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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Eine Schweinerei – und eine arme Sau

Wer ist verantwortlich, wenn es wieder „Lohnsklaven und Menschenschinder“ gibt? Bei Günther Jauch nahm man das System der Schlachthöfe unter die Lupe, in dem Wettbewerbsfähigkeit offenbar nur mit Korruption und Einschüchterung erkauft werden kann.

© AP Vergrößern Herrscht in den Schlachthöfen ein System der Ausbeutung?

In einem Interview mit dem „Focus“ hat der frühere Radprofi Jan Ullrich seine Besuche beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes zugegeben - und mit einer interessanten Begründung zu legitimieren versucht. Er habe „Chancengleichheit herstellen“ wollen. Diese Aussage ist überall auf Empörung gestoßen. Ob bei den führenden Sportfunktionären im „Deutschen Olympischen Sportbund“ oder im IOC, ob beim „Bund deutscher Radfahrer“ oder in der Politik. Von den journalistischen Kommentaren ganz abgesehen. Jeder empfindet diese Aussage Ulrichs als Verhöhnung der Öffentlichkeit und kläglichen Versuch der Rechtfertigung.

Nur stellte niemand zwei einfache Fragen: Wie kann man in einem so korrupten und kriminellen Umfeld wie dem Radsport Chancengleichheit herstellen, ohne selber korrupt und kriminell zu werden? Und wie konnte der Radsport so korrupt und kriminell werden, ohne dass diese so wortgewaltigen Sportfunktionäre, Sportpolitiker, Journalisten und Sponsoren aus der Wirtschaft etwas davon mitbekommen haben? Ist wirklich Jan Ullrich das Problem?

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Gefühl des Ausgeliefertseins

„Lohnsklaven und Menschenschinder - verkommen wir zum Billiglohn-Land?“, so hieß nun gestern Abend Günther Jauchs Thema, ohne Jan Ullrich. Der Anlass für die Sendung war vielmehr eine Reportage, die am Montagabend um 22:45 Uhr unter dem Titel „Lohnsklaven in Deutschland – miese Jobs für billiges Fleisch“ in der ARD gesendet wird. Der Journalist Michael Nieberg dokumentiert die Arbeits- und Lebensbedingungen osteuropäischer Arbeiter in deutschen Schlachthöfen. Allein dass sich Jauch gestern Abend mit diesem Thema schon vor der Ausstrahlung beschäftigt, zeigt wie die ARD-Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ das gesellschaftspolitische Klima verändert hat.

Im Februar  war die öffentliche Debatte, die „Ausgeliefert“ auslösen sollte, nicht vorherzusehen gewesen. Es ging dabei vor allem um das Image von Amazon als angeblich modernem Unternehmen im Onlinegeschäft, was allerdings mit den Arbeitsbedingungen nichts zu tun hatte. Viele Amazon-Kunden erlebten einen Prozess der Desillusionierung. Mittlerweile wird in zwei Amazon-Vertriebszentren für die Durchsetzung eines neuen Tarifvertrages gestreikt. Für dessen Legitimation findet man in „Ausgeliefert“ gute Argumente. Solche monatelangen Arbeitskämpfe scheitern zumeist, wenn die Öffentlichkeit das Anliegen der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft nicht versteht.

Gerade in Sektoren mit schwachen gewerkschaftlichen Organisationsgrad müssen die betroffenen Arbeitnehmer erst ein Bewusstsein der guten Gründe entwickeln, mit denen man sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, um mit scheinbar übermächtigen Konzernen wie Amazon auf Augenhöhe verhandeln zu können. Letzteres nennt sich dann Sozialpartnerschaft. Dafür muss das Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins überwunden werden. Insoweit ist es fraglich, ob Verdi ohne „Ausgeliefert“ diesen Streik überhaupt gewagt hätte. 

Grauzone zwischen legaler Beschäftigung und kriminellen Netzwerken

Mit seinem Gast Diana Löbl, eine der beiden Autoren der Amazon-Reportage, versuchte Jauch diesen Zusammenhang herzustellen, auch wenn der Streik dabei kaum eine Rolle spielte. Aber Löbls Einladung ermöglichte dem Zuschauer eine wichtige Erkenntnis: Dass in der Reportage am Montagabend eine gesellschaftliche Struktur zur Sprache kommen wird. Die Verhältnisse bei Amazon und in den deutschen Schlachthöfen beruhen auf den gleichen Prinzipien: Einschüchterung und Willkür. Das Ziel ist die Herstellung einer Machtasymmetrie zwischen Unternehmen und Beschäftigten, bei der sich Letztere in einem Zustand völliger Rechtlosigkeit fühlen und nur noch als Objekt wahrnehmen können. Dabei scheuen die Unternehmen das Licht der Öffentlichkeit.

Die Isolierung der osteuropäischen Arbeiter von der Außenwelt in ehemaligen Kasernen oder heruntergekommen Wohnanlagen hat im Fall des Schlachthofpersonals nicht nur pragmatische Gründe, nämlich mit möglichst geringen Kosten die Unterkunft und Verköstigung der Arbeiter sicherzustellen. Es gilt auch, den Skandal vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Monsignore Peter Kossen vom Bischöflichen Offizial Vechta sprach von „Sklavenarbeit“ in Südoldenburg, und lüftete damit erst den Schleier der Ahnungslosigkeit in dieser Region. Die für Schlachthöfe zuständige Gewerkschaft „Nahrung, Genuss, Gaststätten“ (NGG) hatte diese Verhältnisse übrigens schon vor Jahren kritisiert, allerdings ohne größere Resonanz.

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Veröffentlicht: 24.06.2013, 06:58 Uhr

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Von Sandra Kegel

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