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FAZ.NET-Frühkritik: Hart aber fair : Plasberg und die Hungerlöhne

Frank Plasberg Bild: dapd

Da war wohl auch der Moderator froh, als die Sendung vorbei war. Denn was mit einem Skandal-Film über Daimler begann, endete mit Werkverträgen beim Westdeutschen Rundfunk. Ein Lehrstück über die Zusammenhänge in der sozialen Wirtschaft.

          Am besten lässt es sich über Nachrichten diskutieren, die man selbst gemacht hat. Also Bühne frei. Für die Reportage „Hungerlohn am Fließband“ lässt sich der SWR-Journalist Jürgen Rose von einer Zeitarbeitsfirma einstellen und an das Speditionsunternehmen Preymesser verleihen.

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Als angeblicher Taxifahrer, also ungelernt, erhält er 8,19 Euro in der Stunde, wie im Tarifvertrag mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund vereinbart. Die Spedition wiederum setzt den verdeckten Reporter als Produktionshelfer beim Autohersteller Daimler in Stuttgart ein. Dort steht er am Band, wird von Daimlermitarbeitern eingearbeitet und macht exakt dieselbe Arbeit wie die Kollegen aus der Stammbelegschaft. Nur, dass Rose brutto rund 1.200 Euro im Monat verdient und die jüngere Daimlerkollegin rund dreimal so viel. Dafür zeigt ein Gang zur Arbeitsagentur, dass der Staat ihm wegen seiner vierköpfigen Familie das Einkommen um mehr als 1.500 Euro im Monat „aufstocken“ würde.

          Ein astreiner Fall illegaler Arbeitnehmerüberlassung

          Mal abgesehen davon, dass Rose an einigen Stellen völlig unnötig auf die Tränendrüse drückt, -  etwa wenn er sich über das harte Bett in der Pension beklagt, in der er sich selbst eingemietet hat – wird mit dem Beitrag ein astreiner Fall von illegaler Arbeitnehmerüberlassung unter dem juristischen Deckmäntelchen des Werkvertrages aufgedeckt. Das ist verboten, wird von Staatsanwaltschaft und Steuerbehörden in der Regel hart verfolgt und kann den Verursacher teuer zu stehen kommen. Leiharbeit, Werkverträge und auch noch Aufstocker – beste Zutaten, um daraus im Anschluss noch ein edles Talk-Süppchen zu kochen.

          Zum Mitkochen hatte sich Chefgourmet Frank Plasberg die nordrheinwestfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), den stellvertretenden FDP-Fraktionsvorsitzenden Martin Lindner, den Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche Nikolaus Schneider, Metallarbeitgeberpräsident Rainer Dulger sowie Detlef Wetzel, den Zweiten Vorsitzenden der IG Metall eingeladen.

          Auftaktrunde direkt zum Fall „Daimler“. Landesmutter Kraft, deren Dienstlimousine ein anderes Emblem trägt, wie zu erfahren ist, zeigte sich empört über die Verschleierung des Konzerns und war „wütend“, dass der Staat die Niedriglöhne von Aufstockern subventionieren muss. Und Metaller Wetzel warnte: „Daimler ist kein Einzelfall.“ Die Zahlen geben das zwar nicht her. Gerade vergangene Woche zeigten neue Daten der Bundesagentur für Arbeit, dass die Zahl der Aufstocker zurückgegangen ist. Aber was solls, es ist schließlich Wahlkampf. Kraft bekannte: „Ich lebe von Erfahrungen, weniger von Zahlen.“

          „Ich bin nicht der Intendant“

          Die Rollen waren also rasch klar: Die von der Gefühlswelt gegen die mit den Zahlen. Zum zweiten Lager gehörte Arbeitgebervertreter Dulger, im Broterwerb Chef eines Pumpenherstellers. Auch seine Argumentationslinie war eindeutig: Schuld an der Misere hat die Spedition, nicht Daimler, das auch eines seiner größten und wichtigsten Verbandsmitglieder ist. Martin Lindner dagegen war an diesem Abend der Mann fürs große Ganze. Missbrauch aufdecken? Jawohl, sofort. Aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und den besten Arbeitsmarkt in ganz Europa mit einem neuen Netz von Regulierungen überziehen. Außerdem, an Plasberg gewandt, habe der WDR doch auch eine Quote von 50 Prozent an freien Mitarbeitern und Werkverträgen, oder? Peng, erste Breitseite gegen den Moderator, der sich mit dem Hinweis aus der Affäre zog: „Ich bin nicht der Intendant.“

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