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Veröffentlicht: 05.04.2013, 07:13 Uhr

FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner Atemlos durch alle Krisen gehechelt

Maybrit Illners Talkshow will in 60 Minuten die Eurokrise lösen, Kleinsparern helfen und sich über Steueroasen empören. Trotz guter Gäste ist das ein bisschen zu viel für einen Abend.

© dpa Neben Zypern sind in Maybrit Illners Talkshow auch andere Inseln in den Fokus gerückt: die britischen Virgin Islands zum Beispiel

Aktuelle Ereignisse sind für Talkmaster Segen und Fluch zugleich. Einerseits fesseln sie den Fernsehzuschauer und bieten einen willkommenen Aufhänger für ihre Sendung. Andererseits zerfasern sie eine ohnehin komplizierte Diskussion, so dass weniger Zeit bleibt, Argumente zu entwickeln. Noch gehetzter als ohnehin schon allzu oft wirkte deshalb Maybrit Illners ZDF-Talkrunde am Donnerstag Abend unter dem Titel „Vorsicht Enteignung! Die große Angst der kleinen Sparer“.

Philipp Krohn Folgen:

Schon der Vertrauensschwund der Bürger nach dem Zickzack-Kurs der Zypern-Stützung hätte als Thema locker 60 Minuten gefüllt. Auch die verbrauchernahe Fragestellung, wie Anleger in Zeiten rekordniedriger Zinsen noch sinnvoll ihr Geld anlegen können, hätte ausreichend Raum verlangt. Nun war aber der Moderatorin durch die gleichzeitige Enthüllung mehrerer internationaler Medien über Steueroasen noch ein weiteres Thema auf den Tisch gesegelt. So blieb für alle drei höchst komplexen Felder am Ende gerade jeweils ein Drittel der Sendezeit.

Das haben wir doch jahrelang verlangt

Herauskam die gefühlt 300. Talkshow zur Finanzkrise, durch die wie gewohnt eine gut vorbereitete, scharf nachfragende Moderatorin führte, in der manch Richtiges und Bedenkenswertes gesagt wurde, der Zuschauer aber etwas ratlos zurückblieb. Durch die Auswahl der Gäste deuteten sich zwar einige spannende Kontroversen an – zwischen Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter und der stellvertretenden Linken-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht genauso wie zwischen Verbraucherschützer Niels Nauhauser und Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. Aber wie so oft, wenn man zu viel will, kommt am Ende doch wenig Zählbares heraus.

Was also bleibt von diesem Abend? Eine gute aufgelegte Susanne Schmidt (die Tochter des ehemaligen Bundeskanzlers), die mehrfach dankbaren Applaus des Saalpublikums entgegennimmt, indem sie kleine Orientierungsmarken setzt. So wertet sie die Beteiligung zyprischer Einleger als Zeichen dafür, dass die europäische Politik aus den bislang drei Hilfsprogrammen für klamme Staaten durchaus gelernt hat. „Wir haben doch jahrelang verlangt, dass Gewinne nicht privatisiert und Verluste sozialisiert werden dürfen“, sagt die Finanzjournalistin. Nun müsse man die Konsequenz dieser Forderung hinnehmen: dass Gläubiger statt allein die Steuerzahler gerade stehen müssen, wenn eine Bank in Schieflage gerät.

Ein weiteres dankbares Talkshow-Thema

Es bleibt außerdem eine wie immer hochkonzentrierte Maybrit Illner, die ihren Gesprächspartnern keine Ausflüchte durchgehen lässt. Als sie Staatssekretär Kampeter einen von ihrer Kollegin Schmidt zugespielten Ball weiterleitet und dieser dann damit herumtändelt, setzt sie zweimal zur Grätsche an. Durch ihr konsequentes Nachhaken entlockt sie dem Zuarbeiter von Finanzminister Schäuble zumindest eine kleine Annäherung an den niederländischen Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Der hatte zunächst Zitate freigegeben und später halb zurückgenommen, die Zypernhilfen könnten als Blaupause für weitere europäische Programme dienen – indem Gläubiger frühzeitig eingebunden werden. Kampeter hielt an der Position Schäubles fest, die Mittelmeerinsel sei ein Sonderfall. Aber er stellte auch in Aussicht, dass Eigentümer auch künftig einbezogen, Einlagen unter 100.000 Euro aber weiterhin nicht angetastet werden sollen.

Zu wenig Zeit blieb leider, die übliche Verteidigungstaktik der Sparkassen zu relativieren. Fahrenschon nutzte das Forum, um seine Institute wieder einmal als die besseren Akteure am Kapitalmarkt zu präsentieren. Natürlich vergaß er nicht, für sich eine gesonderte Rolle in der europäischen Reform zu einer gemeinsamen Bankenunion zu reklamieren. Als er aber von Verbraucherschützer Nauhauser mit der zweifelhaften Beratungsqualität in seinen Häusern und dem weiterhin verbreiteten provisionsgetriebenen Verkauf von Finanzprodukten konfrontiert wurde, blieb er einigermaßen wortkarg. „Wir geben uns Mühe“, versprach er kleinlaut, um sich gleich noch einmal gegenüber den bösen internationalen Finanzhäusern abzugrenzen. Für ihn gelte wie für den Handwerker vor Ort, dass er nur gut aufgestellt sei, wenn der Kunde zufrieden ist. Warum das für grenzüberschreitend tätige Häuser nicht gelten soll, blieb er zu erklären schuldig. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Sendung schon fast zu Ende.

Mehr zum Thema

Was an Zeit fehlte, ging halt am Anfang drauf für längliche Ausführungen jedes einzelnen Gastes zu den Enthüllungen über die Steueroasen. Allgemeine Empörung, die übliche Reichenschelte von Wagenknecht und das bekannte Werben des Regierungsvertreters für das Steuerabkommen mit der Schweiz – vielmehr kam bei diesem Thema erwartungsgemäß nicht herum. Doch bei einem so großen Konsens kann man aus diesem Teil der Sendung eine Erwartung ableiten: Das Bemühen, international gegen Steueroasen vorzugehen, dürfte in den kommenden Monaten deutlich an Fahrt gewinnen. Und damit dürfte sich auch ein weiteres dankbares Talkshow-Thema dauerhaft etablieren. Vielleicht beim nächsten Mal mit etwas mehr Zeit für die Details!

Quelle: FAZ.NET

 

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