Home
http://www.faz.net/-hon-748ra
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

FAZ.NET-Frühkritik Brauchen wir die Nutella-Steuer?

Zu Gast bei „Beckmann“ waren entschlossene Kritiker der Ernährungsindustrie – und ein Sechzehnjähriger, der vierzig Kilo abgenommen hat. Die Mischung machte ein lange vernachlässigtes Thema in seiner Brisanz verständlich.

© dpa Vergrößern Übergewicht, Zuckersucht und Diabetes sind ein bedeutendes globales Problem

Während sich Sandra Maischberger in dieser Woche ausführlich mit den amerikanischen Wahlen und Frank Plasberg mit Chinas Wirtschaft befasste, ging es bei Reinhold Beckmann am späten Donnerstagabend um ein nicht minder bedeutendes globales Phänomen. Es wird die Gesellschaften der Welt nicht weniger prägen als politische Umwälzungen, als wirtschaftlicher Aufstieg und Fall, es wird die Kluft zwischen den Schichten vergrößern und dafür sorgen, dass der demographische Wandel noch schwerer aufzufangen ist als ohnehin schon.

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Die Rede ist von einer Volkskrankheit, die schleichend große Gruppen der Bevölkerung erfasst, immer jüngere Menschen, die ihr Gebrechen oftmals lange Zeit überhaupt nicht bemerken. Die Rede ist von Übergewicht, Zuckersucht und der gravierendsten der Folgen: Diabetes. Moderator Beckmann begrüßte die Zuschauer, während er hinter einem Berg aus Zuckerwürfeln hervortrat: 35 Kilogramm Zucker hatte man im Studio aufgehäuft, so viel verzehrt jeder Deutsche im Jahr. Im vorletzten Jahrhundert waren es noch drei Kilogramm.

Mehr zum Thema

Warum ein solches Thema? Die Frage ist zum einen überflüssig, denn es gibt kaum ein Thema, das weniger eines Termins bedarf - so drängend und so vernachlässigt zugleich ist es. Zum anderen liegt gegenwärtig, blickt man auf den Alltag und sieht von politischen Debatten ab, kaum ein Thema näher: Es ist schon jetzt bei keinem Lebensmitteleinkauf mehr möglich, die Zuckerschlacht, die sich für die Adventszeit abzeichnet, zu ignorieren, so hoch türmen sich Schokoladenkalender und Nikoläuse, Weihnachtspralinen und Zimtgebäck in den Supermärkten.

Reinhold Beckmanns Talkrunde war als großer Rundumschlag angelegt. Innerhalb einer guten Stunde das Thema Zuckerverzehr mit medizinischen Details zum Diabetes und Kritik an der Lebensmittelindustrie zu verquicken ist eine Herausforderung – doch am Donnerstagabend gelang das Unterfangen, ohne dass die Sendung überfrachtet wirkte. Die Diskussion der fünf Gäste, die sich dem Thema von ganz verschiedenen Standpunkten näherten, blieb bis zum Ende ruhig und sachlich, auch Exkurse und ein Abschweifen waren erlaubt, was dem Verständnis der komplexen Problematik aber nicht schadete, sondern vielmehr immer neue Facetten aufdeckte.

35 Kilogramm Zucker verzehrt jeder Deutsche im Jahr © dapd Vergrößern 35 Kilogramm Zucker verzehrt jeder Deutsche im Jahr

Sieben Millionen Deutsche leiden schon an Diabetes, die Dunkelziffer liegt auch bei einigen Millionen. 48 Milliarden Euro Kosten entstehen jährlich für das Gesundheitssystem. Das sind die Folgen für die Gesellschaft, doch am Donnerstag ging es vor allem um die Folgen für den einzelnen. Aus diesem Grund war Lukas Schmidt eingeladen, ein 16 Jahre alter Berliner Schüler, der in einem Reha-Zentrum von 160 auf 122 Kilogramm abnahm und damit auch zunächst den Diabetes eindämmen konnte, den er aufgrund jahrelanger Adipositas und ständigem Verzehr von Süßigkeiten entwickelt hatte.

„Die Küche ist relativ klein, das Geld ist knapp“, begründete der Junge lapidar, wie es dazu kam, dass er fast nur noch zu Süßigkeiten und Softdrinks griff. In der Schule sei Kochen nur als Wahlfach, nicht als Pflichtfach angeboten worden; es habe dort einen Kiosk gegeben, in dem Mars- und Bounty-Riegel verkauft wurden. In diesen wenigen Worten wurde deutlich, wie massiv das Versagen der Gesellschaft ist, aber wie stark auch die schon jetzt existierenden Probleme ausgeblendet werden.

Global betrachtet, tut sich zwar etwas: In der Schweiz zum Beispiel soll der Bundesrat künftig Werbung für Chips und Süßigkeiten einschränken können, wenn die Spots oder Anzeigen gezielt Heranwachsende ansprechen. Und in Frankreich, flocht Beckmann ein, gebe es schon eine Cola-Steuer; bald soll vielleicht eine Nutella-Steuer hinzukommen.

Bei Reinhold Beckmann wurde nicht über die Wahl in Amerika diskutiert © NDR/Morris Mac Matzen Vergrößern Bei Reinhold Beckmann wurde nicht über die Wahl in Amerika diskutiert

Der Eindruck allerdings, dass man in Deutschland den Kopf in den Sand steckt und in aller Seelenruhe Fußballidole Fernsehwerbung für Nuss-Nugat-Brotaufstrich machen lässt, täuscht nicht: Hierzulande hat die Süßigkeitenindustrie noch immer relativ freie Bahn. Die Journalistin Tanja Busse, Autorin des Buches „Die Ernährungsdiktatur“, war in der Sendung dafür zuständig, immer wieder Verbote von politischer Seite zu fordern. Ebenso wie Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben und Diabetiker seit seinem 18. Lebensjahr, der auch darauf pochte, dass Schokolade gezielt durch eine Steuer verteuert werden müsste. Koste sie nur ein paar Cent, lasse sich niemand abhalten – da waren sich die Gäste einig.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Konsequenzen für Arbeitsplatz Was tun mit Diabetikern?

Zuckerkranke können manche schwere Arbeiten nicht mehr machen. Wie der Arbeitgeber den Erkrankten helfen kann, und wie die Politik, haben nun Experten diskutiert. Mehr Von Jan Schulte, Frankfurt

21.09.2014, 15:03 Uhr | Rhein-Main
Google testet selbstfahrende Autos

Ohne Steuer und ohne Gaspedal sollen die Wagen mit Hilfe von Videokameras und Radarsensoren durch den Verkehr navigieren. Die Autobranche verspricht sich viel von der Technologie. Mehr

29.05.2014, 09:59 Uhr | Wirtschaft
Reinhold Beckmann im Gespräch Ich bin raus und gebe keine Ratschläge mehr

624 Ausgaben, rund 2000 Gäste - alle, die Rang und Namen haben, waren bei ihm zu Gast. Heute läuft seine Talkshow Beckmann zum letzten Mal. Ist es ein Abschied im Groll? Und was kommt dann? Mehr

23.09.2014, 17:23 Uhr | Feuilleton
Frauen kämpfen um ihre Rechte

Am 30. April wird im Irak ein neues Parlament gewählt. Ein wichtiges Thema im Wahlkampf sind die Rechte der Frauen. Seit dem Ende der Herrschaft von Saddam Hussein hat sich ihre Lage nicht verbessert. Mehr

22.04.2014, 23:30 Uhr | Politik
TV-Kritik: Reinhold Beckmann Zum Abschied eine Frage

In seiner letzten Sendung widmete sich Reinhold Beckmann der Flüchtlingspolitik. Man kann darüber polemisieren – oder wie bei Beckmann über Menschen reden. Mehr Von Frank Lübberding

26.09.2014, 04:50 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2012, 07:22 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1