FAZ.NET-Frühkritik: Reinhold Beckmann: Ansonsten droht der Kollaps - TV-Kritik - FAZ
http://www.faz.net/-gsb-767j2

FAZ.NET-Frühkritik: Reinhold Beckmann : Ansonsten droht der Kollaps

  • -Aktualisiert am

David Sieveking (Mitte), zu Gast bei Beckmann, hat seine an Demenz erkrankte Mutter mit einem Dokumentarfilm begleitet Bild: Farbfilm Verleih

Reinhold Beckmanns Sendung mit dem Titel „Pflege Deinen Nächsten – das Leid der Betroffenen und die Last der Angehörigen“ begann erst kurz vor Mitternacht. Schade. Die Zuschauer konnten nämlich etwas lernen: Über sich selbst und ihre Eltern.

          Es ist ein Irrtum zu meinen, über Tabus spräche man nicht. Es fängt noch viel eher an: Man denkt erst gar nicht daran. Eines dieser Tabus in vielen deutschen Familien ist die Frage, was eigentlich passiert, wenn die Eltern Pflegefälle werden. Mittlerweile betrifft das die Baby-Boomer Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre. Deren Eltern kommen jetzt in das Alter, wo sich die Kinder darüber Gedanken machen müssten. Und es doch nicht tun.

          Reinhold Beckmann hat am Donnerstag Abend versucht, darüber so zu reden, dass sich die Zuschauer dieser Frage stellen können. „Pflege Deinen Nächsten – das Leid der Betroffenen und die Last der Angehörigen“, so hieß der Titel, und seine Gäste waren sich in einem Punkt weitgehend einig: Sie hatten sich zu spät dieser Frage gestellt und gerieten so in Situationen, die die Familien bei der Pflege ihrer Angehörigen bald überfordern sollte. Dabei kann es um die bürokratischen Mechanismen der Pflegeversicherung gehen, tiefsitzende familiäre Konflikte, die beim Umgang mit dementen Angehörigen eskalieren oder frühere Alltagssituationen, die plötzlich zu fast unlösbaren Konflikten führen.

          Diesmal hatte man etwas lernen können in seiner Sendung: Reinhold Beckmann

          Betroffene Familien erlebten einen radikalen Wechsel der eigenen Lebenssituation, der für nicht betroffene Menschen kaum nachvollziehbar sei, so der 32 Jahre alte CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn. Er brachte das Schweigen am Beispiel seiner eigenen Familie zum Ausdruck. Er war als Ersatz für den erkrankten Bundesgesundheitsminister eingesprungen, aber konnte – durchaus beeindruckend – die Ambivalenz der Rolle der Politik aufzeigen. Nämlich mit dem Unglück der Betroffenen umzugehen und zugleich eine Antwort auf die bisher ungeklärte Frage der in den nächsten Jahren rasant steigenden Pflegefälle zu finden.

          Das überholte Leitbild der sich aufopfernden Mutter

          „Es ist unverantwortlich, am Leben bleiben zu müssen, wenn man sterben möchte. Die hohen Pflegekosten werden zudem noch mit dem Geld des Staates bezahlt. Da bekommt man doch ein schlechtes Gewissen. Man lässt jemanden lieber schnell sterben.“ Das sagte erst vor wenigen Tagen der neue japanische Finanzminister Taro Aso, selbst 72 Jahre alt. Es zeigt, wie eine solche Diskussion verlaufen kann, wenn das passieren sollte, was Claus Fussek bei Beckmann den „Kollaps der familiären Pflege“ nannte.

          Die Journalistin Martina Rosenberg hat diese Aussichtslosigkeit in ihrem Buch „Mutter, wann stirbst du endlich?“ dokumentiert. Darin kommt zuerst die Verzweiflung der Mutter über das allmähliche Verschwinden der eigenen Persönlichkeit in der Demenz zum Ausdruck – und schließlich das Verschwinden des Lebens der Tochter in der tägliche Sorge um die Mutter. Es ist der Wunsch nach Wiedererlangung von Autonomie, den Frau Rosenberg artikulierte, nichts anderes, und das mit Recht. Die familiäre Pflege ist immer noch von dem Leitbild der sich aufopfernden Tochter oder Schwiegertochter geprägt, die in früheren Zeiten mit Selbstverständlichkeit ihr eigenes Leben erst den Kindern und später den alt gewordenen Eltern unterordnete. Nur wird das nicht offen thematisiert. Der Verdienst einer Frau Rosenberg ist es, der Gesellschaft deutlich zu machen, dass weibliche Selbstbestimmung Folgen hat – und wie sehr diese Gesellschaft vom Verzicht früherer Frauengenerationen auf ein selbstbestimmtes Leben profitiert hat.

          Weitere Themen

          Weltmeister im Kuhstall

          Ringer Frank Stäbler : Weltmeister im Kuhstall

          Der bizarre Streit um Ringer-Weltmeister Frank Stäbler geht weiter. Da der TSV Musberg seinem prominentesten Mitglied die Nutzung der Sporthalle erschwert, trainiert der Weltmeister nun dort, wo er als Kind Kühe herumgeschoben hat.

          Havanna trauert Video-Seite öffnen

          Nach Flugzeugabsturz auf Kuba : Havanna trauert

          Familien und Freunde warten vor dem forensischen Institut, um die Opfer des Flugzeugabsturzes auf Kuba zu identifizieren. Kurz nach dem Start am Freitag stürzte die Maschine ab, 110 Menschen starben.

          Topmeldungen

          Maas in Washington : Enttäuschung mit Ansage

          Außenminister Heiko Maas trifft in Washington auf eine harte Wand und großes Desinteresse. Sein Besuch zeigt, wie es derzeit um das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika bestellt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.