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FAZ.NET-Frühkritik Günter Jauch: Familienidyll

Der Kölner Kardinal Meisner fordert, dass Frauen daheim bleiben und mindestens drei Kinder bekommen sollen. Daraus wollte Jauch eine Debatte machen. Herausgekommen ist ein freundlicher Plausch, vor allem mit Manuela Schwesig.

© dpa Vergrößern Keine Kontroverse, sondern nur einen Sturm im Wasserglas entfacht hat der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, mit seiner Forderung nach mehr Hausfrauenarbeit - jedenfalls in Günter Jauchs Talkshow vom Sonntagabend.

Es gibt ein paar Themen, die eigentlich jede Familienfeier sprengen und jede Talkshow in Schwung bringen, wenn man sich nur ein bisschen Mühe gibt. Die katholische Kirche gehört dazu und die Familienpolitik, und wenn die katholische Kirche sich zur Familienpolitik äußert – umso besser. Deshalb war eigentlich schon vor zehn Tagen abzusehen, welchen Pawlowschen Medienreflex der Kölner Kardinal Meisner auslösen würde, als er sagte: Die Politik solle Frauen ermutigen, daheim zu bleiben und drei oder vier Kinder zu bekommen, statt arbeiten zu gehen.

Ein Aufreger, der keiner ist

Ursula Scheer Folgen:  

„Auslaufmodell Hausfrau – Wie funktioniert Familie heute?“, wollte Günter Jauch am Sonntagabend wissen und fragte gleich weiter: „Ist das noch Stoff für eine Grundsatzdebatte?“ War es nicht. Mit den Gästen, die im Berliner Gasometer in der Runde saßen, reichte es kaum für eine Stunde freundlicher Plauderei, da mochte der Einspieler mit Meisner noch so den „Sturm der Entrüstung“ und die „Kontroverse“ herbeireden, die der Kirchenmann provoziert haben soll. Statt zu debattieren, reichten die Diskussionsteilnehmer verbale Kuchenstücke weiter, allen voran die SPD-Politikern Manuela Schwesig.

Die Landesministerin für Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern war gerade von Peer Steinbrück für das Themenfeld Frauen und Familie in sein Kompetenzteam berufen worden und wollte bei Jauch vor allem maximale Harmonie verbreiten. Mit feinem Lächeln betete sie das Mantra vom flächendeckenden Ausbau von Ganztagskitas und Ganztagsschulen und der Wahlfreiheit herunter, die das Familien schaffe. „Politik muss alle Familienformen unterstützen“, sagte Manuela Schwesig.

Leitbild vollzeitnah arbeitender Mütter

Aber das Leitbild der SPD sei doch schon, dass alle Frauen „vollzeitnah“ arbeiten sollten, wollte Jauch da wissen, also 30 bis 40 Stunden in der Woche? So könne man das nicht sagen, erwiderte Manuela Schwesig, und führte die alleinerziehende Schlecker-Frau ins Feld, die nur Minijobs angeboten bekomme. Um solche Frauen gehe es, die müssten die Chance auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bekommen. Genauso schnell abgehakt war die Tatsache, dass 200 Milliarden Euro Familienförderung im Jahr nicht dazu führen, dass die Geburtenrate steigen würde. Familienpolitik sei nicht dazu da, dass Frauen mehr Kinder in die Welt setzten, sondern dazu, die Kinder, die es gebe, gut zu versorgen. Und schon war man wieder bei Kitas und Ganztagsschulen angekommen, aber eine Schuldebatte wollte Jauch nicht führen, also endete auch dieser Gesprächsfaden im Nichts.

Dem Kalkül der Gästeliste nach wäre Manuela Schwesigs natürlicher Kontrahent wohl Johannes Kippenberg gewesen. Der Starnberger Jurist hatte vor einem Jahr schon im SWR-„Nachtcafé“ erzählt, warum seine Frau sich als Hausfrau um die vier gemeinsamen Kinder kümmere, und gefordert, Familien steuerlich zu entlasten. Damals hatte er auch noch gesagt, in Krippen lägen Kinder ja nur in ihren Windeln herum – inzwischen findet Kippenberg Krippen prima, und will, dass Frauen nach der Babypause leichter in den Beruf zurückkehren können. Nach einem Jahr habe man ja nicht viel verlernt. Seine Frau, eine ausgebildete Lehrerin, schreibe übrigens nebenbei pädagogische Fachartikel.

Weil selbst der Bayer als Verfechter der reinen Hausfrauenlehre ausfiel, blieb nur die Vorsitzende des von ihr mitgegründeten Verbands kinderreicher Familien, Elisabeth Müller. Die promovierte Pharmazeutin hat für ihre sechs Kinder den Beruf an den Nagel gehängt – man hätte gerne erfahren: Wie viel verdient eigentlich ihr Mann? Sie pochte ebenfalls auf höhere Kinderfreibeträge und eine angemessene Rente für nicht berufstätige Mütter. Manuela Schwesig lächelte das alles weg, aber das fiel nicht weiter auf. Elisabeth Müllers Glaubwürdigkeit hatte ohnehin schon gelitten, weil sie eingangs erzählt hatte, ihr neunjähriger Sohn sei in Tränen ausgebrochen, als die Familie im Schwimmbad zwei Familienkarten habe lösen müssen.

Und immer wieder: das Geld

Was blieb zu bereden? Ach ja, noch einmal das Geld. Dieses Mal nicht als Westentaschendrama um den Eintritt fürs Schwimmbad. Der nächste Einspieler stellte eine junge Berlinerin vor, die ihr Kind abgetrieben hatte – aus Angst, in Hartz IV zu rutschen. Dass befristete Arbeitsverträge nicht gerade Mut machen, eine Familie zu gründen, war ja allen klar, Frau Schwesig brachte schnell Mindestlohn und Kindergeld, kostenfreie Bildung und mehr Geld für Kinderwunsch-Therapien ins Spiel. Das gefiel und wurde beklatscht, aber irgendwie war schon längst klar, dass diese Gesprächsrunde auf keinen grünen Zweig mehr kommen würde.

Denn außer, dass noch mal alle staatlichen Fördermittel aufgezählt worden waren und zig mal wiederholt worden war, die Wirtschaft müsse die Arbeitswelt familienfreundlicher gestalten, war die Runde keinen Schritt weiter. Und der Frage, warum es eigentlich vielen so schwer fällt, eine Familie zu gründen, war man auch nicht näher gekommen. Dass es nicht nur mit der Politik zu tun haben könnte, gaben wenigstens die beiden anderen medialen Powerfrauen und Supermütter zu bedenken. Die Spitzenköchin Cornelia Poletto, alleinerziehende Mutter einer Tochter, sagte, Familienzusammenhalt spiele schon eine Rolle – und sich etwas zu trauen. Und die frühere „Superhausfrau“ und heutige „Servicezeit“-Moderatorin Yvonne Willicks, die drei fast erwachsene Kinder hat, sprach die hässliche Wahrheit aus, dass Kinder eben auch Verzicht bedeuten.

Irgendwie hätte man sich das alles gerne erspart. Die schwangere Frau aus dem Publikum, die Günter Jauch zum Schluss befragte, sagte, sie habe einfach nicht so viel nachgedacht. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Lösung, jedenfalls an einem Sonntagabend.

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Quelle: FAZ.NET

 
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