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Veröffentlicht: 11.02.2013, 07:12 Uhr

FAZ.NET Frühkritik: Günther Jauch Die letzte Hoffnung des Katholizismus

Jauch wagte ein Experiment. Er nahm das Thema der letzten Sendung wieder auf. Der katholischen Kirche hat das aber auch nicht geholfen.

von Frank Lübberding
© ZB Christliches Kulturgut: Das Chorhauptfenster der spätgotischen St. Marienkirche in Frankfurt an der Oder

Für einen Soziologen kann die katholische Kirche wie ein Wunder wirken. Es gibt keine Institution mit einer vergleichbaren Geschichte, die über fast 2.000 Jahre die eigene Existenz bewahrt hat. An ihrer moralischen Unfehlbarkeit lag das offenbar nicht. Über die Jahrhunderte hat es kein Delikt des Strafgesetzbuches und mit Sicherheit keine Sünde auf Erden gegeben, die nicht auch innerhalb der Katholischen Kirche nachzuweisen wäre. Ihr ihre moralischen Verfehlungen vorzuwerfen, ist daher eine leichte Übung und hat selten so viel Erfolg gehabt wie in Gestalt eines Martin Luther, mit dem sich vor fast 500 Jahren die Protestanten formierten und abspalteten - und selbst das hat die katholische Kirche überlebt. Nun hätte ein Martin Luther mit seiner deutlichen Ansprache heute in Talkshows sicherlich ein Kommunikationsproblem. Er wäre der Schrecken aller PR-Berater. Schließlich sorgt schon ein Martin Lohmann, katholischer Hardliner und Chefredakteur eines katholischen Fernsehsenders ohne Zuschauer, für Aufregung. So war es vergangene Woche bei Günther Jauch passiert. So bleibt es bei der bloßen Idee, sich einen Luther und einen seiner damaligen jesuitischen Feinde bei Jauch (und seinen Karteikarten) beim Thema „Die Glaubens-Frage: Wie lebensnah ist die Kirche?“ vorzustellen. Die Zuschauer von Günther Jauch mussten sich gestern mit sanfteren Gästen bescheiden.

Ein Herz und eine Seele

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und der Weihbischof der Erzbistums Hamburg, Hans-Jochen Jaschke, waren ein Herz und eine Seele. Die durchaus angedeuteten theologischen Differenzen könnten von den 50 Millionen Angehörigen beider Konfessionen in Deutschland wahrscheinlich ohnehin nur noch ein Prozent benennen. Und das ist schon eine optimistische Schätzung. Einer, der das sicherlich noch kann, ist Oskar Lafontaine. Immerhin hatte der Fraktionsvorsitzender der Linken im Saarländischen Landtag bei der früheren Kaderschmiede der Katholischen Kirche, den Jesuiten, Vorlesungen besucht. Bei Jauch erläuterte er, warum er nie aus der Kirche ausgetreten sei: „Wir leben in einer Gesellschaft mit einem rasanten Werteverfall“, sagte der ehemalige Parteivorsitzende der SPD und der Linken. Daher wolle er Institutionen unterstützen, die diese Werte noch verträten. Für ihn sei das etwa die kirchliche Soziallehre. Zudem empfinde er gegenüber der Katholischen Kirche ein Loyalitätsgefühl, weil sie ihm jene höhere Schulbildung als Voraussetzung für seine spätere Karriere erst ermöglicht habe. Jenseits des biografischen Motivs ist das ein pragmatisches Argument, das gestern auch Moderator Johannes B. Kerner und Sylvia Löhrmann teilten. Die NRW-Kultusministerin ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

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Das pragmatischen Argument, es ist das stärkste gesellschaftliche Argument heute für beide Kirchen. Und das ist ihr Problem. In der Lebenswelt der meisten Deutschen sind die Kirchen heute ansonsten schlicht irrelevant geworden. Wenige lassen sich noch von der Moraltheologie des Papstes ihre Sexualpraxis diktieren. Wenn Weihbischof Jaschke sagte, „Kirchen ohne Menschen“ seien „keine Kirche“ und das könne so nicht weitergehen, dokumentiert er damit nur die Hilflosigkeit gegenüber der Einstellung der eigenen Mitglieder. Viele von ihnen haben sich mental dem Protestantismus angenähert.

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