http://www.faz.net/-gsb-777g8

FAZ.NET Frühkritik: Jauch : Zickenkrieg um Krippenplätze

  • -Aktualisiert am

Welche Betreuung ist besser? Bild: dpa

Auch bei Günter Jauch wurde munter über die Krippenplatz-Garantie debattiert. Die anwesenden Politiker bewiesen dabei wieder, wie weit sie mitunter von der Lebenswirklichkeit deutscher Familien entfernt sind.

          Bundesfamilienministerin zu sein ist derzeit kein Traumjob, im Gegenteil. Sich von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin beschimpfen lassen zu müssen wegen des Betreuungsgeldes, das sich Kristina Schröder nicht ausgedacht hat, ist für die junge Ministerin alles andere als lustig. Man sieht es ihrem gequälten Gesichtsausdruck an, dass Frau Kraft ihr auf die Nerven geht  - und umgekehrt. Es ist allerdings auch nicht gerade vorteilhaft für Kristina Schröder, von allen Mitdiskutierenden in Günter Jauchs Talk-Runde als Verantwortliche für den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz angesehen zu werden, obwohl diese Kita-Garantie nicht ihre Idee war, sondern die ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen. „Der Bund kann keine Krippenplätze bauen“, sagt die Familienministerin zu Recht und zählt eine Reihe von Programmen auf, die ihr Ministerium aufgelegt hat, um Ländern und Kommunen beim Ausbau von Plätzen für Kleinkinder zu helfen. Sie lächelt, doch so recht nimmt keiner ihr Argument wahr.     

          Zumal das Jauch-Team so gemein war, zu Beginn gefilmte Porträts zweier verzweifelter, in Großstädten lebender Familien zu  senden, die trotz langer und intensiver Suche keinen Krippenplatz finden konnten. Eine dritte Familie hat einen. Doch der Weg, auf dem diese Eltern ihn  erlangt haben, könnte allen anderen zur Weißglut treiben: Sie haben ihn als Preis bei einem Gewinnpiel gewonnen. Die Aussage ist plakativ und in der Verkürzung sicher falsch: Ein Krippenplatz ist kein Sechser im Lotto,  selbst wenn sich das für viele wartende Eltern so anfühlt.

          Eine Fachanwältin ermuntert Eltern zu Klagen 

          Etwa 560.000 Krippenplätze gibt es derzeit in Deutschland  (Stand: März 2012, aktuellere Zahlen liegen den Statistischen Bundesamt nicht vor); 780.000 soll es bis zum 1. August 2013 geben. Das ist der im Kinderförderungsgesetz aus dem Jahr 2007 festgelegte Beginn des Rechtsanspruchs auf Betreuung. Bisher geht man davon aus, dass etwa 39 Prozent der Eltern von ein- bis dreijährigen Kindern einen Krippenplatz oder einen Platz bei einer Tagesmutter in Anspruch nehmen wollen. Doch während diese Quote auf dem Land oftmals niedriger ist, wünschen sich in Großstädten eher mehr Eltern eine Betreuungslösung für ihr Kleinkind. Schon werden Juristen bemüht, auch von der „Jauch“-Redaktion, die darüber Auskunft geben, unter welchen Voraussetzungen Eltern ihre jeweilige Kommune erfolgreich auf Schadenersatz wegen Lohnausfalls verklagen können. Die Fachanwältin für Familienrecht, die in der Sendung saß, hält solche Klagen für aussichtsreich – aber solche Klagen durchzufechten ist nun einmal ihr Job. Ein bessere Werbung als die Fernsehminuten bei Jauch konnte es für sie gar nicht geben. 

          Tapfer machte Kristina Schröder bei Günter Jauch darauf aufmerksam, dass jahrzehntelang bei der Versorgung mit Krippenplätzen geschlafen wurde, dass also auch ihre Vorgängerinnen mitverantwortlich seien für die schwierige Situation. Diesen rhetorische Figur beherrscht natürlich auch Frau Kraft: Sie schiebt das Versäumnis der Vorgängerregierung in die Schuhe – sie selbst sei ja erst seit 2010 an der Macht. Der Bund habe seine Zusagen eingehalten, sagt Frau Schröder, und sogar noch einmal nachfinanziert. Frau Schröder ruft die Eltern auf, bei ihrer Kommune vorzusprechen, ihren Bedarf anzumelden  – und erweckt damit den Eindruck, als hänge es von der Eigeninitiative und der Durchsetzungsfähigkeit der Eltern ab, ob ihr individueller Rechtsanspruch eingelöst wird.

          Weitere Themen

          Helfer vereinen Familien wieder Video-Seite öffnen

          Verlorene Kinder aus Myanmar : Helfer vereinen Familien wieder

          Mehr als eine halbe Million Rohingya sind aus ihren Dörfern in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflüchtet. Im Chaos der Flüchtlingslager werden viele von ihren Familien getrennt. Helfer versuchen die Familien wieder zu vereinen.

          Emotionale Erbstücke Video-Seite öffnen

          Uhr, Gitarre, Gartenlaube : Emotionale Erbstücke

          Wir haben unsere Fotografen gebeten, nach Erbstücken zu suchen. Was Vätern ihren Kindern schenken, ist oft seit Generationen im Besitz der Familien. Schön? Hässlich? Kommt es darauf an? Natürlich nicht. Hier geht es um den ideellen Wert. Ein Blick in Schränke, Keller, Rumpelkammern und Garagen.

          Topmeldungen

          Bringen die SPD wieder voran? Martin Schulz (vorne), Stephan Weil und Thorsten Schäfer-Gümbel.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

          Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.