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FAZ.NET-Frühkritik: „Jauch“ Keiner fühlt es so wie Du

Günther Jauch versuchte das Desaster um den Berliner Flughafen mit den Mitteln der Talkshow aufzuklären. Aber dafür moderierte er die falsche Sendung.

© dpa Vergrößern In der ewigen Warteschleife: Der Berliner Flughafen „Willy Brandt“

Jeder Familienvater kennt die Situation: Du willst im eigenen Garten etwas Schönes bauen, sagen wir einen Geräteschuppen. Du bist zwar kein Fachmann, aber im Baumarkt gibt es für alles Fertigteile, die lässt du dir dann vom Aufbaudienst zusammenschrauben. Was soll daran schwer sein?

Da zeigt dir der Mitarbeiter aus der Abteilung Holz, wie sich der Geräteschuppen mit einigen Sonderanbauten in einen integrierten Hobbyraum mit Sitzecke und Grillplatz verwandeln ließe, und für Geräte wäre auch noch Platz. Das verteuert die Sache, macht sie allerdings auch praktischer. Sagst du dir und fährst mit einer unübersichtlichen Bestellung aber einem guten Gefühl wieder heim.

Am Tag, als der Baumarkt die Teile liefert, bist du im Büro. Als du nach Hause kommst, ist der Aufbaudienst schon weg, dafür stehen die Nachbarn um den Schuppen herum und reden. Die Tür klemmt, das Dach ist undicht, ein Fenster wurde beim Einbau beschädigt, außerdem ist wegen der Sitzecke kein Platz mehr für Geräte. Ein Nachbar rät dir das Ding gleich wieder abzureißen, während deine Frau immer dazwischenruft: „Du hast Dich da veräppeln lassen.“

Rette sich, wer kann

Ungefähr an dieser Stelle setzte am Sonntagabend Günther Jauch mit seiner Sendung ein. Als netter aber überforderter Familienvater war Matthias Platzeck gekommen. In der Rolle der ewig kritischen Ehefrau trat Renate Künast auf. Und drei besserwissende Nachbarn saßen auch noch in der Runde.

Nicht erschienen, aber eingeladen, waren der Hersteller der Fertigteile, der Mitarbeiter aus der Abteilung Holz, die Kollegen vom Aufbaudienst sowie Klaus Wowereit und Peter Ramsauer. Selten habe es „so viele ratlose Sekretariate und abgestellte Handys“ gegeben, sagte Günther Jauch.
Die Frage ist, ob, wenn sie alle gekommen wären, sich das Desaster um den Berliner Flughafen mit den Mitteln der Talkshow hätte vermitteln lassen. Und falls ja – ob auch interessant.

Denn nachdem Matthias Platzeck schon in den ersten zwanzig Minuten in der ihm eigenen Art Versäumnisse eingeräumt, Verständnis gezeigt, Probleme benannt, Klärung versprochen, den Blick dann aber wieder nach vorn gerichtet hatte, weil er in dieser Woche nun den Aufsichtsratsvorsitz für den Bau übernimmt, war unklar, worüber man eigentlich noch reden will.

Die Mängel des Flughafens sind bekannt, die Kosten stehen noch nicht fest, dass das Ding irgendwie fertig werden muss, weiß jeder, und Klaus Wowereit, an dem sich in der abgelaufenen Woche die Öffentlichkeit vor allem abgearbeitet hatte, war ja nicht erschienen.

Erklärung ohne Aufklärung

„Ich verbinde mein politisches Schicksal mit dem Flughafen“, sagte Matthias Platzeck und meinte damit, dass, wenn Brandenburg im Jahr 2014 wählt, die Bürger dann auch darüber entscheiden, ob sie das Projekt auf einem guten Weg sehen, was in Wahrheit nur heißt, dass Matthias Platzeck sein Schicksal nicht mit dem Flughafen sondern mit der nächsten Landtagswahl verbindet. Das sind eben Sätze, wie sie die Talkshow produziert. Die Leute erklären sich, aber nichts wird erklärt. Dabei bietet der Bau eines so hochkomplexen Gebildes wie dem eines Flughafens doch die allerschönsten Möglichkeiten für Erklärung und Erkenntnis.

Was ist eigentlich so schwer, heute ein solches Großprojekt umzusetzen? Warum gab es daran mehrere hundert Planänderungen? Wie funktioniert die größte Brandschutzanlage der Welt, beziehungsweise warum funktioniert sie nicht? Was heißt es für die internationalen Fluglinien, wenn ein Flughafen neu eröffnet wird und was, wenn seine Eröffnung sich verschiebt?
Stattdessen fragte die Sendung, was man sowieso immer fragen kann: „Wie viel kosten uns planlose Politiker?“

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Zu ihrem Beginn stand Günther Jauch an einem Tisch, auf dem der Flughafen in Legosteinen wenigstens zum Teil errichtet war. Der Aufbau war als Dekoration gedacht. Aber was hätte das für eine Show gegeben, wenn Matthias Platzeck anhand dieser Minibaustelle erklärt hätte, wie das war, als er erfuhr, dass hinter Wänden, die schon geschlossen und verputzt waren, Kühlleitungen nicht isoliert sind, weswegen die Wände wieder aufgerissen werden müssen? Im selben Programm macht so etwas die Sendung mit der Maus für Kinder. In einem anderen hat es Harald Schmidt für Erwachsene gemacht.

In der Mitte der Sendung gab es die Stelle, als Klaus Grewe, der Mann, der für London den Bau der Olympiastätten managte, erklärte, wie man solche Großprojekte steuert. Was es für den Ablauf bedeutet, wenn beispielsweise der Beton schief gegossen ist oder vom Frost zerstört, und wie man sich davor schützt oder das Risiko wenigstens einberechnet. Ein Jahr dürfte es bei Projekten dieser Größe dauern, bis alle Schäden und Fehler aufgenommen sind und weitergebaut werden kann, sagte er. „Sonst unterschreibt Herr Platzeck fünfzig Millionen-Schecks und weiß nicht wofür.“
Was hätte das für eine Show gegeben, wenn Klaus Grewe sich mit Matthias Platzeck gemeinsam über die Bauakten gebeugt hätte, so wie der Schuldenberater Peter Zwegat auf RTL mit seinen Kunden?

Es wäre vielleicht eine andere Sendung gewesen. Aber eine bessere.

Quelle: FAZ.NET

 
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