Home
http://www.faz.net/-gsb-76gj3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.02.2013, 07:12 Uhr

FAZ.NET Frühkritik: Günther Jauch Die letzte Hoffnung des Katholizismus

Jauch wagte ein Experiment. Er nahm das Thema der letzten Sendung wieder auf. Der katholischen Kirche hat das aber auch nicht geholfen.

© ZB Christliches Kulturgut: Das Chorhauptfenster der spätgotischen St. Marienkirche in Frankfurt an der Oder

Für einen Soziologen kann die katholische Kirche wie ein Wunder wirken. Es gibt keine Institution mit einer vergleichbaren Geschichte, die über fast 2.000 Jahre die eigene Existenz bewahrt hat. An ihrer moralischen Unfehlbarkeit lag das offenbar nicht. Über die Jahrhunderte hat es kein Delikt des Strafgesetzbuches und mit Sicherheit keine Sünde auf Erden gegeben, die nicht auch innerhalb der Katholischen Kirche nachzuweisen wäre. Ihr ihre moralischen Verfehlungen vorzuwerfen, ist daher eine leichte Übung und hat selten so viel Erfolg gehabt wie in Gestalt eines Martin Luther, mit dem sich vor fast 500 Jahren die Protestanten formierten und abspalteten - und selbst das hat die katholische Kirche überlebt. Nun hätte ein Martin Luther mit seiner deutlichen Ansprache heute in Talkshows sicherlich ein Kommunikationsproblem. Er wäre der Schrecken aller PR-Berater. Schließlich sorgt schon ein Martin Lohmann, katholischer Hardliner und Chefredakteur eines katholischen Fernsehsenders ohne Zuschauer, für Aufregung. So war es vergangene Woche bei Günther Jauch passiert. So bleibt es bei der bloßen Idee, sich einen Luther und einen seiner damaligen jesuitischen Feinde bei Jauch (und seinen Karteikarten) beim Thema „Die Glaubens-Frage: Wie lebensnah ist die Kirche?“ vorzustellen. Die Zuschauer von Günther Jauch mussten sich gestern mit sanfteren Gästen bescheiden.

Ein Herz und eine Seele

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und der Weihbischof der Erzbistums Hamburg, Hans-Jochen Jaschke, waren ein Herz und eine Seele. Die durchaus angedeuteten theologischen Differenzen könnten von den 50 Millionen Angehörigen beider Konfessionen in Deutschland wahrscheinlich ohnehin nur noch ein Prozent benennen. Und das ist schon eine optimistische Schätzung. Einer, der das sicherlich noch kann, ist Oskar Lafontaine. Immerhin hatte der Fraktionsvorsitzender der Linken im Saarländischen Landtag bei der früheren Kaderschmiede der Katholischen Kirche, den Jesuiten, Vorlesungen besucht. Bei Jauch erläuterte er, warum er nie aus der Kirche ausgetreten sei: „Wir leben in einer Gesellschaft mit einem rasanten Werteverfall“, sagte der ehemalige Parteivorsitzende der SPD und der Linken. Daher wolle er Institutionen unterstützen, die diese Werte noch verträten. Für ihn sei das etwa die kirchliche Soziallehre. Zudem empfinde er gegenüber der Katholischen Kirche ein Loyalitätsgefühl, weil sie ihm jene höhere Schulbildung als Voraussetzung für seine spätere Karriere erst ermöglicht habe. Jenseits des biografischen Motivs ist das ein pragmatisches Argument, das gestern auch Moderator Johannes B. Kerner und Sylvia Löhrmann teilten. Die NRW-Kultusministerin ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Mehr zum Thema

Das pragmatischen Argument, es ist das stärkste gesellschaftliche Argument heute für beide Kirchen. Und das ist ihr Problem. In der Lebenswelt der meisten Deutschen sind die Kirchen heute ansonsten schlicht irrelevant geworden. Wenige lassen sich noch von der Moraltheologie des Papstes ihre Sexualpraxis diktieren. Wenn Weihbischof Jaschke sagte, „Kirchen ohne Menschen“ seien „keine Kirche“ und das könne so nicht weitergehen, dokumentiert er damit nur die Hilflosigkeit gegenüber der Einstellung der eigenen Mitglieder. Viele von ihnen haben sich mental dem Protestantismus angenähert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Anne Will Ist die AfD das Problem der deutschen Flüchtlingspolitik?

Das könnte meinen, wer Kommentare ihrer Spitzenpolitiker auf Facebook liest. Die eigentliche Frage ist allerdings, wie die AfD überhaupt diese Bedeutung bekommen konnte - und warum Bürger das Gefühl haben, nicht mitreden zu können. Mehr Von Frank Lübberding

25.01.2016, 05:38 Uhr | Feuilleton
Norwegen Flüchtlinge auf Eisroute genießen Kirchen-Asyl

Aus Angst vor der Zurückweisung nach Russland flohen zwei syrische Männer und eine Frau aus einem norwegischen Flüchtlingscamp in eine kleine Gemeindekirche in der Ortschaft Kirkenes. Mehr

26.01.2016, 11:58 Uhr | Politik
Konservative Christen Die Radikalen

Konservative Katholiken und Evangelikale haben endlich eine politische Kraft gefunden, die zu ihnen passt: die AfD. Sie machen Stimmung gegen Flüchtlinge und den Papst. Die neuen Helden heißen Putin und Orbán. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Liane Bednarz

01.02.2016, 11:07 Uhr | Politik
Frankreich Getöteter Abaaoud steckte offenbar hinter weiteren Anschlägen

Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge in Paris, Abdelhamid Abaaoud, war offenbar auch in weitere Anschläge verwickelt. So sei der Belgier auch für das geplante Attentat auf zwei Kirchen im Süden von Paris verantwortlich, sagte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve. Mehr

25.01.2016, 07:39 Uhr | Politik
Rohani in Rom Geld und Glauben

Italien hofft in Iran auf Milliardenumsätze, der Papst auf Dialog mit dem Islam. Präsident Rohani wird zu Beginn seiner Europareise in Rom mit offenen Armen empfangen. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

26.01.2016, 20:25 Uhr | Politik
Glosse

Köln verspielt sein Potential

Von Andreas Rossmann

Eine historische Stadt wird zur Beute der Events, der Wildpinkler und Vergnügungssucht. Dass ausgerechnet Köln zum Paradefall für den Verlust an Urbanität geworden ist, entbehrt nicht tragischer Ironie. Ein Kommentar. Mehr 434