Home
http://www.faz.net/-hon-76c3m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

FAZ.NET-Frühkritik: Sandra Maischberger Wo Gesetze an ihre Grenzen stoßen

Bei Maischberger ging es um ein wichtiges Thema, um unseren Umgang mit Menschen, denen nur noch ihr Menschsein geblieben ist. Das Ergebnis ist ernüchternd.

© dapd Vergrößern Leidet an Demenz: der ehemalige Schalker Kult-Manager Rudi Assauer

„Langweilig, bin raus“, so lautete einer der wenigen Kommentare am Dienstag Abend zur Sendung von Sandra Maischberger auf Twitter. Der Kurznachrichtendienst ist ein guter Indikator für das, was die Wahrnehmung von Menschen in einem Moment bestimmt. Zumeist ist das die Tagesaktualität, die über die Massenmedien vermittelt wird. In der Nacht war es der Entzug des Promotionstitels von Annette Schavan durch die Universität Düsseldorf.

In der gleichen Zeit lebten 1,3 Millionen Menschen unter den Bedingungen des Betreuungsgesetzes aus dem Jahr 1990. Damit verbunden ist der Verlust der Verfügbarkeit über das eigene Leben. Es bedeutet letztlich das Zurücksetzen eines erwachsenen Menschen auf den Status eines unmündigen Kindes. Dem Betroffenen bleibt lediglich der Status des „Menschseins“ bei Verlust seiner bürgerlichen Grundrechte. Allein diese Zahl dokumentiert die Ambivalenz des Begriffs „Aktualität“, der bisweilen anders verstanden werden muss, als er in den Medien zum Ausdruck kommt.

Eine geglückte Umsetzung des Betreuungsgesetzes

Der Münchner Rechtsanwalt für das Betreuungsrecht, Prof. Dr. Volker Thieler, dankte dann auch Frau Maischberger dafür, sich des Themas unter dem Titel „Entmündigt – Wenn Betreuung zum Albtraum wird“ angenommen zu haben. Die Gastgeberin verzichtete zudem auf die Einladung prominenter Gäste, wenn man von der Tochter des an Demenz erkrankten Rudi Assauer absieht. Bettina Michel schilderte die Lebenssituation ihres Vaters ein Jahr nach der Veröffentlichung seiner Krankheitsgeschichte – und unter den Bedingungen des Betreuungsgesetzes. Es muss eine geglückte Umsetzung dessen sein, was das Bundesjustizministerium in einer Broschüre zum Betreuungsrecht so beschreibt: Das Wesen der Betreuung bestehe darin, dass ein Betreuer „für eine volljährige Person in einem genau festgelegten Umfang für sie“ handelt. Das Selbstbestimmungsrecht des betroffenen Menschen solle dabei gewahrt bleiben, „soweit dies möglich und seinem Wohl zuträglich ist. Seine Wünsche sind in diesem Rahmen beachtlich.“

Mehr zum Thema

Im Verlauf der Sendung sollte deutlich werden, welche Probleme damit in der täglichen Praxis verbunden sind. Frau Maischberger verzichtete übrigens darauf, die Konflikte anzusprechen, die zwischen der damaligen Ehefrau Assauers und der Tochter nach der Veröffentlichung seiner Erkrankung aufgetreten waren. Dieser Verzicht war bemerkenswert. Solche familiären Konflikte sind nämlich zumeist der Hintergrund der Probleme im Betreuungsrecht, was in der Sendung später auch zur Sprache kam. Und so wurde hier jene doppelte Tragik der früher Entmündigung genannten Handlungsunfähigkeit deutlich. Sie betrifft eben auch das Umfeld des Betroffenen, in besonderem Maß bei einer Person des öffentlichen Lebens.

„Rächer der Betrogenen“

Ansonsten standen zwei Gäste im Mittelpunkt, zum einen der erwähnte Münchner Rechtsanwalt und Klaus Förter-Vondey, der Vorsitzende des Bundesverbands der Berufsbetreuer. Thieler wurde im „Spiegel“ im Jahr 2003 als „Rächer der Betrogenen“ skizziert. Er wurde mit einem Satz bei Fliege zitiert, wie erinnern uns an die verblichene Talk-Show, der auch am Dienstag Abend zu hören war: „Es ist bei uns leichter, Betreuer zu werden als Würstchenverkäufer.“ Es ging in dem Artikel übrigens um ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen Thieler, unter anderem wegen seines Vorgehens gegen Mieter und im Zuge von Ost-Immobiliengeschäften. Nun machte Frau Maischberger dessen Kritik an der Betreuungspraxis von Würstchenverkäufern an Gästen deutlich, die praktischerweise auch dessen Klienten sind.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Menschen bei Maischberger Narzissmus und Egozentrik

Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt des Familienrechts. Dummerweise scheitert es bisweilen an den Eltern, wie in der Sendung Menschen bei Maischberger deutlich wurde. Mehr

10.09.2014, 05:51 Uhr | Feuilleton
Starkes Beben erschüttert Mexiko

30 Sekunden lang schwankten Häuser, zahlreiche Gebäude wurden beschädigt. Einen Tsunami gab es nicht. Die meisten Menschen kamen mit dem Schrecken davon. Mehr

19.04.2014, 11:15 Uhr | Aktuell
TV-Kritik: Maischberger Depression als Unterhaltungsformat

Sandra Maischberger redete mit ihren Gästen über Depressionen - und wie man diese Krankheit mit Elektroschocks behandeln kann. Die Sendung grenzte an Desinformation. Mehr

17.09.2014, 05:55 Uhr | Facebook-Faz-Net
Israelische Bodenoffensive geht weiter

Im jüngsten Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sind bislang mehr als 300 Menschen getötet worden. Ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht, die israelische Armee setzt ihre Bodenoffensive fort. Mehr

19.07.2014, 12:13 Uhr | Politik
Schauspieler Joachim Fuchsberger ist tot

Vom Rundfunksprecher über den Kommissar bis zum Showmaster glänzte er in vielen Rollen. Jetzt ist Joachim Fuchsberger, eine der prägenden Figuren des deutschen Fernsehens, im Alter von 87 Jahren gestorben. Mehr

11.09.2014, 13:44 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.02.2013, 06:41 Uhr

Objektivitätszensur

Von Jürg Altwegg

Zur Dokumentation „Vol spécial“, über die Abschiebung unerwünschter Einwanderer, verhält sich die Schweiz bedenklich - das Land will kritische Filme einfach nicht mehr ins Ausland schicken. Mehr 1