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FAZ.NET-Frühkritik: „Hart aber fair“ : Ganz normale Ackergäule

  • -Aktualisiert am

Ob die Frikadelle Pferdefleisch enthält, ist nur die erste Frage. Stammt es von frisch ausrangierten Ackergäulen oder aus zehn Jahre alten Lagerbeständen? Bild: dpa

Lag das nun entdeckte Pferdefleisch vielleicht schon jahrelang in einem rumänischen Kühlhaus? Bei „Hart aber fair“ kam ein Enthüllungsjournalist zu Wort. Die Reaktionen der Podiumsgäste auf seinen Bericht zeigten, wie hilflos Politik und Lebensmittelwirtschaft vor dem Skandal stehen.

          Als erstes muss man sagen, dass die Talkrunde bei Frank Plasberg am Montagabend hochkarätig besetzt war. Ungewöhnlich hochkarätig für ein Lebensmittelthema. Statt der vegetarisch lebenden Fernsehschauspieler, die vom Biosupermarkt in Prenzlauer Berg erzählen, der wechselnden Ökotrophologinnen und der Promiköche mit ihren alten Küchenweisheiten ließ es sich diesmal, auf dem Höhepunkt der deutsch-europäischen Pferdefleisch-Krise, die Bundeslandwirtschaftsministerin höchstpersönlich nicht nehmen, im Studio von „Hart aber fair“ zu erscheinen, um das Thema „Rind gekauft, Pferd gegessen – was steckt noch in unserem Essen?“ zu diskutieren.

          Ihr zur Seite saßen nicht minder ausgewiesene Experten: Silke Schwartau von der Hamburger Verbraucherzentrale ist nicht nur Bürger-Beraterin, sondern auch mehrfache Buchautorin seit der Tschernobyl-Krise. Es dürfte schwierig sein, eine Expertin zu finden, die sich besser mit den Lebensmittelängsten der Deutschen auskennt. Auch mit Bärbel Höhn wurde eine Politikerin gefunden, die seit ihrer Zeit als Verbraucherministerin in Nordrhein-Westfalen Expertise hinsichtlich der Krisen der deutschen Lebensmittelwirtschaft besitzt. Und die schwer angeschlagene Lebensmittelwirtschaft selbst war gleich mit zwei Abgesandten vertreten: Der Talkshow-erprobte Schinken-Hersteller Jürgen Abraham und Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, der Ketten wie Rewe und Real vertrat.

          Das Fazit dieser auserlesenen Gästeliste dürfte sein: Damit die Debatte über Lebensmittelsicherheit richtig in Gang kommt, braucht man nicht das Tauziehen um die Frage, ob wir Massentierhaltung tolerieren wollen oder nicht, und auch keine öffentliche Auseinandersetzung über Tierschutz und Haltungsbedingungen von Nutztieren. Aber wenn man in Deutschland nicht mehr weiß, was im Essen drin ist: Dann wird es kritisch. Möglicherweise ist das ein uralter Reflex aus der Zeit, als der Lebensmittelmarkt unübersichtlicher wurde, als man den Produzenten nicht mehr persönlich kannte, sondern Herstellerfirmen, Markennamen auf der Bildfläche erschienen, es plötzlich Zwischenhändler gab und neue Darreichungsformen: Konserven zum Beispiel. Emotional haben wir uns vielleicht nie gelöst von dem Kulturschock, den unsere Vorfahren damals erlitten haben, Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

          „Wir haben es zu tun mit einem Schrottfleisch-Markt“

          Pferdefleisch war zudem schon immer ein Reizthema. In uns klingen wohl uralte Fleischtabus nach und tief verwurzelte Ängste. Und offenbar kann nur etwas wirklich Plakatives die Deutschen dazu bringen, in dem Dunkel zu stochern, aus dem unsere von Tieren stammende Nahrung kommt. Pferdefleisch in der Rinderbolognese – diese Nachricht war wirksamer als jeder Fund multiresistenter Keime auf Hähnchenfleisch, jeder heimlich gedrehte Film aus einem Schlachthof und jedes anonyme Interview mit ausgebeuteten Stallarbeitern.

          Bei „Hart aber fair“ ergab der Versuch, die verschlungenen Wege zu beleuchten, auf denen es das Pferdefleisch in die Tiefkühllasagne geschafft hat, ein buntes Potpourri, aus dem nur ein einziger Teil der Sendung wirklich hervorstach: ein Interview im Studio mit dem Journalisten Adrian Peter, Autor des Buches „Die Fleischmafia“. In großer Ruhe sagte Peter Unerhörtes, etwa: „Wir haben es zu tun mit einem Second-Hand-, mit einem Schrottfleisch-Markt.“ In Europa werde Fleisch, das eigentlich nicht mehr handelsfähig ist, zwischen den Ländern verschoben. „Solche langen Handelswege lohnen sich nur bei Schrott, bei wertlosem Fleisch“, erklärte Peter - nur dann können viele Zwischenhändler noch daran verdienen. Im aktuellen Fall sei es durchaus denkbar, dass das Pferdefleisch schon zehn Jahre in einem rumänischen Kühlhaus gelegen habe und dann auf den Markt geworfen worden sei, als sich ein Abnehmer fand.

          „Fleischgranulat“ in der Lasagne

          Das Gespräch mit dem ARD-Reporter Adrian Peter zeigte vor allem eines: dass Talkshows angesichts des Pferdefleisch-Skandals eigentlich kaum zur dringend gebotenen Aufklärung beitragen können. Stattdessen ist ein anderes Genre gefragt: der Enthüllungsjournalismus, wie ihn Peter nüchtern demonstrierte. Das Gespräch zwischen ihm und Frank Plasberg versetzte dann auch einige der Gäste auf dem Podium in große Unruhe. Als Peter von „vergammelten Schweineköpfen“ berichtete, die einer seiner Informanten zu Wurst verarbeitet hatte, schaltete sich Schinken-Hersteller Abraham ein und beschwor die Erkenntnisse der Naturwissenschaften als Gegenbeweis: „Vergammeltes Fleisch kann man gar nicht bearbeiten. Das ist gar nicht möglich von der Biologie her.“

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