Home
http://www.faz.net/-hon-75twc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: „Beckmann“ Worüber lässt sich noch sprechen?

Jahrelang wurde Pola Kinski von ihrem Vater missbraucht. Im Fernsehen erzählt sie, worüber sie ein Buch geschrieben hat. Und warum sie das erst jetzt tun konnte.

© dpa Vergrößern „Eine Heldin, die sich von der Last der Vergangenheit befreit hat“: Nastassja Kinski über ihre Schwester Pola, die vom Vater jahrelang missbraucht wurde

Je schwieriger die Fragen sind, desto quälender werden die Talkshows. Nun ist am Fall Kinski einerseits nichts besonders schwierig. Es gibt eigentlich nichts zu diskutieren. Niemand stellt in Frage, dass Pola Kinski von ihrem Vater missbraucht wurde, und das vierzehn Jahre lang, wie sie es in ihrem erschütternden Buch „Kindermund“ darstellt. Niemand, der sich öffentlich äußert, hält das für ein Kavaliersdelikt. Und auf die Frage, ob Klaus Kinski ein großer Schauspieler war oder nicht, gibt der Fall auch keine Antwort.

Verena Lueken Folgen:    

Andererseits ist der Fall Kinski entsetzlich schwierig – für die Tochter, die dieses Buch geschrieben hat. Worüber lässt sich also öffentlich noch sprechen, wenn Pola Kinski bei Beckmann am Tisch sitzt, neben ihr Andreas Huckele, ehemaliger Odenwaldschüler und ebenfalls Opfer sexueller Gewalt, gegenüber Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens, dem die Bischofskonferenz dieser Tage den Forschungsauftrag zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche entzogen hat, und neben diesem dann noch Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz?

„Verstehen Sie das?“

Gut, dass auch noch Ursula Enders vom Opferverein Zartbitter mit am Tisch saß – ihr kam manchmal die Rolle zu, gleichsam zu beglaubigen, was Pola Kinski von dem Prozess, der zum Schreiben dieses Buchs führte, erzählte. Denn warum sie erst jetzt mit der Sache herausrückt, das wollte Beckmann natürlich als erstes wissen. Weil sie es jetzt erst konnte, sagte Pola Kinski. „Verstehen Sie das?“, fragte Beckmann dann Frau Enders, und diese beeilte sich, Frau Kinski beizuspringen.

Pola Kinski sprach klar, ohne Schablonen, und doch hätte man ihr gewünscht, sie säße da nicht, müsste nicht einen Einspieler sehen, in dem ihr Vater seinerseits in einer Talkshow über Sex mit Kindern spricht, abmoderiert von Beckmann mit einem Halbsatz über den „schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn“, müsste nicht das kleinliche Geplänkel zwischen Pfeiffer und Langendörfer über geschredderte oder nicht geschredderte Akten und wie wichtig sie für die Aufklärung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gewesen wären, mit anhören, und überhaupt nicht befragt werden zu ihrer Geschichte, die sie doch so, wie sie darüber sprechen will, aufgeschrieben hat.

Pola Kinski bei Beckmann © dpa Vergrößern Pola Kinski am Donnerstag zu Gast bei Moderator Reinhold Beckmann

Das Problem mit dieser Sendung war, dass sie eigentlich kein Thema hatte. Missbrauch in der Familie, das wäre ein Thema gewesen, mit anderen Gästen. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche und die Schwierigkeiten dabei ein anderes. Die Odenwaldschule ein weiteres. Doch jenseits der Gewalt, der die Opfer ausgesetzt waren, gibt es keine Verbindungen zwischen diesen Fällen. Die Erzählungen von Traumatisierung, die Erinnerungen an Versehrungen, sie verkommen in diesem ungenauen Setting zu grausamen Anekdoten. Wie wäre es mal mit gar keiner Talkshow, solange es nur eine indiskrete Neugierde gibt, aber keine wirklichen Fragen?

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Flüchtlingspolitik Bischöfe halten an Kirchenasyl fest

Die Deutsche Bischofskonferenz hält trotz der Beschwerden von Innenminister de Maizière am Kirchenasyl fest. Immerhin scheint es aber eine Plattform für eine mögliche Einigung zu geben. Mehr

25.02.2015, 15:08 Uhr | Politik
Philippinen Hunderttausende bejubeln Papst Franziskus

Am zweiten Tag seiner einwöchigen Reise gibt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche volksnah und humorvoll. Mehr

17.01.2015, 10:01 Uhr | Politik
Tom Enders Airbus-Chef: Der A380 wird nicht eingestellt

Der A380 verkauft sich schlecht. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bekennt sich Airbus-Chef Tom Enders dennoch zu dem Riesenflieger: Eine Einstellung stand und steht nicht zur Debatte. Mehr

28.02.2015, 17:16 Uhr | Wirtschaft
Vatikan Papst Franziskus traut Paare mit Kindern

Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt traut Franziskus 20 Paare im Petersdom, darunter einige mit unehelichen Kindern. Damit setzt der Pontifex ein Zeichen für mehr Offenheit in der katholischen Kirche. Mehr

14.09.2014, 20:09 Uhr | Politik
Kurienreform Reform an Haupt und Gliedern

Um die 15 Kurienkrankheiten zu heilen, müsste Doktor Franziskus nur in die Geschichte der Kirche schauen: Gegen Gier nach Macht und kalten Bürokratismus helfen bewährte Modelle kollegialer Entscheidungsfindung wie das Konsistorium und die Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten. Mehr

23.02.2015, 11:17 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.01.2013, 07:49 Uhr

Unser Bodo

Von Michael Hanfeld

„Astreine One-Man-Show“? Salve.TV sinkt vor Thüringens Ministerpräsident in den Staub. Kritisch-distanzierter Blick? Journalistisches Prestige? Eine mediale inszenierte Sendung mit und vor allem für einen Politiker. Mehr 3 15