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FAZ.NET-Frühkritik: Frank Plasberg Talk-Shows als Narkotikum

Politiker werden in Talkshows immer öfter zu Analytikern des eigenen Berufsstand gemacht. Diese Operation kann nicht gelingen. „Hart aber fair“ war dafür gestern Abend ein gutes Beispiel.

© dapd Vergrößern Frank Plasberg

Irgendwo in Deutschland. In einem Krankenhaus trifft sich ein Ärzteteam am Bett des Patienten. Es handelt sich um einen bekannten deutschen Talkmaster, dessen Namen wir aus Diskretionsgründen verschweigen. Es beginnt das Gespräch mit den Medizinern. Der Patient fragt sie nach den Voraussetzungen, um gute Ärzte zu werden. Wie gewinnen sie Vertrauen? Was müssen sie eigentlich machen, um erfolgreich zu operieren?

Die Ärzte werden dem Patienten nur Gutes über ihren Berufsstand erzählen. Sie sind immer auf den neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis, haben nur das Wohl des Patienten im Auge und sind daher optimistisch für jede bevorstehende Operation. Der Talkmaster fällt, schon leicht narkotisiert von den vielen Worten, in den Tiefschlaf. Über das, was die Ärzte in seiner Operation tun werden, wird mit keinem Wort gesprochen.

Politiker als Analytiker ihres eigenen Berufsstands

Natürlich wird es auch Frank Plasberg nicht interessieren, warum der Arzt etwas als Arzt tut, sondern was er konkret mit ihm machen wird. In der Politik gilt das in gleicher Weise. Der Wähler interessiert sich für das, was Politiker in ihrer Funktion beschließen werden. Ob zur Europapolitik, dem Betreuungsgeld, Mindestlöhnen oder eines der vielen anderen Themen, die jeden Tag diskutiert werden. Dann kann er sich ein Urteil bilden und eine Wahlentscheidung treffen. Wie sie das machen, interessiert ihn zwar auch, aber in der Beziehung kann er vom Arzt oder Politiker nur eine Antwort erwarten: Beide werden ihm mit treuherzigem Augenaufschlag versichern, dass man ihnen uneingeschränkt vertrauen könne.

Eine banale Erkenntnis. Nur warum werden dann Politiker in Talk-Shows immer öfter zu Analytikern des eigenen Berufsstand gemacht? „Hart aber fair“ war dafür gestern Abend ein gutes Beispiel. „Chaostruppe FDP - Steinbrücks beste Wahlhelfer?“, so hieß das Thema. Darüber kann man sicherlich reden, aber wirklich mit den eingeladenen Gästen? Außer dem TV-Moderator und Kolumnisten des Monatsmagazins „Cicero“, Wulf Schmiese, waren vier Politiker eingeladen worden. So erfuhren wir, dass die FDP und ihr Vorsitzender Philipp Rösler toll sind, der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und seine SPD ebenfalls, die Grünen sowieso und die Bundeskanzlerin mit ihrer CDU ist bekanntlich unübertroffen.

Dass die jeweiligen Damen und Herren über ihre politischen Rivalen nicht dieser Meinung waren, überrascht auch nicht wirklich. Politiker, Ärzte (und auch alle anderen Berufsgruppen) können in solchen Konstellationen unmöglich aus ihrem Rollenverständnis ausbrechen: Der leiseste Zweifel an der eigenen Kompetenz erzeugte beim Patienten (oder Wähler) Misstrauen. Er lässt sich dann weder operieren, noch wählt er die entsprechende Partei. Deshalb wird ein Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kieler Landtag, seinen Bundesvorsitzenden Philipp Rösler loben, selbst wenn er ihn für einen politischen Laiendarsteller halten sollte. Und der Fraktionsgeschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, jede Tolpatschigkeit seines Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in die Charakterfestigkeit eines Mannes mit „Ecken und Kanten“ umdeuten müssen. Der Einzige, der das nicht muss, ist ein Nicht-Politiker als Gast. Der steht aber, wie gestern Abend Schmiese, alleine auf verlorenem Posten.

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