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FAZ.NET Frühkritik: Maybrit Illner Warum nicht 15 Milliarden?

Das ZDF diskutiert über den Rundfunkbeitrag und sich selbst. Der Intendant schweigt über Einkünfte, Gottschalk kommt in Bedrängnis. Doch der Abend wird gerettet: von Oliver Pocher.

© dpa Vergrößern Der Aufklärer: Oliver Pocher benannte die Vergeudung von Rundfunkbeiträgen bei Maybrit Illner am deutlichsten

Ich stelle mir das schwierig vor. Da macht man eine gesellschaftspolitische Talksendung und in der Runde sitzt der eigene Boss. Maybrit Illner hat zu einer Sendung über die Angemessenheit des hochumstrittenen Rundfunkbeitrages („Gebühren, Quoten, Qualität -  Sind ZDF und ARD ihr Geld wert?“) unter anderem den ZDF-Intendanten Thomas Bellut geladen, um eine Angelegenheit zu verteidigen, die auch erkennbar ihre eigene ist. Und man darf sagen, sie hat die Sendung mit großer professioneller Eleganz und Fairness gemeistert. Wenn kritische Argumente an dem ARD/ZDF-Zwangsbeitrag, der seit dem 1. Januar die alte GEZ-Gebühr ersetzt, so schwach herüberkamen, dann hat es nicht an dieser hochprofessionellen Moderatorin gelegen, sondern an einer in der Summe doch etwas müden Runde.

7,5 Milliarden Einnahmen aus Zwangsbeiträgen

Winand von Petersdorff-Campen Folgen:  

Womit wir zu einem interessanten Thema kommen. Maybrit Illner tritt Woche für Woche den Beweis an, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender zu anspruchsvoller journalistischer Arbeit fähig sind. Und der Intendant Thomas Bellut lobt sich auch noch für preisgekrönte Dokumentationen und Sportberichte. Das darf er natürlich und es schien ihn selbst ein wenig zu überraschen, dass ausgerechnet der blasse Vertreter des Axel-Springer-Verlages ihn auch noch unterstützte. Die eigentliche Überraschung ist aber doch vielmehr, wie im Verhältnis wenig Gutes die Öffentlich-Rechtlichen auf die Reihe bekommen für die 7,5 Milliarden Euro, die ihnen die deutschen Haushalte Jahr für Jahr überweisen. Die Überraschung wird noch größer angesichts der großen Leistungen jener Medien, die ohne diese Zwangsbeiträge auskommen müssen.

Was an der Rhetorik des Intendanten Bellut auch klar wird, sind die Konturen eines Sendesystems, dessen Größe sich in Wahrheit nicht an journalistischen und gesellschaftspolitischen Erfordernissen orientiert, sondern allein an der Einnahmesituation. Bellut würde beste Argumente finden, warum statt 7,5 Milliarden zehn Milliarden oder fünfzehn Milliarden sinnvoll seien, wenn ihm die Bundesländer diese Summe zusichern würden. Warum nicht mehr Frauen-Biathlon aus dem Nachwuchsbereich. Billige Polemik? Ein enttäuschendes Abschneiden deutscher Frauen in dieser Randsportart war die Schlussmeldung des gestrigen „heute journals“. Man findet immer Wünschenswertes, wenn es jemand bezahlt, ist die Lehre.

Man ahnt überdies ja längst: Wenn das öffentlich-rechtliche System nur halb soviel Geld erhielte, dann würde es laut über schmerzhafte Einschnitte klagen und trotzdem gute Qualität liefern und auch schlechte. So sind eben solche Systeme. Deshalb würden ZDF und ARD  es auch überleben, ohne Werbung auszukommen, doch dazu wird es aus polit-ökonomischer Erwägung heraus nicht kommen. Denn Ministerpräsidenten finden es besser, Rundfunkbeiträge zu senken statt ihren Sendern die Werbung zu untersagen, wie Hamburg Erster Bürgermeister Olaf Scholz ziemlich deutlich machte.

Oliver Pocher rettet den Abend

Der Mann der Runde, der die systemimmanente Vergeudung am klarsten ausgesprochen hat, war der Entertainer Oliver Pocher. Es ist ja immer ein wenig heikel, Debatten von gesellschaftspolitischer Relevanz von Show-Promis führen zu lassen, wenn das Niveau schon ohne Promis schwer zu halten ist. Aber ohne Pocher wäre mancher Zuschauer nur durch den Aufprall der Fernbedienung, die ihm aus der erschlaffenden Hand geglitten wäre, aus dem Dösen erwacht . Das hat man dann doch gerne aus Pochers Mund gehört, dass Thomas Gottschalk und dessen Bruder sich „die Taschen voll gemacht haben“ dank der gebührenfinanzierten Plattform, die ihm das ZDF bot. Warum hat das ZDF Thomas Gottschalk wie eine heilige Kuh behandelt, und Werbung für seine Werbepartner lange durchgehen lassen, fragte Illner. Weil Gottschalk eben eine heilige Kuh war, sagt Pocher mit klarstellender Prägnanz.

Der Intendant Bellut hat allerdings überzeugend dargelegt, dass die Sensibilität seines Senders in Bezug auf Schleichwerbung deutlich gestiegen ist. Wie er das ihm zugebilligte Geld verwendet, will er dagegen nicht verraten. Was bezahlt er für Sportrechte an Olympia, Weltmeisterschaften und UEFA-Veranstaltungen? Bellut schweigt mit dem Argument, seine Verhandlungsposition nicht verschlechtern zu wollen. Verraten will er auch nicht, was seine Moderatoren bekommen, um den Wettbewerb nicht zu begünstigen. Das ist schon schwerer nachzuvollziehen. Maybrit Illner hat an anderer Stelle der Sendung im Zusammenhang mit der Offenlegung der Einkünfte gesagt: „Ich bin zu allem bereit.“ Wir warten gespannt.

Ein Beitrag zu Grundversorgung wäre der Einkünfte-Bericht der Maybrit Illner nicht. Der Journalist Hans-Peter Siebenhaar hat in einer Bemerkung, die leider unterging, die Legende der gesellschaftspolitischen Grundversorgung, welche der öffentlich-rechtliche Rundfunk angeblich leistet, in Zweifel gezogen und statt dessen die Überversorgung problematisiert.  In Wahrheit hat der aufgeklärte Mensch von heute zahllose Möglichkeiten, sein Wissen zu vergrößern, seinen Geist zu schärfen. Das Internet mit seiner unendlichen Welt kann qualitativ Besseres liefern als das ZDF in der Lage ist, die Qualitätszeitungen ebenso. Und in dieser Sendung hat vor allem einer der Aufklärung gedient: der von privaten Sendern bezahlte sogenannte „Comedian“ Oliver Pocher.

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Quelle: FAZ.NET

 
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