheit oder Krimineller?

Barrett Brown galt als Sprecher des Hacker-Kollektivs Anonymous. Seit zwei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft. Ihm drohen etliche Jahre Gefängnis. Warum eigentlich? Eine Spurensuche. Mehr Von Jan Ludwig, Dallas

15.12.2014, 17:24 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.06.2013, 07:13 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr 2