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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : Das Existenzspiel des Uli Hoeneß

Vorbei mit der Herrlichkeit: Für Uli Hoeneß steht viel, vielleicht alles auf dem Spiel Bild: dpa

Bei Günther Jauch wurde der Talkshow-Reigen zum Steuerfall Hoeneß eröffnet. Man diskutierte und spekulierte in klamaukfreier Sachlichkeit. Klar ist, dass der Präsident des FC Bayern in arger Erklärnot steckt.

          Bis zum vergangenen Wochenende war Uli Hoeneß so etwas wie der Reich-Ranicki des deutschen Fußballs: von ubiquitärer Präsenz, alles über sein Metier wissend, großen Einfluss ausübend, so handlungs- wie meinungsstark, professionell so durchsetzungsfähig wie sozial sensibel, ebenso umstritten wie in hohem, ja höchstem Maße angesehen. Er galt bei all dem als eine vollkommen authentische Figur, im Reinen mit sich selbst und der Welt, in der er weste und wirkte.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Einer, der alles gewonnen hat, was es in seinem Metier, dem Fußball, zu gewinnen gibt, der Welt-, Europa- und deutscher Meister, Europa- wie DFB-Pokalsieger war und der, Jahrgang 1952, überdies wie kein anderer seiner Generation unter Beweis stellte, dass das Ende einer Spielerkarriere nur den Anfang einer neuen, nicht minder erfolgreichen beruflichen Laufbahn darstellen kann.

          Drei Jahrzehnte lang war er ein begnadeter Fußballmanager, mehr noch: Er hat, zumindest in hiesigen Breiten, diesen Beruf erst erfunden, indem er ihn Tag für Tag, Jahr für Jahr einfach ausübte und sich dabei selber weiterbrachte. Seit Herbst 2009 Präsident und seit Frühjahr 2010 auch Aufsichtsratsvorsitzender seines Vereins, des FC Bayern München, wurde er keineswegs ruhiger, im Gegenteil: Er mischte sich nun zunehmend in gesellschaftliche und politische Debatten ein, polarisierte auch dabei munter weiter, profitierte jedoch selbst bei Gegnern wie Neidern stets von einem Charakterzug, der ihm in die schwäbische Seele geschneidert zu sein schien: Uli Hoeneß, die ehrliche Haut.

          Ein Werdegang steht auf der Kippe

          Und jetzt? Lässt sich über all diese Leistungen und Eigenschaften, mehr noch: lässt sich über Person und Persönlichkeit dieses über die Maßen erfolgreichen Bodenständlers nur noch in der Vergangenheitsform reden? Folgt aus dem Fall des steuerflüchtigen Selbstanzeigers auch der brutale Absturz eines Vorbilds für viele? Und geht auf solche Weise ein glanzvolles Lebenswerk bereits lange vor seiner möglichen Vollendung ruhmlos, ja schmachvoll dahin?

          Es steht, man kann es nicht pathetisch genug ausdrücken, in den kommenden Wochen, vielleicht Monaten viel auf dem Spiel. Naturgemäß zuallererst für ihn selbst, für seine Glaubwürdigkeit und sein Ansehen weit über den Sport hinaus. Aber es steht auch viel auf der Kippe für uns, die wir dem Fall Hoeneß zumindest in allernächster Zukunft ausgesetzt sein werden. Man muss kein Freund oder Fan des FC Bayern sein, um am weiteren Werdegang des ersten Vereins-Repräsentanten wirklichen Anteil zu nehmen.

          Kennt Hoeneß seit Jahren und druckste entsprechend herum: der Sportjournalist Dieter Kürten
          Kennt Hoeneß seit Jahren und druckste entsprechend herum: der Sportjournalist Dieter Kürten : Bild: dpa

          Zumindest etwas Aussicht gibt es noch, dass er wie in manch früherem Fall, etwa in der Kokain-Affäre um Christoph Daum aus dem Jahr 2000, am Ende als zwar risikoreicher, dem Hasard nicht abholder, aber letztlich doch honorabler Akteur aus der Sache hervorgeht. Aber es ist eben auch zu befürchten, dass wir über all das, was Uli Hoeneß bisher ausgezeichnet hat, eventuell alsbald im Präteritum werden reden müssen.

          „Abteilung Attacke“, „Abteilung Wahrheit“

          In Anschlag kommen sollte dabei der Maßstab, den er an sich selbst gerichtet hat: Seine Verkörperung der „Abteilung Attacke“ begriff er stets und ganz explizit als Verpflichtung, der „Abteilung Wahrheit“ das Wort zu reden. Ob und wie er Attacke und Wahrheit noch einmal in Einklang bringen kann: An diesem Identitätsfaden hängt nun alles.

          Teilhaben werden wir an diesem Existenzspiel allein durch dessen mediale Permanent-Präsenz. Wir wissen gegenwärtig, dass sich Uli Hoeneß wegen der Hinterziehung von Kapitalertragssteuer mit Hilfe eines oder mehrerer Schweizer Konten bei der bayerischen Steuerbehörde selbst angezeigt hat in der Hoffnung, zumindest einigermaßen passabel aus der Geschichte herauszukommen.

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