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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch Das Leben danach

Wie übersteht ein Mensch Folter, seelische Grausamkeit und Gefangenschaft? Günter Jauch spricht mit Natascha Kampusch, dem Entführungsopfer Johannes Erlemann und dem Journalisten Marcus Hellwig.

© dpa Vergrößern Natascha Kampusch am Abend ihres 25. Geburtstag im Studio mit Günther Jauch

Wie hält ein Mensch Situationen aus, in denen er maßloser Gewalt ausgesetzt ist? Wie kann er sich psychisch zur Wehr setzen, wenn er körperlicher und seelischer Gewalt gegenübersteht? Und wie lassen sich solche grauenhafte Erlebnisse später verarbeiten?

Für die allermeisten seiner Zuschauer bleiben die Leitfragen in Günter Jauchs Sendung glücklicherweise rein theoretischer Natur. Für seine Gäste sind es Fragen, die zu ihrem täglichen Leben gehören: Johannes Erlemann wurde als Elfjähriger entführt und zwei Wochen lang in einer sargähnlichen Kiste gefangen gehalten, der Journalist Marcus Hellwig war fünf Monate lang in einem iranischen Foltergefängnis inhaftiert, und Natascha Kampusch musste mehr als acht Jahre ihres Lebens in der Gewalt eines Psychopathen verbringen, der davon besessen war, einem zehnjährigen Mädchen seinen Willen aufzuzwingen.

„Das Ding bleibt uns für immer“

Die Täter mögen nach einigen Jahren im Gefängnis wieder auf freiem Fuß sein, die Opfer „bekommen lebenslänglich“, wie es Johannes Erlemann formulierte: „Das Ding bleibt uns für immer“. Natascha Kampusch nickt zustimmend und wirkt dabei fast erleichtert, als wäre sie dankbar, dass es ihr erspart bleibt, auch diese bittere Wahrheit noch aussprechen zu müssen. Am Abend ihres fünfundzwanzigsten Geburtstags sitzt die junge Frau in einer Fernsehsendung und versucht mühsam zu erklären, warum es ihr auch sechs Jahre nach ihrer Flucht nicht leicht fällt, ein normales Leben zu führen.

Das liegt natürlich an den traumatischen Erlebnissen während ihrer Gefangenschaft, aber es liegt auch, wie vor allem Johannes Erlemann mehrfach deutlich macht, an einer Öffentlichkeit, die von den Opfern verlangt, dass sie sich für ihr Schicksal rechtfertigen. Natürlich sei die Entführung ein Albtraum gewesen, sagt Erlemann, aber was danach kam, sei fast noch schlimmer gewesen.

Was Erlemann, Hellwig und Kampusch durchlitten haben, entzieht sich, bei allem, was die drei Schicksale voneinander unterscheidet, gleichermaßen menschlichem Vorstellungsvermögen. Gleichwohl erlaubt sich jedermann ein Urteil. Günter Jauch fragt klug und behutsam an diesem Abend. Wo sonst oft aufgeregt um Nichtigkeiten gestritten wird, geht es diesmal um Existentielles. Jauch gelingt es zwar, jeden Anklang an die Sensationslüsternheit des Boulevardjournalismus zu vermeiden, aber zwei Mal am  diesem Abend verlässt ihn das Feingefühl.

Bevor er Natascha Kampusch fragt, wie sie sich den Hass und die Feindseligkeiten, die ihr entgegenschlagen, erklären könne, liest er drei beispielhaft widerwärtige Kommentare aus dem Leserforum eines österreichischen Boulevardblatts vor. Das hätte er seinem Gast ebenso ersparen können wie den Ausschnitt aus der Verfilmung ihres Buches, der zeigt, wie der Entführer sein Opfer sexuell missbraucht. Natascha Kampusch hat über diesen Teil ihrer Leidensgeschichte weitestgehend geschwiegen und ihn auch in ihrem Buch gemieden. Dafür, dass sie die fraglichen Szenen im Film, der demnächst in die Kinos kommt, nicht verhindert hat, gibt es gute Gründe: Teile der Vernehmungsprotokolle, deren Schwärzung Natascha Kampusch im Zuges des Opferschutzes zugesagt waren, sind ungeschwärzt in die Öffentlichkeit gelangt. So wird die Demütigung einer jungen Frau mit anderen Mittel fortgesetzt.

Die Antwort heißt „radikale Akzeptanz“

Natasch Kampusch muss auch dies ertragen, und sie spricht darüber ebenso leise, nachdenklich, nach Worten suchend und unaufgeregt wie über alles andere. Das ist vermutlich nicht Abgeklärtheit zu verdanken, sondern der festen Überzeugung geschuldet, die ihr auch durch ihr Martyrium geholfen hat. Es ist die Überzeugung, dass es eine Chance zur Bewältigung schrecklicher Erlebnisse nur geben kann, wenn sich das Opfer diesen Erfahrungen und all ihren Konsequenzen stellt.

Der Psychologe Georg Pieper, den Jauch als  Experten für Trauma-Bewältigung ins Studio gebeten hat, hat dafür einen Begriff parat und spricht von „radikaler Akzeptanz“. Der Schritt in die Öffentlichkeit gehört dazu und hat mit Exhibitionismus, Opferkonkurrenz und Geltungsbedürfnis  nichts zu tun.

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Quelle: FAZ.NET

 
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