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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Im Schlagloch

Günther Jauch entzog sich beim Thema Infrastruktur gestern der Tagesaktualität. Das wäre völlig in Ordnung, wenn man es denn wenigstens richtig machte.

© dapd Nicht nur wie hier in Dresden anzutreffen: Ein deutsches Schlagloch

Leider gab es Mitte des 19. Jahrhunderts noch keine Talk-Shows. Ein Talkmaster, unter Umständen in der Uniform eines Reserveoffiziers, hätte dann über die möglichen Folgen der Basisinnovation der Zeit namens Eisenbahn eine muntere Diskussionsrunde leiten können. So wäre sicherlich über zwei zentrale Fragestellungen diskutiert worden. Nämlich welche Bedeutung diese neue Erfindung für die Entwicklung des Industriekapitalismus haben würde und ob sie besser staatlich oder privat organisiert werden solle. Ein vorausschauender Talkmaster hätte sicherlich, ob nun mit oder ohne Karteikarten, die Frage angesprochen, warum eigentlich der preußische Generalstab mit soviel Interesse auf die Eisenbahn schaut. Sie sollte sich nämlich als das perfekte Mobilitätskonzept für die moderne Kriegführung erweisen. Spätere Historiker hätten eine solche Sendung mit Interesse gesehen. Zwar gab es noch nicht den Begriff „Infrastruktur“, aber seine Bedeutung spielte in der damaligen Zeit schon eine Rolle. Das Militär sollte den Blick auf die Nutzung der Eisenbahn entscheidend verändern. Da wäre eine solche Sendung für den Historiker hilfreich gewesen, um dem Zeitgeist der damaligen Jahre auf die Spur zu kommen.

Frühkritik © dpa Vergrößern Deutschlands Infrastruktur (Foto: eine Weiche der Bahn) mag marode sein, aber die Verwaltung funktioniert noch wie zu Preußens Zeiten

Nun gab es im 19. Jahrhundert bekanntlich keine Talkshows. Dafür hat aber Günther Jauch in seiner letzten Sendung vor der Sommerpause die Chance verpasst, sich mit der Basisinnovation des 21. Jahrhunderts namens Internet zu beschäftigen. Und wie die Geheimdienste und das Militär den Blick darauf verändern – und es auf ihre Bedürfnisse hin zurechtstutzen. Dafür beschäftigte sich Jauch unter dem Titel „Die Schlagloch-Republik - geht Deutschland kaputt?“ mit der Instandhaltungsproblematik der Infrastrukturprojekte des 19. und 20. Jahrhunderts: Straßen und Schienen. Nun gibt es für eine solche Sendung gute Gründe. Einstweilen findet das Leben schließlich (noch) außerhalb des Netzes statt. So hatte das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) kürzlich in einer Studie den jährlichen Investitionsbedarf für den Erhalt der heutigen deutschen Infrastruktur mit 75 Milliarden Euro berechnet. Der Präsident des DIW, Marcel Fratzscher, sprach in seinem Blog „berlinoeconomicus“ gar davon, dass das Nettovermögen des Staates seit 1999 von 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf „heute Null“ gesunken sei. Das sind dramatische Zahlen. Kurz gesagt: Deutschland lebt auch im Verkehrssektor von der Substanz, die hierzulande vor allem in den frühen Nachkriegsjahrzehnten aufgebaut worden ist – und investiert zu wenig in deren Erhalt.

Wo der Rechtsstaat noch funktioniert

Das Ziel der Sendung war es offenkundig, den Zuschauern diesen Sachverhalt zu vermitteln. Nun kann man ja noch verstehen, wenn man das am bewährten Bild der „Schlaglöcher“ in unseren Straßen vermitteln will. Die kennt bekanntlich jeder. Aber ist es dann wirklich nötig, die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Bärbel Höhn, auf ihrer Fahrradfahrt durch Berlin bis 30 (Schlaglöcher) zählen zu lassen? Welchen Sinn hat es eigentlich, den Sportreporter Werner Hansch von seinen automobilistischen Erfahrungen im Ruhrgebiet („45.000 Kilometer zwischen Dortmund und Duisburg auf der A 40 und der A 42“) berichten zu lassen? Es gibt zum Glück keine Talkshow-Kritiker bei der NSA. So funktioniert wenigstens noch in dieser Hinsicht der Rechtsstaat. Ansonsten hätte die NSA das Navigationsgerät von Hansch so manipuliert, dass er nicht im Gasometer in Berlin-Schöneberg angekommen wäre, sondern immer noch im Ruhrgebiet zwischen der A2 und der A 40 kreiste. So käme er auch ohne Probleme auf 45.000 km automobiler Jahresleistung.

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