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FAZ.NET-Frühkritik: „die debatte“ „Wer trägt die Verantwortung?“

ZDF-Moderator Theo Koll versucht ein neues Talk-Format. Es geht nur um die Sache. Dieser lobenswerte Ansatz stößt aber durchaus an seine Grenzen.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Thematisch ist Moderator Theo Koll in der Politik zu Hause. Nun muss er seine Gäste nur noch dazu bringen, auch sachlich zu debattieren.

Bisweilen werden die interessantesten Debattenbeiträge als Frage formuliert: „Wer trägt eigentlich die Verantwortung?“. Sie stellte Wolfgang Gründinger, Sprecher der „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“. In dieser einen Frage kommt zum Ausdruck, was gestern in einem an sich guten neuen ZDF-Format nicht funktionierte. Es ist zugleich die Antwort auf das Mysterium, warum dieser Wahlkampf eigentlich so trist ist, wie er ist.

Moment der Leidenschaft

„die debatte“ ist in der gerade beginnenden Endphase des Wahlkampfes ein mutiges Projekt. So wird auf jene parteipolitische Ausgewogenheit bei der Gästeauswahl verzichtet, die früher der heilige Gral öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten gewesen ist. Wo in den Parteizentralen die Sekretäre mit der Stoppuhr vor dem Fernseher saßen, damit der eigene Mann bloß genauso viel Redezeit zugewiesen bekam, wie die Konkurrenz. Gestern waren neben dem Sozialdemokraten Gründinger noch der ehemalige SPD-Ministerpräsident Kurt Beck, die Bundesgeschäftsführerin der Piraten, Katharina Nocun, und der große alte Mann der CDU, Heiner Geißler, zu Gast. Ausgewogen war das nicht. Zudem macht die Beschränkung auf vier Gäste Sinn. Sie bekommen in den knapp 60 Minuten die Chance auszureden und ihre Argumente zu entwickeln. Das unterstützte auch das Konzept mit der starren Festlegung von Redezeiten und die gute Diskussionsführung des Moderators Theo Koll. Der ehemalige Londoner ZDF-Korrespondent konnte sich nach Ende der Sendung an jene britische Institution der Diskussionsclubs erinnert fühlen. Dort lernt man allerdings nicht, eine eigene Meinung zu haben, sondern wie man irgendeine Meinung begründen kann. In der deutschen kulturellen Tradition, mit ihrem Rigorismus und Überzeugungseifer, hatte das zwar immer schon den Beigeschmack des Opportunismus. Davon konnte aber gestern nicht die Rede sein. Der Zuschauer hörte viele gute Argumente, in einem sachlichen Tonfall vorgetragen, wo Beck für den einzigen Moment der Leidenschaft verantwortlich war. Er warf Frau Nocum Wahlwerbung für die Piraten vor. Das hatte aber wohl weniger mit der Piratin zu tun, die nun wirklich im Vergleich zu ihrem Vorgänger im Amt des Geschäftsführers ein Muster an Seriosität und Kompetenz ist. Eher mit Becks biographischer Prägung aus einer früheren ZDF Talk-Show, wo ihn ein anderer Pirat mit den Themen „Nürburgring“ und „Schlecker-Frauen“ malträtiert hatte. So hatte die Sendung alles, was sich der Kritiker so wünscht. Es fehlte nur eins: Die Debatte.

„Wir haben Geld wie Dreck.“

Das Thema der Sendung lautete nämlich: „Die Alten leben auf Kosten der Jungen“. Es ging um die Rentenversicherung, den Generationenvertrag oder die Staatsverschuldung; jenem Steckenpferd der Deutschen, mit dem sie meinen, geradewegs in den Untergang des bankrotten Staates zu reiten. Der provokativ gemeinten These stimmte zu Beginn die Mehrheit des Studiopublikums zu.  Am Ende hatte sich die Stimmung gedreht und die Mehrheit befand sich auf der Contra-Seite. Das war allerdings nicht dem Wunder ausgefeilter Argumentationskunst geschuldet. Die beiden Pro-Anwälte aus der jungen Generation, Frau Nocun und Gründinger, vertraten diese These gar nicht. Sie betrachteten den viel beschworenen Generationenkonflikt als ein vorgeschobenes Argument. Beide teilten die Annahme der Contra-Anwälte Geißler und Beck: diese These entstamme in Wirklichkeit der herrschenden neoliberalen Ideologie der vergangenen 30 Jahre. Deren Credo hieß bekanntlich Privatisierung und Deregulierung, sowie der Rückbau des Staates. Die Folge wäre eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche gewesen. Geißler brachte das in seinem Schlusswort prägnant zum Ausdruck: „Wir haben Geld wie Dreck. Es ist nur in den falschen Händen.“ Frau Nocun forderte daher - sicherlich nicht nur für ihre Partei - einen neuen „Gesellschaftsvertrag“, anstatt einer Umverteilung zwischen den Generationen das Wort zu reden. Gründingers Position unterschied sich zwar davon, aber wirklich nur in Nuancen. In den klassischen Diskussionsclubs ist die größte Herausforderung übrigens nicht gegen, sondern für die Todesstrafe zu sein. Das nur als Hinweis. Ein echter (und nicht weichgespülter) Neoliberaler hätte sich in dieser Debatte wahrscheinlich in einer vergleichbaren Position befunden.

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