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FAZ.NET-Frühkritik: Schäuble bei Beckmann : Der Nebel reißt auf

Wolfgang Schäuble: Wir spielen nicht auf Zeit, wir fahren auf Sicht Bild: dpa

Spielt er auf Zeit oder fährt er auf Sicht? Wolfgang Schäuble glänzte bei „Beckmann“ mit einem geschichtsphilosophischen Privatseminar.

          Es ist kein beruhigendes Zeichen, dass Wolfgang Schäuble es persönlich mit Sisyphos, der Leitfigur des Absurden, hält. Ja, jener Held der griechischen Mythologie, der vergeblich einen Stein den Berg hinaufbringt, um dann mit ansehen zu müssen, dass er immer wieder herunterrollt – dieser antike Held in der Version des Albert Camus sei sein ausdrückliches Vorbild, meinte Schäuble als einziger Gast bei „Beckmann“. Was das für die Wirtschaftskrise Europas heißt, die Schäuble mit Milliardensummen managt? In der Sprache der Mythologie lässt der Finanzminister alle Schönrednerei hinter sich und schenkt dem Publikum die Wahrheit ein: Völker, lasst die Hoffnung fahren!

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Bild des Sisyphos predigte Schäuble die antiteleologische Version des Konservativismus: Es gebe kein Endziel der Geschichte, worauf es ankomme, ist das immerwährende Bemühen, der Rest sei der Tod. Insofern sei er auch nicht wirklich besorgt wegen der Krise, erklärte Schäuble, schließlich sei sie gut als Schrittmacherin für Veränderungen, die ansonsten ausgeblieben wären. Das ist die didaktische Lesart der Katastrophe, wie sie in den Augen des Weltgeists angehen mag, aber aus dem Mund eines irdischen Krisenmanagers doch befremdlich wirkt. Wie um dem Missverständnis vorbeugen zu wollen, er könne es bloß mythologisch gemeint haben, führte Schäuble aus, dass der jüngste Ausreisestrom von existentiell bedrohten Bürgern aus Südeuropa doch immerhin die Mobilität in Europa befördere.

          Vielleicht fehlte es immer am letzten Willen

          Ob man angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche etwa sagen solle: Schade, dass sich etwas verändert? Nein, das wäre ja rückwärtsgewandt, erklärte Schäuble. „Wollen wir etwa leben wie im neunzehnten Jahrhundert?“, frage er, um das Szenario sogleich noch zu verschärfen: „Oder wie im achtzehnten Jahrhundert?“ Nein, ganz gewiss nicht. „Reden Sie doch mal mit den Sportvereinen“, forderte Schäuble Beckmann auf. Der Mitgliederschwund dort zeige untrüglich das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderung an. Und doch wolle man ja wohl nicht im Ernst sagen, das Engagement in der Gesellschaft sei rückläufig, es finde eben nur andere Formen. Vor Sisyphos sind alle Kräfte der Geschichte gleich, der Appell, das Ende zu bedenken (respice finem), läuft ins Leere. In den Worten des Schatzmeisters der bürgerlichen Koalition: „Wir fahren auf Sicht.“

          Das gibt Gelassenheit für die Politik im Ganzen wie für die private Lebensplanung. Wo in der Geschichte a la longue kein Durchblick, keine Erwartungssicherheit besteht, da kommt auch persönlich keine Trauer auf, es nicht zum Bundespräsidenten oder Bundeskanzler geschafft zu haben. Dass es ihm vielleicht immer am letzten Willen, diese Ämter zu erreichen, gefehlt habe, ist eine Mutmaßung Schäubles für die Geschichtsbücher, die vom Sisyphos-Mythos beglaubigt erschien.

          Wir spielen nicht auf Zeit, wir fahren auf Sicht

          Wenn Schäuble sich in Interviews unangenehmen Fragen ausgesetzt sieht, sagt er gemeinhin „Ich bitte Sie!“ oder „Bei allem Respekt!“ oder „Na ja“. Nichts von dem sagte Schäuble auf die Frage Beckmanns, ob im Blick auf die Bundestagswahl auf Zeit gespielt werde, wenn der Finanzminister einen eigentlich unvermeidlichen Schuldenschnitt gegenüber Griechenland noch immer beharrlich in Abrede stelle. Statt dessen sagte Schäuble: „Wir spielen nicht auf Zeit, wir fahren auf Sicht.“

          Mit ihrer Erkenntnistheorie der mittleren Reichweite hat sich die Regierungspolitik die Beinfreiheit gesichert, um jederzeit umsteuern zu können. Rückfragen an zuvor gemachte und dann über den Haufen geworfene Zusagen werden dann im Zweifel metereologisch pariert: Der Nebel ist halt aufgerissen. Für Martin Walser mag Schäuble der „Garant meines Vertrauens“ sein. Schäuble selbst glänzte in seinem geschichtsphilosophischen Privatseminar bei „Beckmann“ eher als der Navigator im Absurden. Bei allem Respekt.

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