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FAZ.NET-Frühkritik Jauch Was interessiert uns schon der Wähler?

Wenn Politiker Wahlergebnisse analysieren, die es überhaupt noch nicht gibt, dann sind sie ganz bei sich - wie am Sonntagabend bei Günther Jauch. Sie brauchen den Wähler gar nicht, um zu wissen, was er will.

© dpa Vergrößern Zu früh gefreut: Am Ende lag die CDU von David McAllister zwar vorn, die Regierung wird sie aber nicht mehr stellen

Wieso schaut man eigentlich der Wahlberichterstattung im Fernsehen zu? Am nächsten Morgen liegt das Ergebnis doch ohnehin vor. Das Auszählungsgeschehen selber bietet, anders als manche Fußballspiele oder die Landschaftskulissen von englischem Krimikitsch, gar keine sinnliche Attraktion. Da es sich um Sonntage handelt, ist außerdem nicht einmal der kleine Wissensvorsprung lohnend, den derjenige hat, der ständig zuschaut, um die Information hernach in Alltagsgesprächen – „Weißt du schon?“ – anzubringen. Die neugierige Ungeduld bringt also denkbar wenig. Trotzdem schauen wir hin, wenn die neueste Hochrechnung verkündet wird. Warum?

Talk-Shows im Anschluss an Wahlen bekräftigen dieses Problem. Vor allem, wenn sie, wie die von Günther Jauch, stattfinden, während sich gerade die Grundlage dessen ändert, worüber geredet wird. Kaum war am Sonntagabend der Talk vorbei, teilte uns Jörg „Demokratieabgabe“ Schönenborn mit, dass Rot-Grün in Hannover regieren kann. Hätten die an der Talk-Show Beteiligten das gewusst, hätten sie vermutlich anders geredet. Denn für das, was sie sagten, spielte es eine enorme Rolle, dass das Ergebnis der Wahlen noch offen war. Zum Beispiel konnte sich jeder als Sieger darstellen, was schwieriger gewesen wäre, wenn der Sieger schon festgestanden hätte.

Alle haben alles richtig gemacht

Allerdings ist die Frage, wer gewonnen hat, nur als Machtfrage interessant. Die Debatte bei Jauch zwischen Politikern, die nicht wussten, wessen Machtfrage geschlagen hatte, hielt sich folgerichtig im Ungefähren auf. Alles richtig gemacht zu haben, ist gerade dann eine praktische Mitteilung, wenn die Lage völlig unklar ist. Also fanden die einen, sie hätten ja in den Umfragen vor kurzem noch schlechter dagestanden, während die anderen befanden, jedes Prozent sei von ihnen „fulminant“ erkämpft worden. Man hielt sich „Leihstimmen“ vor oder konstatierte, die Opposition leiste „typische Oppositionsarbeit“ (Ursula von der Leyen). Auch der Moderator beteiligte sich an dieser Art Zeitvertreib, als er Jürgen Trittin vorhielt, die Option Schwarz-Grün werde vielleicht nur nicht ergriffen, weil der Wähler das übel nehmen würde, worauf Trittin leichthin mit dem Hinweis konterte, dann sei das ja auch kein guter Gedanke, wenn ihn der Wähler übel nehmen würde.

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Mit anderen Worten: Politische Diskussionen sind noch uninformativer als ohnehin, wenn nicht einmal feststeht, auf welche Machtlage sie sich beziehen. Vor etlichen Jahren hat der Soziologe Niklas Luhmann für diese Zeitung in einem kleinen  Beitrag die Frage aufgeworfen, ob bei Wahlen der Souverän entschieden oder der Wähler gewürfelt hat. Sollte heißen: Drückt sich in Wahlergebnissen ein politischer Wille aus, oder sind sie einfach nur das Material für politische Sinnbehauptungen?

Der niedersächsische Wahlabend hat klar bewiesen, dass die Politik Wahlen gar nicht braucht, um zu wissen, was der Wähler will. Und das Fernsehen auch nicht. Den besten Satz des Abends sagte Jürgen Trittin, man konnte ihn im Stimmengewirr fast überhören. Eine natürlich repräsentative Umfrage, wen sich die Leute als FDP-Spitzenkandidaten wünschten (bei der rund 75 Prozent der Befragten für Brüderle vor Lindner, Rösler und Bahr plädierten), kommentierte er so: „Der Rest will Dirk Niebel.“ Das war witzig und witzig gemeint, enthielt aber zugleich die ganze Wahrheit über Umfragen und Talkshows, weswegen wir jetzt auch schon korrigieren müssen, was wir oben gesagt haben: Die Beteiligten hätten auf jeden Fall so geredet, wie sie geredet haben, ganz egal, was bei den Wahlen und Umfragen herausgekommen wäre.

Quelle: FAZ.NET

 
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