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Veröffentlicht: 20.11.2012, 07:01 Uhr

FAZ.NET-Frühkritik: Hart, aber fair Suizid – eine Krankheit, die man heilen kann?

Tabus wurden in Frank Plasbergs „Hart aber fair“ Sendung über ärztlich unterstützten Suizid nicht gebrochen. Einige Statements ließen vielleicht das Publikum aufhorchen – aber nicht den viel zu routinierten Moderator.

von Oliver Tolmein
© dpa Hat jeder Mensch ein Anrecht darauf, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen?

Der Titel ließ Schlimmes befürchten: „Mut zur Menschlichkeit oder Mord – darf ein Arzt beim Sterben helfen?“  Dass Ärzte den Sterbeprozess begleiten, also beim Sterben helfen dürfen, ja sogar müssen, bestreitet schließlich niemand. Und die ärztliche Beihilfe zum Suizid – um die es in der Sendung, anders als der Titel nahelegte, ging – ist möglicherweise ein Verstoß gegen ärztliches Berufsrecht, aber unter keinem nur erdenklichen Gesichtspunkt als Mord anzusehen.

Wenn die Fragestellung unter erheblichen Mängeln leidet, können auch die Antworten kaum überzeugen.  Die  entschlossene Routine, mit der Frank Plasberg Redebeiträge, die offenbar nicht in sein Konzept passten, unterbrach, tat ein Übriges, Zwischentöne zu verhindern und so dafür zu sorgen, dass man statt ein Gespräch verfolgen zu können, sich mit einer Ansammlung von Statements begnügen musste.

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Angesichts dessen war es einer der spannendsten Momente der Sendung, als der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf plötzlich Frank Plasberg überaus freundlich, aber doch bestimmt vorhielt, er trete hier auf, als wisse er alles über den Suizid, dabei sei doch im Einzelfall zumeist alles höchst unklar. „Suizid“, so der aus der aktiven Politik ausgeschiedene  SPD-Politiker, „ist eine Krankheit, die man heilen kann.“  Ein starker Satz, über den man sich in der Sendung hätte streiten können und vielleicht auch sollen, denn die Behandlung von Krankheiten erfordert die Mithilfe der Erkrankten. Wie ist aber mit Menschen umzugehen, die sich nicht heilen lassen wollen?

Warum nicht die Rasierklinge?

Von zwei solchen Menschen, die sich von ihrem Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, nicht heilen lassen wollten, war in der Sendung die Rede. Der bei einem Motorradunfall verunglückte und seitdem im Halswirbelbereich querschnittgelähmte Informatiker Henning M.  bat den Arzt Arnold um Hilfe, damit er sterben könne. Und Arnold half ihm in den Tod, nachdem er sich versichert hatte, dass der schwer behinderte Mann eigentlich alles hatte, was er zum Weiterleben brauchte, liebevolle Eltern, ein sorgendes Umfeld – dass er aber trotz bester Unterstützung nicht mehr leben wollte.

Die an Alzheimer erkrankte Frau des Schweizer Unternehmensberaters Bolinger, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, mochte ihre Erkrankung und die damit irgendwann verbundene Pflegeabhängigkeit nicht ertragen und ging deswegen mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation „Exit“ geradezu heiter in den Tod. Ja, sie hatte, vertraut man der Wahrnehmung ihres Witwers, sogar noch dafür gesorgt, dass dieser seine zukünftige Ehefrau kennenlernte. „Warum sollte Ihre Frau den Suizid mit Hilfe eines Arztes machen? Warum haben Sie ihr nicht eine Rasierklinge besorgt, mit der sie sich die Pulsadern aufschneiden kann?“, wollte der bei  Plasberg bekenntnisstark gegen jede Form der Suizidbeihilfe auftretende Medienprofi und  Kapuzinermönch Bruder Paulus von Bolinger nicht gerade mitfühlend wissen. Eine Frage auf die der sonst selbstbewusste und betont unsentimentale Hinterbliebene überraschend stockend und ausweichend reagierte. Erst nach einem längeren Exkurs darüber, wie gut sich Sterbewillige bei „Exit“ aufgehoben und verstanden fühlten, fand er zu der Antwort, dass es eben ein schönerer Tod sei, etwas zu trinken als zu verbluten.

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