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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch Herz und Geldbeutel öffnen

Günther Jauchs Talkrunde hat sich am Sonntag in eine Spendengala verwandelt, nicht ganz so galant, aber fast so erfolgreich. Den Opfern des Hochwassers muss geholfen werden. Das ist klar, aber muss man dafür auf alle Fragen verzichten?

© dpa Vergrößern Fernsehmoderator Günther Jauch: Vorsichtige Fragen - es ging um Spenden, nicht um Kontroversen

785.548 Euro. Das ist eine hübsche Summe, die am Sonntagabend in knapp anderthalb Stunden für die Hochwasser-Opfer an Donau und Elbe und ihren Nebenflüssen zusammen gekommen ist. Der Betrag erhöht die gesamte Spendesumme auf 7.567.243 Euro. Und heute wird der Betrag noch weiter wachsen. Damit hat die Sendung „Günther Jauch, ganz Deutschland hilft“ ihren Zweck erfüllt.

Man müsste nicht weiter darüber sprechen. Neues hat man nicht erfahren und zum Weiterdiskutieren hat sie auch nicht verleitet.  Die Hilfsorganisationen kennen das Phänomen: bewegte Bilder, die die Katastrophe in jedes Wohnzimmer bringen, rühren die Menschen an und lassen sie das Portemonnaie öffnen. Das ist besonders dann so, wenn es so einfach geht. Vom Sessel über das Telefon in die virtuelle Sammelbüchse. Der gespendete Betrag wird dann vom Konto abgebucht, wenn man es fast wieder vergessen hat. Auch die Fernsehanstalten wissen um diese Wirkung ihrer Bilder. Auch Jauch weiß es. Deshalb hat man die dramatischen Szenen aus der Berichterstattung der vergangenen Wochen noch einmal zur Dokumentationsfetzen zusammengeschnitten und die gezeigten Personen dazu ins Studio eingeladen.

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Die Existenz bedroht, ins Herz getroffen

Die 77 Jahre alte Frau aus Grimma zum Beispiel, deren gesamter Hausrat das Wasser zunichte gemacht hat. Selbst, das was sie am Leibe trägt, so berichtet sie im Beitrag, ist ihr nachträglich geschenkt worden, „weil alles weg ist“. Sie konnte nicht ins Studio kommen, weil sie sich im Krankenhaus von den Strapazen erholen muss. Oder Rosel Klaus aus Kamern in Sachsen-Anhalt, deren Haus, dass sie nach der „Jahrhundertflut von 2002“ neu aufgebaut hat, wieder ruiniert ist. Sie hat noch eine alte Elementarschadensversicherung aus der DDR und ist somit versichert.

Das sind die Brüder Wedekind aus Wurzen nicht. Sie haben einen Fährbetrieb über die Mulde. Die Fähre ist am Sonntag 15 Kilometer flussabwärts und Kiel oben gefunden worden. Sie tragen noch die Schulden von der Flut 2002 ab und wollen wieder weitermachen.  Kein Zweifel. Die Menschen die von den Überschwemmungen bis in ihre Existenz oder, was noch schlimmer ist, bis ins Herz getroffen sind, tragen schwer daran. Im Gespräch mit dem Moderator klingt das alles noch ein Stück dramatischer als es ohnehin schon ist. Das kann der Jauch. Auch wenn „nur“ die Menschen an den Flussläufen betroffen sind, spricht Jauch zu recht, wenn auch zu oft, von einer „nationalen Katastrophe“. Den Menschen muss geholfen werden. Dafür werden aber die Spendengelder nicht ausreichen.

Woher kommt und wohin geht das Geld?

Bund und Länder werden mit acht Milliarden Euro einspringen. „Was nötig ist, wird getan“, sagt Bundesfinanzminister Schäuble entschlossen. Das Geld wird er vom Finanzmarkt nehmen, denn dort seien ja die Zinsen zur Zeit günstig. Von zeitweiligen Steuererhöhungen will er nichts wissen, bekräftigt er mehrfach. Da scheint der Wahlkampf durch. Was aber nötig ist und überhaupt die Einzelheiten, daran werde noch gearbeitet, schließlich habe man ja die Erfahrung von 2002. Jauch genügt das. An keiner Stelle wurde auch erklärt, wie die Spendengelder selbst verteilt werden, an wen zuerst und wieviel.

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